Vom Schuhmacher bis zum Propheten

Pater Georg Maria Roers SJ

Pater Georg Maria Roers SJ

Wer in sein Bücherregal greift, einfach so, der kann überrascht werden. Ist es Zufall, wenn ich diese Seite aufschlage und lese: »Denn alles, was von Gott lehret oder redet ohne Gottes Geist, das ist nur Babel, es gleiße, wie es wolle. Gottes Geist muss aus uns reden, soll unsere Rede vor Gott tüchtig sein.« Kein Zufall würde ich sagen, in den Nachwehen vom Pfingstfest.
Das Buch von Jakob Böhme muss vor allem erst einmal in meiner Reichweite sein, dann erst kann ich seinen 9. Sendbrief an den Zolleinnehmer Ch. Bernhard vom 12. September 1620 aufschlagen. Böhme hatte als einfacher Schuhmachermeister mit 37 Jahren seinen Erstling geschrieben, der ohne sein Wissen handschriftlich verbreitet wurde: ›Aurora oder Morgenröte im Aufgang‹.
Fünf Jahre lang hielt sich Böhme an das Publikationsverbot. Sein Manuskript wurde ihm abgenommen. Er war ein frommes Mitglied seiner lutherischen Gemeinde. Freunde drängten ihn weiterzuschreiben. ›De tribus principiis‹ erschien 1619, der 30-jährige Krieg tobte seit einem Jahr. Noch fünf Jahre blieben Böhm niederzuschreiben, was er über die Menschen und Gott und die Welt zu sagen hatte. Wer dem Hl. Geist folgt, begibt sich auf unbeackertes Gelände. Bald wurden Böhmes Schriften auch über Schlesien hinaus bekannt. »So doch die Welt nicht so blind wäre, würde sie Gottes wunderbarliches Wesen an allen Kreaturen erkennen« (1. Sendbrief, 15).
Ein religiöser Mensch kann gar nicht anders, als Gott für all das Gute, das ihm widerfährt, zu danken. Das tut jeder auf seine Weise! Wer in seinem Leben nicht alles dem Zufall überlassen will, der schlägt einige Pfähle in den Schlamm, um eine Welt zu errichten, die Bestand hat. In Venedig hat man auf diese Weise eine ganze Stadt auf Wasser gebaut. Man gibt sehr genau acht, dass der Wasserspiegel nicht sinkt und die alten Baumstämme nicht modern. Mittlerweile werden Betonpfähle bevorzugt. Aber ob diese geeigneter sind, wird sich erst noch zeigen.
Unser Leben ist im Fluss! Wer die Dynamik seiner Biographie, Familie, Stadt etc. nicht wahrnimmt, gehört bald zum alten Eisen. Der Hl. Geist wirkt nicht nur an Pfingsten! Er will unser Herz wachhalten für Christus. Eine Frau, die sich ganz vom Hl. Geist leiten ließ, war Maria. Ihre Schlichtheit war nicht Beschränktheit, sondern vollkommen vom Vertrauen getragen. Wer ganz und gar auf Gott setzt, kann keinen Fehler machen, denn Gott ist die Liebe, die Hoffnung und das Leben. Dazu gehören Höhen und Tiefen!
Die Welt von heute besteht vor allem aus Zahlen. Diese Zahlen werden von Computern verwaltet, denen wir unser gesamtes Guthaben anvertrauen. Manche Menschen, fast 1 Milliarde, vertrauen Facebook sogar einen Teil ihres Privatlebens an. Nicht nur Hab und Gut sind zerbrechliche Größen. Diese Erfahrung machen in Europa zur Zeit ganze Länder, von Familien und Individuen einmal ganz zu schweigen. Staaten drohen unter der Last der Schulden zusammenzubrechen. Konkrete Folgen für jeden Einzelnen sind keine theoretische Größe mehr. Überall auf der Welt finden sich konkrete Schicksale. Jedes Volk bezahlt irgendwann für die Entscheidungen der oberen Zehntausend. Wer Staaten, Gesellschaften und Kirchen so lenkt, als seien sie sein persönliches Eigentum, handelt fahrlässig. Kein Katholik, kein Christ kommt daran vorbei, ein Leben zu führen, das seine Umwelt achtet und schont.
»Wir wissen von allem den Preis, aber von nichts den Wert«, lautet ein Aphorismus von O. Wilde. Der Apostel Paulus hat in vielen Metaphern verpackt, worauf es ankommt: »Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke« (1 Korinther 13,1).
Wer den Kontakt zu Gott nicht wahrnimmt und pflegt, der wird gar nicht merken, wenn der Hl. Geist zu ihm spricht. Das Gebet ist eine so universelle Sprache wie die Musik. Man muss sich Zeit nehmen, um die verschiedenen Trommeln der Liebe Gottes zu hören und ihr heftiges Vibrieren im eigenen Körper zu spüren. Es muss nicht ein einschneidendes Erlebnis wie die Bekehrung Sauls zum Hl. Paul sein, also ein Paukenschlag.
Manchmal kommt der Hl. Geist ganz leise daher. Der Prophet Elija war einmal so verzweifelt, dass er sich in der Wüste den Tod wünschte. Er legte sich unter einen Ginsterstrauch. Er war des Lebens müde. Gott aber schickte einen Engel, der sich um ihn kümmerte: »Steh auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich« (1 Könige 19,7).
Dann machte Elija sich auf zum Berg Horeb und übernachtete dort in einer Höhle. Nach dem Donner und Sturm, Regen und Feuer kam schlussendlich ein leichtes Säuseln. Dieses leise Geräusch lockte Elija aus seiner Höhle. »Als Elija es hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus und stellte sich an den Eingang der Höhle« (1 Könige 19,13).
Der Hl. Geist hat für jeden von uns eine wichtige Aufgabe. Pfingsten werden uns die sieben Gaben des Hl. Geistes geschenkt: Weisheit, Einsicht, Rat, Stärke, Erkenntnis, Frömmigkeit und Gottesfurcht. Diese Gaben helfen uns dabei, unseren Alltag zu gestalten. Manchmal wollen sie uns bei unserer Wanderschaft auf unberührte Pfade führen. Das ist vielleicht anstrengender als den ausgetretenen Wegen zu folgen. Wer sich aber nicht dauernd jedem Trend anpassen muss, der muss sich auch nicht ständig verbiegen. Wer sich selbst treu ist, der ist schon auf der Spur des Hl. Geistes. //

Von Pater Georg Maria Roers SJ
Foto: Monika Hoefler

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