Musik, Musik, Musik

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Was dem Philatelisten seine Briefmarken, das ist mir meine cd-Sammlung. Die ist, bitte verzeihen Sie diese kleine Prahlerei, vor kurzem auf 600 Exemplare angestiegen, die Schallplatten aus meiner Teenagerzeit nicht eingerechnet. Eine  stattliche Zahl, wie ich finde, aber ich kannte mal jemanden, der hatte über 7000 cds. Alphabetisch geordnet und archiviert. Ganze Tage habe ich vor dieser Wand verbracht, versunken in einer Welt voller Klänge. Leider stellte sich schnell heraus, dass die Liebe zur Musik das Einzige war, was uns verband, und die Wand und ich wurden wieder getrennt.
Ach ja, die Musik – für mich ist sie die magischste aller Künste. Weil sie nicht sichtbar ist und auch nicht anfassbar. Sie malt Bilder ohne Farben, erzählt Geschichten ohne Worte. Oder um es mit dem englischen Dirigenten Leopold Stokowski zu sagen: »Ein Maler malt seine Bilder auf Leinwände, der Musiker malt sie auf Stille.« Ein Bild, eine Komposition, gemalt aus Tönen und Klängen. Die Musikwissenschaft liefert sicher eine Reihe konkreter Definitionen. Aber ich bin kein Theoretiker, davon verstehe ich nicht viel. Ich kann Noten lesen, etwas Klavier spielen und gerade noch Melodie, Harmonie und Rhythmus voneinander unterscheiden. Aber muss ich Musik verstehen? Vielmehr möchte ich sie mir als Mysterium bewahren, mich von ihr bezirzen, benebeln und entführen lassen. Genau in dieser Reihenfolge. Und inspirieren. Während ich diesen Text schreibe, höre ich das Album Veedon Fleece von Van Morrison. Es ist mein Glücksalbum, weil es in meinem Geburtsjahr veröffentlicht wurde, und weil ich für meinen allerersten veröffentlichten Text vor 13 Jahren, bei dem ich das Album als Arbeitsmaterial einsetzte, gleich einen netten Leserbrief bekam. Seitdem ist schreiben mit anderer Musik vollkommen ausgeschlossen. Und so erzählt jede meiner cds ihre eigene kleine Geschichte.
Aber inzwischen kann doch alles raumsparend auf Festplatten digitalisiert werden, mögen Sie vielleicht denken. Stimmt. Aber eine cd ist wie eine kleine Schatztruhe. Ich öffne sie und hole ganz sanft eine glitzernde Kunststoffscheibe heraus, auf der sich eine kostbare Sammlung verbirgt. Außerdem glaube ich immer noch, dass Musik aus einer richtigen Stereoanlage um Klassen besser klingt, auch, wenn Experten mich da unbelehrbar nennen.
Nur Konzerte können das Hochgefühl des cd-Hörens noch übertreffen. Wenn sich der Klang der Instrumente direkt über den Köpfen verdichtet und formatiert, um sich dann des ganzen Körpers zu bemächtigen, einschließlich der Tränendrüsen. Bei Live-Musik muss ich immer weinen. Ich glaube vor Glück, allerdings vermute ich da auch eine rein chemisch erklärbare Reaktion. Das letzte Mal habe ich während der Neujahrsmesse in unserer Kirche geweint.
Die Akustik in dieser Kirche ist unbeschreiblich. Ich stelle mir immer vor, der Schall schießt gebündelt nach oben, prallt an die gewölbte Decke und regnet dann wie ein Schauer auf die Zuhörer nieder. Doch ich schweife ab. Wir waren also in der »Cäcilienmesse« von Charles Gounod, das Orchester spielte fabelhaft und als der Chor anstimmte, war es, als seien die Himmelschöre persönlich hinabgestiegen. Das war wunderschön, ergreifend, ich konnte die Tränen nicht zurückhalten, und als ich mich verstohlen umsah, stellte ich fest, ich war bei weitem nicht die Einzige.
Ach, ich möchte gar nicht mehr aufhören, über Musik zu philosophieren, da ist so vieles, was ich noch zu sagen hätte. Doch leider habe ich nun zu tun, Platz 601 im Regal muss belegt werden. Und dafür kommt nur die »Cäcilienmesse« in Frage. // von Stephanie Härtel

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