Der Gesundheitswahn wird krankhaft

Gesundheit. (c) Istockphoto

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Die Idee, stets fit und belastbar zu sein, ist zu einer Ersatzreligion geworden, die unser Menschenbild verändert und die Sozialsysteme gefährdet.

von Manfred Lütz

Hauptsache gesund! So manchem ist diese dahingesagte Floskel auf die Geburt eines Kindes hin schon im Hals stecken geblieben. Entweder weil er erfuhr, dass das Neugeborene behindert zur Welt gekommen war, oder dass ein Elternteil an einer chronischen Krankheit leidet. Denn tatsächlich ist dieser Satz nicht bloß zynisch,
sondern kompletter Unsinn.

Niemals in der gesamten philosophischen Tradition des Ostens und des Westens war etwas so Zerbrechliches wie
die Gesundheit der Güter höchstes! Noch bei Kant war es die Einheit von Heiligkeit und Glückseligkeit oder Gott. Doch heute ist alles anders. Nachdem die jahrzehntelange Schlammschlacht gegen Christen tum und Kirche ein monströses Zerrbild unserer angestammten Religion hervorgebracht hat, ist für viele Menschen ein religiöses Vakuum entstanden.

Die Sehnsucht nach ewigem Leben, die seit den ersten Zeugnissen die Erdenbewohner umtreibt, ist zwar ungebrochen,
aber sie droht ins Leere zu laufen. Und damit begann die religiöse Karriere der Gesundheit. Kein Zweifel, wir leben heute im Zeitalter der real existierenden Gesundheitsreligion. All das, was man früher für den lieben Gott tat, wallfahren, fasten, gute Werke verrichten, das tut man heute für die Gesundheit. Die herrschende Gesundheitsreligion feiert ihre Hochämter bei Städtemarathons, Fitnesstudios sind ihre Wallfahrtskapellen. Es gibt Menschen, die leben nur noch vorbeugend, um dann gesund zu sterben. Aber auch, wer gesund stirbt, ist definitv tot.

Wer Sinn für Realsatire hat, der kommt im Gesundheitsbetrieb unserer Tage reichlich auf seine Kosten. Man kann den
bruchlosen Übergang von der katholischen Prozessionstradition in die Chefarztvisite beobachten. Ohne das ganze
Brimborium ritualisierter Hierarchiepräsentation wäre die Informationsgewinnung womöglich kürzer und effek tiver. Doch das gesundheitsfromme Publikum fordert ungestüm seine Halbgötter in Weiß und ihre Rituale. Es fordert nicht bloß Heilung, sondern Heil, nicht bloß Lebensverlängerung, sondern den Sieg über den Tod, nicht bloß Beseitigung von Leid, sondern die Herstellung von Glück.

Ablasswesen, Werkgerechtigkeit, Sektenplage, auch die Unarten der traditionellen Konfessionen finden sich hier nachgeäfft. Diätmoden gehen wie wellenförmige Massenbewegungen über Land, in ihrem Ernst die Büßer- und Geißler –
bewegungen des Mittelalters bei weitem übertreffend. Der Blasphemieschutz ist komplett von den Altreligionen auf die Gesundheitsreligion übergegangen. Über Jesus Christus kann man in unseren Breiten jeden noch so albernen Scherz
machen, aber bei der Gesundheit hört der Spaß auf. Die viel diskutierte Burn-out-Welle hängt damit zusammen, dass viele denken, man müsse stets ausgeglichen und bestens gelaunt und hochbelastbar sein. Wer sich darüber lustig macht, ist fast schon ein Ketzer.

Man hat religionsförmige Phänomene auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen ausgemacht, beim Sport, im Show-Business, bei politischen Ideologien. Doch im Gesundheitsbereich findet sich die Parodie der Religion am umfassendsen
und differenziertesten. Vor allem aber hat die sakrale Aufladung der Gesundheit als »höchstes Gut«, wie sie in jeder landläufigen Geburtstagsrede zelebriert wird, verheerende Auswirkungen auf das Menschen bild unserer Gesellschaften. Wenn der gesunde Mensch der eigentliche Mensch ist, dann ist der Kranke, vor allem der nicht mehr heilbare Kranke, der Behinderte, ein Mensch zweiter und dritter Klasse.

Die Gesundheitsreligion hat inzwischen auch ihren eigenen Fundamentalismus entwickelt: Die »Ethik des Heilens«.
Die Ethik war einmal der argumentative, kontroverse, philosophische Diskurs über Moral. Wenn aber heute jemand »Ethik des Heilens« sagt, signalisiert er das Ende jeder Debatte, denn nun wird es sakral.
Wer heilt, hat Recht. Dieser eigentlich gute ärztliche Grundsatz entzieht, inzwischen umstands los aufs Gebiet der Ethik übertragen, jeder ethischen Argumentation die Legitimation. Um gesund zu werden und zu bleiben, ist jedes Mittel recht, und wer nicht mehr gesund werden kann, dem wird in einigen Nachbarländern bereits wortlos der Ausgang gezeigt: Exit heißt in der Schweiz die entsprechende Organisation, die die Gesellschaft von der Last definitiv ungesunder Menschen befreit. Das Thema birgt sozialen Sprengstoff. Wenn nämlich Gesundheit tatsächlich, wie alle Welt sagt, das höchste Gut wäre, dann wären maximale Diagnostik und maximale Therapie für jeden Einzelnen von uns absolute Pflicht der Gesellschaft und des Staates. Das aber bedeutete den sofortigen finanziellen Zusammenbruch des Gesundheitswesens. Jeder Kundige weiß, dass der political korrekte Satz »Alles medizinisch Notwendige für jeden Bundesbürger muss selbstverständlich geschehen« schon jetzt utopisch ist.

Noch vor 50 Jahren war es wohl möglich, alles medizinisch Sinnvolle für alle solidarisch zu finanzieren. Diese Zeiten aber sind lange vorbei. Die sakrale Hochwertung der Gesundheit lässt die Gesundheitsbranche boomen. Was die immensen Kosten, die wissenschaftliche Forschung und der technische Fortschritt auf diesem Gebiet auslösen, sprengt inzwischen alle Grenzen. Dabei geht es nicht, wie gern beschwichtigend gesagt wird, um »Luxusmedizin«, sondern durchaus um sinnvolle medizinische Hilfen. Immer noch ist die alte, utopische Definition der Weltgesundheitsorganisation in allen Köpfen, Gesundheit sei »völliges körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden«. Das ist natürlich für niemanden wirklich erreichbar. Doch eine utopische Gesundheitsdefinition und zugleich die sakrale Aufladung des Gesundheitsbegriffs sind ökonomisch hochattraktiv. Ein erreichbares Ziel ist spätestens dann uninteressant, wenn es erreicht ist. Ein unerreichbares, aber gleichwohl höchst erstrebenswertes Ziel ist der Traum der Ökonomie, zugleich aber der nicht enden wollende Albtraum seriöser Politik. //

 

Informationen zum Autor: 

Manfred Lütz, 58, ist Mediziner, Dipl. Theologe und Publizist. Im Alexianer-Krankenhaus für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie in Köln ist er als Chefarzt tätig.
Foto: istockphoto

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