Das Morgengebet

Pater Georg Maria Roers SJ

 

Pater Georg Maria Roers SJ

von Pater Georg Maria Roers SJ

Jeder Mensch hat einen ganz eigenen Ritus beim Aufstehen. Manche springen schnell aus dem Bett und stehen genauso schnell im Türrahmen, um auf dem Weg zur Arbeit ihren Kaffee zu trinken. Auf der Autofahrt hören sie die Morgennachrichten, weniger die Morgenandacht. Am Arbeitsplatz angekommen, beginnt der Tag mit der Stechuhr. Mir ist es wichtig, den Tag in Stille zu beginnen. Gleich nach dem Frühstück sich auf Gott auszurichten, klingt vielleicht nicht so cool, wie nach dem Aufstehen den Lieblingssender im Radio anzuschalten. Aber es verschafft mir Gelegenheit, bewusst in den Tag zu starten.

Wer sich am Morgen 20 Minuten Zeit nimmt für Gott, den wird untertags nichts so schnell umhauen. Das Buch Jesus Sirach, im Ersten Testament, beschreibt die Quellen der Weisheit: »Alle Weisheit stammt vom Herrn, und ewig ist sie bei ihm. Den Sand des Meeres, die Tropfen des Regens und die Tage der Vorzeit, wer hat sie gezählt?« Auf altmodische Weise wird hier über die Größe Gottes gesprochen. Vielleicht würden wir heute fragen: »Alle Mails und Briefe und Anrufe, die je gemacht wurden, wer kennt ihren Inhalt?«
Die Dimensionen Gottes sind also für uns unfassbar. Analog werden wir aufgefordert: »Sei nicht kleinmütig beim Gebet und nicht säumig beim Wohltun!« (Buch Jesus Sirach 7,10) Dieses Buch der Bibel ist in einer Zeit geschrieben worden, als das Judentum und das Griechentum einander kulturell bereicherten. Die Weisheit der Philosophie reichert das mosaische Gesetz an.
»Das ist doch für die frühen Morgenstunden viel zu schwere Kost.« Mag sein! Aber unsere Träume nehmen auch keine Rücksicht. Ein Freund erzählte mir diesen Traum, an den er sich beim Aufstehen erinnern konnte. Er sollte verreisen und musste in relativ kurzer Zeit seine Koffer packen. Er gerät in Panik. Er weiß, er kann nicht alles mitnehmen. Er muss auswählen… Dann wacht er voller Angst auf. Wir müssen nicht immer gleich an den Aschermittwoch denken, wenn der Priester uns die Asche auflegt mit den Worten: »Denn Staub bist du, zum Staub musst du zurück.« (Genesis 3,19). Aber es bleibt uns nicht erspart, Entscheidungen zu treffen. Wenn wir einkaufen, tun wir das ganz automatisch. Im spirituellen Leben ist es nicht anders. Was ist wichtig, was brauche ich wirklich zum Leben? Warum gönnen wir unserer Seele nicht das, was unser Körper doch auch braucht: Entspannung.

Aus Disstress wird Eustress, aus Moll wird Dur! Wer schon am Morgen seine Gedanken ordnet und seine Seele ausrichtet auf Gott, wird mit den Menschen untertags

 

Foto: (c) Pater Georg Maria Roers SJ

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