Raues Klima

Peter Raue. Fotograf Oliver Helbig.

Peter Raue. Fotograf Oliver Helbig.

Der Rechtsanwalt Peter Raue hat für die Berliner Kunst mehr getan als die meisten Politiker. Brigitte Haertel und Oliver Helbig (Fotos) haben ihn besucht.

Christoph Schlingensief genoss ein pro-bono-Mandat des Hauses, mit seinem Projekt »Operndorf Burkina Faso«. Pro bono – das sind jene unentgeltlichen Rechtsberatungen, die renommierte Anwaltskanzleien für Belange des Gemeinwohls oder förderungswürdige Personen übernehmen. Schlingensief wurde vom Seniorpartner persönlich beraten: Peter Raue ist spezialisiert auf Urheberrecht und Presserecht, und weil er ein Feingeist ist und weil er Lust dazu hat, vertritt er nur Künstler oder kulturelle Einrichtungen. An einer der glamourösesten Adressen der Stadt, am Potsdamer Platz 1, dehnt die Kanzlei Raue llp sich auf drei Etagen dem Himmel über Berlin entgegen. Etwa 50 Anwältinnen und Anwälte arbeiten sich hier durch das Recht, blicken nicht nur über die Dächer der Stadt, sondern auch auf sehr viel Kunst: An die 600 Arbeiten zumeist zeitgenössischer Künstler versuchen hier, dem Alltag Bedeutung abzugewinnen, eine beeindruckende Sammlung, die Peter Raue im Laufe der Jahre zusammengetragen hat. Als mit beinahe sakraler Bedeutung aufgeladen gilt ein Raum, der der Gegenwartskünstlerin Rebecca Horn gewidmet ist.

Wer unter diesem Dach seine Karriere vorantreiben will, dem wird nach etlichen Bewerbungs- und Eignungsgesprächen ein kleiner, aber feiner Raum eingeräumt – an die Wände gehören nur Kunstwerke aus Raues Sammlung, der eigene Gestaltungswille hat vornehm zurückzutreten. Lautlos erhebt der Aufzug sich in den 9. Stock, nein, der Herr Professor Raue sei nicht da, er arbeite von zu Hause aus, die sehr freundliche Sekretärin lächelt sich durch das Vakuum des Nachmittags. Und dann ruft er auch schon selbst an. »Sie möchten zu ihm nach Hause kommen«, lächelt die Dame. Alles sehr unkompliziert, im Raue-Imperium, so scheint es. Also einmal quer durch die Stadt nach Charlottenburg. Hier soll, so raunen Berliner sich zu, Peter Raue auf sehr, sehr vielen Quadratmetern leben – mit noch mehr Kunstwerken und seiner zweiten Frau. Im letzten Stockwerk eines repräsentativen Altbaus gewährt er Einlass, trägt lustige rote Schuhe, eine rosa Hose. Die Fliege um den Hals, sie ist sein Markenzeichen, und die Marke ist er selbst, sie hat er kreiert, ihr wird er gerecht: Kunstmäzen, Sammler, Kulturmanager, Rechtsanwalt, Katholik, all diese formgebenden Attribute gehören zu ihm wie das Singen zur Nachtigall: auf eine nicht ganz ungefährliche Vielfachfunktion hat er sich da eingelassen, aber die Unentschiedenheit seiner Existenz ist wohl gewollt, passt in seinen vielschichtigen Charakter und in eine Zeit der Umbrüche und Unsicherheiten. Sein Arbeitszimmer sieht aus, wie man es von einem Kunstbesessenen erwarten darf: Schnörkellos designed, kompromisslos durchkomponiert, überall das Klima von Schöngeistigkeit.

Peter Raue ist eine lokale Größe, der Mann, der die renommiertesten Ausstellungen nach Berlin holte: die Sammlung Solomon R. Guggenheim Foundation, 2004 die MoMa-Gemäldesammlung (über eine Million Besucher), die Schau: Die schönsten Franzosen kommen aus New York. Bis 2008 war er 30 Jahre Vorsitzender des »Vereins der Freunde der Nationalgalerie«, er nennt sich selbst einen »zwanghaften Theatergänger«, diese Begeisterung lässt sich wohl leicht übertragen auf Oper und Konzerte. Seinen siebzigsten Geburtstag im vergangenen Jahr feierte er im Berliner Ensemble am Schiffbauerdammtheater im Kreise von 850! Freunden und Wegbegleitern: Museumsleute, Galeristen, Intendanten, Sammler und natürlich Künstler hatten ihm einen Überraschungsempfang bereitet, der ihm »die Tränen in die Augen trieb« (Berliner Morgenpost).
Ein Mann immer auf dem Sprung, immer unterwegs, im Laufschritt, per Rad oder Smart. Im Kulturbetrieb adelt er jeden Termin mit seinem Erscheinen, niemals scheint er müde vom Rummel auf der Berliner Bühne.
Dabei stammt Peter Raue aus München, wurde mit 16 von einem »schwierigen Vater« adoptiert, seinen leiblichen Vater, einen Halbjuden, lernte er erst kennen, als er schon Mitte dreißig und längst in Berlin angekommen war. Eigentlich wollte er Schauspieler werden, studierte dann doch Jura, was doch, so meint er, viel miteinander zu tun habe. Jetzt sitzt er in seinem Arbeitszimmer mit leicht unruhigem, aber dennoch konzentriertem Blick: Überhaupt bringt er scheinbar Unvereinbares zusammen: Er gibt sich verbindlichund gleichzeitig distanziert, er schert sich nicht um die öffentliche Meinung, und doch ist sie ihm unendlich wichtig. Zu allem ist er schon befragt worden, zu allem hatte er schon eine Meinung, alles hat er schon kommentiert – mit dem ihm eigenen Widerspruchsgeist. Sein temporeiches Parlando kennt verdächtig viele Schattierungen: Mal klingt es ironisch, mal streng, mal komödiantisch, immer aber schwingt Ungeduld mit.

Herr Raue, glauben Sie an die Kunst, wie Sie an Gott glauben?

Peter Raue: Nein, der Glaube an die Kunst ist doch ein primär sinnlicher, haptischer Vorgang, ich sehe sie, ich spüre sie, fasse sie an: Das ist doch mit dem lieben Gott nicht vergleichbar.

Gibt es ein Überangebot an Kultur, speziell in Berlin?

Peter Raue: Nein, das kann es gar nicht geben – solange die Menschen dieses Angebot annehmen. Ich bin überzeugt: Kulturelle Angebote katapultieren die Menschen aus ihrem Alltag heraus hinein in etwas Größeres, Höheres.

Wie erklären Sie sich den beispiellosen Kunsthype in der bildenden Kunst?

Peter Raue: Dieser Kunsthype, der zu Preisen von Bildern (manchmal noch lebender Künstler) von 30 bis 100 Millionen Euro führt, ist ebenso pervers wie unverständlich und hat mit dem Kunstmarkt, wie er sich auf Messen zwischen Köln, Basel, Paris und Miami und in den aberhundert Galerien abspielt, nichts zu tun. Die meisten Käufer der contemporary art sind neugierig, interessieren sich für die Sprache der Künstler unserer Tage, wollen mehr über die Kunst wissen und entscheiden sich oft nach langen, inneren Kämpfen für das eine oder andere Werk. Kunsthype und Alltag der Künstler und Galeristen: zwei Welten.

Sie sind Katholik: Konnten Sie Ihren Kinderglauben über die Jahrzehnte erhalten oder haben Sie sich auch intellektuell mit Ihrer Religion auseinandergesetzt?

Peter Raue: Der katholische Glaube ist seit Kindertagen ganz tief in mir verwurzelt, das war meine Welt und das ist sie ein bisschen bis heute. Gleichzeitig interessiert mich die Auseinandersetzung außerhalb des öffentlichen Interesses, ich habe Guardini, Rahner und Küng gelesen. Über meinen inneren Glaubenszustand will ich gar nicht reden, weil er so schwer zu beschreiben ist. Ich freue mich über Ostern und Weihnachten, weil es kirchliche Feiertage sind. Mit 16 wollte ich unbedingt Protestant werden, fand Luther toll, aber das ist lange vorbei.

Sind Sie Ihren zumindest teilweise jüdischen Wurzeln nachgegangen?

Peter Raue: Mit der jüdischen Welt habe ich mich sehr intensiv auseinandergesetzt, war häufig in Israel. Das Alte und das Neue Testament sind für mich eine große Einheit: Der Glaube an den einen Gott.

Wie stehen Ihrer Meinung nach Kunst und Religion zueinander?

Peter Raue: Sie bedingen einander, große Künstler waren oft tiefreligiöse Menschen. Ich finde es beinahe grotesk, wie die Kirche sich mit großer Ängstlichkeit der zeitgenössischen Kunst verweigert, sie hat nicht den Mut zur Radikalität, aber nur wer radikal fragt, der findet Antworten. Zur Radikalität gehört auch Gottes lästerung (was immer das sein mag, ich weiß es nicht). Blasphemie ist eine Form von Gottesnähe und nicht von Gottesferne.

Im Kölner Dom ist immerhin ein Richter-Fenster zu bestaunen, was von
einigen kritisiert wird.

Peter Raue: Da ist meiner Meinung nach nichts zu kritisieren! Als ich kürzlich im Kölner Dom vor dem Richter-Fenster stand, an einem strahlenden Sonnentag, da hätte ich am liebsten laut gesungen: »Großer Gott, wir loben Dich«. Kardinal Meisner mit seiner Haltung verschließt sich der Sprache, die die Sprache
von heute ist. Aber es gibt auch positive Beispiele: Denken Sie an Pater Mennekes, der in Köln Kunst und Kirche auf das Fabelhafteste verbunden hat. Oder ein anderes Beispiel: die Kapelle von Chagall am Genfer See, das sind Orte von höchster Kontemplation.

Was berührt Sie am Katholischen?

Peter Raue: Ich liebe das katholische Ritual. Eine Christmette oder Osternacht in Benediktbeuern gehören zu meinem Leben. Ich liebe auch die katholische Kirche in ihrer allumfassenden Offenheit.

Nun leben Sie in Berlin ja in der Diaspora, gewissermaßen:

Peter Raue: Die Diaspora ist ein in Berlin abnehmendes
Phänomen. Durch den Zuzug vieler Katholiken hat die Situation sich verändert. Wenn ich in den Gottesdienst gehe, was beileibe nicht jeden Sonntag der Fall ist, treffe ich viele Menschen, von denen ich es nicht erwartet hätte. Sehr viele Menschen, die mitten im Leben, im öffentlichen Leben stehen, haben dort eine Heimat.

Sie sind ja auch eine öffentliche Person? Sind Sie es gern?

Peter Raue: Wenn ich eine »öffentliche Person« bin – das ohnehin nur im kunstinteressierten Zirkel (unter den 80.000 Menschen im Fußballstadion wird mich niemand erkennen). Ich habe in den 50 Jahren, in denen ich in Berlin lebe, nie ein öffentliches Amt gehabt, das aber, so meine ich, gehört zu einer »öffentlichen Person«.

Das Telefon klingelt, wie bestellt, Peter Raue wird verlangt, wird gebraucht. Wie jeder schöpferische Geist kennt er die übersteigerte Wahrnehmung des Selbst, doch lässt er sie nicht in Narzissmus münden, kompensiert sie durch eine möglicherweise inszenierte Unbekümmertheit. Er ist zu klug, um sich für einen von Gott Auserwählten zu halten, er weiß: er ist auch ein Getriebener, ein Hinterfrager und damit ein Zweifler. Der Mann hat tausend Leben gelebt, vor Jahren hatte ihn der Krebs erwischt, aber Raue ist ihm entkommen, und seither weiß er die Zeit zu nutzen. Immerhin demonstriert er, dass auch Menschen mit einer schillernden Aura und einem die Grenzen der Eitelkeit nicht nur streifenden Selbstbewusstsein mit fortschreitendem Alter an Format gewinnen können. Als Rechtsanwalt gebührt ihm zweifelsohne das höchste
Kompliment: man möchte ihn nicht als Gegner haben. //

Foto: (c) Oliver Helbig

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