Das Mädchen aus Vietnam

Das Glockenbachviertel: Hier stemmt die Szene Münchens sich gegen das Grau des Alltags. Hier bin ich Mensch, hier darf ich
rein –wenn ich anders bin. Wenn ich kreativ, wenn ich kulturschaffend, wenn ich mindestens semi-schicki bin. Dann
mache ich mit beim nächtlichen Rambazamba, tagsüber fahre ich Moped oder Rad, hocke im Café über dem I-Pad, esse vegetarisch, und wenn doch mal Currywurst, dann bitte mit Schampus – beim Imbiss Curryum die Ecke.
Dieses auch multikulturell genannte Glockenbachviertel ist die Heimat eines unauffälligen, aber anspruchsvollen In-Restauants. Das Ricegehört der aus Vietnam stammenden Loan Ngo Thuy Bich, eine wirre Lebensgeschichte hat die junge Frau bis hierher in die Kohlstraße getragen, eine Geschichte, die ihr folgt wie ein Schatten.

Schwungvoll tritt sie aus dem Schattenreich der Küche ins Licht ihres an diesem Mittag gut gefüllten Restaurants. Der Minimalismus des kleinen, sehr geschmackvoll gestalteten Raums mit Tischen und Essbar wird nur unterbrochen von Fotos aus Loans Kindheit, die scheinbar zufällig angeordnet die Wände zieren und die ihre Lebensgeschichte gleich mit ins Licht rücken. Freundlich und professionell bewirtet sie ihre Gäste, nichts entgeht ihrem  gastronomisch geschulten Blick. Schon mit 14 Jahren schleppte sie die ersten Tabletts durch die Gegend, aber da lag schon eine Irrfahrt hinter ihr. Was war geschehen, damals in ihrer Kindheit?
Loans Blick gleitet nach innen. In der Art, wie sie jetzt am Tisch sitzt, liegt eine hohe Präsenz, eine Bewußtheit. Der Rücken bleibt kerzengerade.
1978 kommt sie in Saigon/Südvietnam zur Welt, als zweite von drei Töchtern katholischer Eltern. Wenige Jahre zuvor hieß
dieses geschundene Land noch Indochina, ausgebeutet von Kolonialherren und zerstört vom Krieg. Fünf Millionen Katholiken bilden eine Minderheit in einem multireligiösen Völkergemisch. Die Frömmigkeit und das Festhalten an Ritualen sind die einzigen Konstanten der Familie in einem ansonsten von Armut und Ohnmacht beherrschten Leben. Von Januar bis Mai dampft Saigon vor Hitze, die feuchten Kleider trocknen nie und für die meisten Menschen beginnt das Unglück am Tag ihrer Geburt. Zweimal probt die Familie die Flucht, Schlepperbanden nehmen den Eltern das bisschen Geld, das sie besitzen, doch kein Beten hilft: beide Fluchtversuche misslingen.
Jetzt haben sie nichts mehr, was sie geben können, bloß noch ihre Kinder.

Es ist ein Tag wie jeder andere, Loan ist acht Jahre alt, als ihre Eltern sie Gott anvertrauen –und dem südchinesischen Meer. Im dritten Versuch soll das Mädchen es alleine packen.
Sie hieven sie in ein klapperiges Holzboot, zu anderen Flüchtlingen, mit dem Wind und den Sternen sollen sie einem anderen, einem besseren Leben entgegenschwimmen. Auf die Frage, wie sie sich gefühlt habe auf schwankenden Planken, darauf weiß Loan nur Diffuses zu antworten. Ihre Gefühle unter Verschluss zu halten, das hat sie, wie die meisten Asiaten, früh gelernt. Möglich, dass ihre Seele dramatische Einzelheiten der Flucht einfach verschluckt, die ganze Kindheit gleich mit hinuntergeschluckt hat.
Man möchte sich vorstellen, wie der Abschied war von den Eltern, den Geschwistern, das Dunkel der Nacht auf dem Meer, aber das Unvorstellbare ist nicht vorstellbar, vielleicht nicht einmal für sie selbst, Erinnerung ist trügerisch und gnädig zugleich.
»Meine Eltern konnten nicht anders, damals, und es war nichts Besonderes für Vietnamesen, ihre Kinder auf ein Boot zu setzen«, das sagt sie so –in leicht bayerischem Tonfall.
Im Restaurant ist es leer geworden. Loan steht auf, geht in die Küche, holt etwas zu trinken. Sie ist zierlich wie die Stäbchen, die sie zum Essen reicht, und sie ist mädchenhaft, sie ist das Mädchen, das sie nie sein durfte.
Wie lange war sie unterwegs auf dem Meer? Es müssten an die zwei Wochen gewesen sein, bevor sie von der Cap Anamur aufgefischt wurden. Ein Mitarbeiter des deutsch/französischen Rettungsschiffes kennt ihren späteren Pflegevater. Das weiß sie noch nicht zu diesem Zeitpunkt.
Sie und ihre Mitflüchtlinge heißen nun Bootpeople, werden mit dem Nötigsten versorgt, auf den Philippinen gehen sie an Land. Nonnen nehmen Loan ins Kloster auf, die Behörden nennen es »Zwischenlager«. Das Katholische ist nun das erkennbar Vertraute, ist die Heimat, die doch verloren ist. Wenn du alles verläßt, was zu dir gehört, verläßt du fast dich selbst, sagt Heinrich Böll.

Und dann, Wochen sind vergangen, wacht sie eines Morgens auf am Starnberger See –bei Pflegeeltern. Ein eigenes Kind haben sie gerade verloren, zwei Kinder sind ihnen geblieben. Loan soll helfen, wieder so etwas wie Normalität in der Familie herzustellen. Sie hat ein eigenes Zimmer mit ganz viel Spiel zeug, sie ist angekommen in der All-you-can-eat-Gesellschaft. Sie lernt schnell, vor allem Deutsch, sie geht in die Grund schule, später aufs Gymnasium, in den Trachtenverein.
Die Sonne scheint, und das Leben scheint leicht. Die Berge, sie glitzern so schön, und es läuten die Glocken am See. Das Katholische ist auch da, ist so vertraut, bloß die Wegekreuze und die schönen Barockkirchen Bayerns, sie sind neu. Vietnam ist weit hinter dem Meer, die Bilder verblassen. Vater, Mutter und die Schwestern, was sie wohl machen? Die Madonna auf dem Hausaltar wird sie beschützen, ganz sicher.
Gegrüßet seist du Maria, du bist voll der Gnaden.
»Asiatinnen, so heißt es, sind fleißig, devot und anpassungsfähig.« Loan ist fleißig, das schon, ansonsten eigenwillig, aufsässig und willensstark –ein Schock für die neuen Eltern. Sie fühlt: die Lücke des verlorengegangenen Kindes kann sie nicht füllen, ist deswegen mehr geduldet als geliebt.
»Wegen diesem Kind werden wir uns noch scheiden lassen«, brüllt der Vater des Nachts, wenn er sie schlafend wähnt.
Bald schon wird er sich darum kümmern, Loans leibliche Eltern nach Deutschland zu holen – und mit ihnen eine Gelegenheit, die Unbequeme loszuwerden.
»Ich hatte nie eine Chance bei ihm«, sagt Loan, nicht ohne Bitterkeit.
Die richtigen Eltern kommen, sie kommen zu früh und mit ihnen die ganze Familie. Erst in ein »Zwischenlager« in Ostfriesland, dann in eine kleine Wohnung. Gegen ihren Willen wird Loan, sie ist fünfzehn, von Starnberg an die Nordsee verfrachtet. Familienzusammenführung!
Die Eltern und auch die Schwestern sind ihr fremd geworden, sie spricht nicht mehr ihre Sprache, sie fühlt sich nicht wohl in den beengten Verhältnissen, sie hat Sehnsucht – nach Bayern. Loans Leistungen in der Schule sacken ab, sie muss vom Gymnasium auf die Realschule wechseln.
Es wird dunkel in ihr, so dunkel wie die Nächte auf dem Schlepperschiff.
Als sie 18 wird, geht sie zurück, sucht sich eine Wohnung in München. Wieviel Heimat braucht der Mensch? Einmal aus dem Tritt gekommen fällt es schwer, wieder Fuß zu fassen. Die Zerissenheit, die Suche nach einer Identität, sie treiben das Mädchen um. Jahre wird diese Suche währen, vielleicht ein Leben. Loan jobbt in der Gastronomie, lernt Fremdsprachenkorrespondentin und einen Jungen kennen, einen »echten Münchener«, eine Zeitlang kehrt die Leichtigkeit zurück, dann zerbricht die Liebe.
»Ich habe doch keine Familie, da muss der Mann alles sein, alles ausfüllen, und welcher Mann kann das schon«, sagt sie und lächelt ihr ernsthaftes Lächeln. Beide Familien, die sie hatte, scheinen vergessen, beide haben sie fortgegeben.
Lieber Gott, wer bin ich? Wo gehöre ich hin?
Tien, die Köchin und Freundin, verabschiedet sich bis zum Abend. Vertraute, vietnamesische Sätze fliegen zwischen den beiden Frauen hin und her. Ein Stück Heimat im Glockenbachviertel.
»Tien ist quasi alleinerziehend, für ihre Tochter hat sie gerade eine katholische Schule gefunden, eine, die von Ordensfrauen geleitet wird. Da habe ich wieder gemerkt, wie schön und wie wichtig der Glaube ist, wieviel Gemeinschaft er stiftet. Das möchte ich für meine Kinder auch einmal.«
Das ist das Leben, von dem Loan träumt: Endlich eine Familie, Kinder.
Die Schwester der Heimatlosigkeit ist das Gebtriebensein. Es war 2008, als sie zum ersten Mal wieder in ihre Heimat reiste. Bei ihren Großeltern kehrte sie erst ein, als sie sich schon ein paar Wochen im Land umgesehen hatte, das Unabhängigsein war längst Teil von ihr.
Als erstes fällt ihr wieder die Enge auf, Geräusche und Gerüche sind vertraut und doch wieder fremd. Vietnam ist anders geworden. »Ein Land erwacht«, jubeln die Reiseführer, und doch kann Loan sich nicht vorstellen, für immer zu bleiben. Angeregt durch die Küche ihrer Großmutter, durch die duftenden Gewürze auf den Märkten schreibt sie Rezepte auf, das Motiv schlummert schon lange in ihr: sie hat sich für die Selbständigkeit entschieden – will ein vietnamesisches Restaurant in München eröffnen.
Sie weiß, es wird Kraft kosten, aber sie springt. Die Banken machen mit, das angemietete Lokal, eine alte, verrauchte »Bier-Boazn« will verjüngt, verschönert werden. Vier Monate dauert der Umbau, die Pflastersteine für den Boden sammelt die Wirtin selbst in Münchener Hinterhöfen. Alte Tische und Stühle schleift sie ab und lasiert sie neu. 2009 ist Eröffnung. Das leichte, schmackhafte Essen kommt an und Loan gleich mit, gefühlt kennt jeder zweite Passant im Viertel die Chefin mit Vornamen.

Zu ihren Eltern hat sie wenig Kontakt, manchmal ein Telefonat, das schon. Zu den ehemaligen Pflegeeltern hat sie garkeine Verbindung, aber ihr suchender Blick erzählt von der Vorläufigkeit dieses Zustandes.
»Ich möchte Demut lernen, Dankbarkeit. Mir fällt auf, dass hier sehr schnell hochmütig wird, wer nur ein bisschen Erfolg hat.«
Was sie an den Deutschen mag? »Dass sie Gefühle zeigen. Gestern habe ich gesehen, wie traurig meine Freundin war, da hätte ich sie so gern in den Arm genommen.« Sie wird nicht aufhören, sich nach dem besseren Leben zu recken, und sie wird es in sich vereint haben, irgendwann: das Beste aus beiden Welten.  // Text: Brigitte Haertel; Fotos: Beatrix Lang

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