Being Guy Fawkes: Der Geist von Occupy

    

 

Die Welt ist im Wandel. Und im Westen hat er ein Gesicht: Guy Fawkes, der katholische Offizier seiner Majestät King Jakob I. Die Maske des Konvertiten mit dem außergewöhnlichen Schnauzbart ist zum Erkennungszeichen des außerparlamentarisch agierenden wlan-Wutbürgers geworden. theo- Redakteur Sven Schlebes hat nachgesehen, wo die Reise der katholisch Maskierten begann und welches Herz sie in Bewegung hält.


Am Anfang waren 36 Pulverfässer. Sorgfältig eingelagert im Keller des Palastes von Westminster – genau unter dem
Sitzungsraum des englischen Parlamentes. Wäre alles nach Plan verlaufen, hätte der sogenannte »Gunpowder Plot« am Tag der Parlamentseröffnung fast die gesamte Elite des britischen Empires ausgelöscht: die Königsfamilie, alle Parlamentsmitglieder, Bischöfe und den Großteil des Hochadels. Als Zeichen des Widerstandes gegen die Verfolgung katholischer Glaubensangehöriger am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges. Doch der Soldat Guy Fawkes und seine Getreuen flogen auf und das Empire bedankte sich bei den Revoluzzern mit einer zeitgemäßen Inszenierung der Deliquentenhinrichtung in drei Akten: Hängen, Ausweiden, Vierteilen. Nur Guy Fawkes sparte sich die beiden letzten Akte: Er entkam seinem Henker, sprang mit der Schlinge um den Hals vom Podest und brach sich das Genick. Ein Auftritt mit Symbolkraft. Nur etwas anders, als die Herrschenden sich das so gedacht hatten. Während seitdem der jeweilige Thronfolger vor der jährlichen Parlamentseröffnung zunächst durch die Kellerräume schreitet auf der Suche nach
explosivem Material, feiern die Menschen am 5. November auf den Straße karnevalesk das erfolglose Attentat.
Wo der Kölner sich fast zeitgleich in sein Kostüm als Bauer, Jungfrau oder Funkenmariechen zwängt, bedient der
Engländer sich der Maske des spitzbübisch grinsenden Guy Fawkes, um dem Anschlag, der keiner war, zu gedenken. Und
so recht weiß niemand, ob sie jetzt die Vereitelung feiern und Fawkes mitsamt den Winterdämonen zum Teufel schicken –
oder ob nicht auch Bewunderung im Spiel ist für einen Glaubenskämpfer und Elitenfresser. Eine Tüte Fish and Chips
halt.

Über vierhundert Jahre war »Being Guy Fawkes« eine reine Passion der Inselbewohner. Bis der britische Autor Alan Moore mit seinem Comic »V wie Vendetta« das Umstürzlerpotenzial des Archetypensymbols »Guy Fawkes« entzeitlichte und in einer neuen Erzählung den Zeitgenossen der Eisernen Lady Margaret Thatcher und Ronald Reagans zugänglich machte: Ein gesichtsloser und bombenlegender Anarchist kämpft gegen ein autoritäres England. Der Welt tritt er unter der Maske von Guy Fawkes entgegen: um endlich Profil zu zeigen und erkannt zu werden. Mit Glauben an Gott hat das nichts mehr zu tun. Aber mit einem Glauben an eine Sache. Die Sache des Menschen gegen das System. Als 2008 die Hackercommunity Anonymus im Internet Aktionen gegen Scientology plante, kam Guy wieder gerade richtig: Als zugleich einende, profilierende und Schutz gebende Integrationsfigur. Seitdem ist »Being Guy Fawkes« sichtbarer Ausdruck für alle, die sich einzeln aufmachen in einen virtuellen Kampf gegen die 99%ige Ohnmacht im System der 1%: Ob es eine Sekte sein mag, Banken oder gleich ein ganzes Gesellschaftssystem. Wer die Tragikkömodie Being John Malkovich gesehen hat, weiß: In jemanden anderes zu schlüpfen, der Welt über den Körper des anderen zu begegnen und ihn sich anzueigenen, ist purer Sex. Noch dazu, wenn es ein schöner Körper ist und die geenterte Person eine bedeutende kulturelle Rolle spielt. Geliehener Eros sozusagen. Guy Fawkes ist zwar nur eine Maske, aber hinter seinem Grinsen als Teil einer großen Gruppe unerkannt zu bleiben, verleiht Macht und Erregung. Das geht weiter als das euphorisch ausgerufene »Wir sind Papst«. Hier geht es um eine aktive Veränderung der eigenen Selbstwahrnehmung – fast wie in Jim Carrey’s »Maske«. Eine Ermächtigung findet statt. Eine Ermächtigung, die wir Christen eigentlich über den heiligen Geist erfahren sollen. Und die doch bei den meisten von uns ausbleibt, weil wir beim Blick in den Spiegel uns selbst begegnen. Dem trostlosen Ich. Aber auch maskiert. Und wer bin ich? Wer mit den Occupy- oder den Anonymus-Aktivisten spricht, erfährt, dass auch sie diese Frage nicht beantworten können. Die meisten wissen nicht einmal genau, wessen Maske sie da tragen. Doch sie schafft Verbundenheit und schenkt Gewissheit auf eine bessere Zukunft. Charles Eisenstein, einer der Spin Doktoren der Occupy-Bewegung, gibt dieser Zukunft jetzt in einem Essay einen Namen: Die Revolution der Liebe. Das hat schon mal jemand ausgerufen: Jesus Christus. Und wir scheitern daran. Seit über 2000 Jahren.

Aber es tut gut, wieder daran erinnert zu werden, worum es wirklich geht in unserem Leben. Denn Liebe brauchen wir mehr als jemals zuvor. Liebe jedoch fordert Demaskierung – und eben kein Verstecken. Öffnen wir das Visier: es geht um ein offenes Bekenntnis im Heiligen Geist, mit Herz, Wort und Tat. Radikale Ichwerdung in der unmittelbaren Hinwendung zum Du. Dafür braucht es keinen Guy Fawkes. In der Bibel findet sich ausreichend Sprengstoff. //

Charles Eisenstein
»Der Geist von Occupy.
Keine Forderung kann groß genug sein.
Die Revolution der Liebe.«
64 Seiten.
Scorpio Verlag 2012.

Fotocredits: Wikipedia. Crispijn van de Passe the Elder

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