„Ich liebe den lieben Gott genauso, wie vorher!“

Benno Kehl

Benno Kehl Benno Kehl

 

Der Schweizer Beno Kehl war 20 Jahre Franziskanermönch. Dann verließ er den Orden, auch, um zu heiraten. Brigitte Haertel und Manfred Rieger (Fotos) fragten nach, ob er mit sich im Reinen ist.

 

Es ist gerade zwei Jahre her, da erhoben sich, wenn Beno Kehl morgens aufstand – er hieß noch Bruder Beno Maria Kehl OFM damals und er stand sehr früh auf – jedenfalls erhob sich mit ihm ein Heer von Dämonen, Plagegeistern, die ihn durch den Tag treiben sollten. Es war die Zeit, als in dem damaligen Franziskanerbruder die Ahnung keimte, dass er ein beinahe zwanzig Jahre altes Versprechen würde brechen müssen: das Verspechen, sein ganzes Leben als Ordensmann im Dienst der Kirche zu leben.

»Nach Monaten des Ringens habe ich die Kutte an den Nagel gehängt, zumindest äußerlich«, sagt Beno Kehl (44), der auch heute noch in franziskanischer ›Gassenarbeit‹ seine Überzeugung lebt und inzwischen mit Seraina verheiratet ist. Das Haus Zueflucht in der Zürcher Fabrikstraße: vom Glitzer der weltberühmten Bahnhofstraße sind es nur ein paar hundert Meter, doch sie trennen oder verbinden zwei Welten dieses Planeten, je nachdem, wie man es sehen will. Ein Leben im Geist des Evangeliums, ist es nur möglich im Schatten des Lichts?

Es ist wohl ein anderes Licht, das die bescheidenen Räume in der Fabrikstraße erhellt: es ist das Licht, das schon vor zweitausend Jahren den Armen und Schwachen leuchtete und das ein paar Jahrhunderte später noch einmal von Assisi zu strahlen begann. In diesem Licht tut Beno Kehl seinen Dienst, den Dienst am Nächsten. ›Begleitetes Wohnen‹ nennt sich die Einrichtung nach dem von ihm entwickelten ›Kahnu-Prinzip‹ (kostenlos, aber hoffentlich nicht umsonst), die »Unterstützung für Menschen in schwierigen Lebenssituationen« sein will, für Suchtbetroffene, für Einsame, Obdach- und Heimatlose.

Das ganze Elendsprogramm eben, das längst niemanden mehr um den Schlaf bringt. Wieviel perlender scheint da doch die Biographie eines Abtrünnigen, eines Mannes, der dem Orden davonlief, um mit einer Frau zu leben.
Vielleicht liegt in der Verbindung von beidem die wirkliche Geschichte und das Geheimnis des Beno Kehl, der sich des Interesses an seinem Leben bewusst ist, und sich diesem Interesse stellt: weil er Öffentlichkeit und Geld für seine Projekte benötigt, und weil er sich nicht allein weiß: regelmäßig kommt es nicht nur in der Schweiz zu Austritten aus geistlichen Gemeinschafen, fast immer geht es um die Sehnsucht nach gelebter Sexualität, und fast immer steht der Flüchtling vor dem materiellen Nichts, ist als »Persona non grata« schwer in neue Berufe zu vermitteln. »Mein Glaube an das Kommen des Reiches Gottes ist tiefer geworden, und es fließt mir noch mehr lebendige Hoffnung aus der franziskanisch christlichen Quelle entgegen als jemals zuvor«, das schrieb Beno Kehl unmittelbar nach seinem Ordensaustritt auf seine Website, und es klang ein bisschen wie das Trällern im dunklen Wald.

Das große Wort ist da, als Banner steht es über ihm: Verrat: am Orden, an der Kirche, an Gott. Der Fahnenflüchtige ist ja nicht irgendein Mönch; mit 23 Jahren tritt er, der gelernte Schreiner, in den Orden ein, die Gebote des heiligen Franz von Assisi vor Augen: Armut, Keuschheit, Gehorsam. Das Franziskanische sei ihm immer sehr wichtig gewesen, erzählt ein ehemaliger Mitbruder. Der Novize studiert Theologie und ein wenig Psychologie, lebt in der Gemeinschaft der Klosterinsel Werd, schreibt Bücher, betreut eine Gassenküche, schwirrt hin und her zwischen Drogenabhängigen und Staudämmen in Afrika, wird zum Diakon geweiht. Dass er zu einer Schweizer Berühmtheit aufsteigt, verdankt er allein seiner Persönlichkeit. Etwas unerhört Fröhliches, Unverstelltes geht von ihm aus, beflügelt von einer Urkraft, die zu wandeln vermag, und diese Kraft scheint wie die Essenz des Lebens selbst: die Tristesse geht, wenn Beno kommt, er ist Balsam für Menschen, die traurig sind, schreibt eine ehemalige Abhängige über ihren Betreuer.

Ausgerechnet dieser charismatische Vorzeigemönch steigt aus: Jetzt wird es einigen Mitbrüdern zu bunt. Kräht da nicht längst ein aufgeblasenes Ego nach Aufmerksamkeit? Mit dürren Worten gibt die Gemeinschaft seinen Rückzug bekannt: »Wegen einer Frau! Br. Beno Kehl verläßt den Franziskaner orden.«
Und die Medien sind auch schon da: »Der unkeusche Mönch« schlussfolgert der Tagesanzeiger und wittert gleich eine himmlische Fügung: »Mönch verliebt sich in einen Engel. Die Kirche findet das gar nicht lustig und rächt sich kleinlich.« »Ich liebe die Kirche vom Wesen her immer noch«, sagt Beno Kehl, »aber das Kirchenrecht kennt bei Ordensaustritten nur eine Regel: Den Verlust aller Ämter und Würden. Schließlich habe ich ja auch meine Glaubensbrüder enttäuscht, mein Gelübde gebrochen.« Und wie konnte es dazu kommen? Er lacht sein Beno-Lachen, ein Lachen, das wohl aus seiner tiefen Mitte entspringt, das der Verstellung oder Unsicherheit keinen Raum läßt. »Ich war immer ein suchender Mensch«, sagt er, so, als sei dies schon die ganze Geschichte. Vielleicht ist sie es ja auch!

Seine spätere Frau Seraina, ebenfalls Schweizerin und elf Jahre jünger als er, hatte er Jahre zuvor im Zusammenhang mit den Afrika-Projekten kennengelernt, »wie ein Engel mit Heiligenschein sei sie ihm erschienen«. Ein ganz neuer Prozess ging in ihm los, sehr behutsam, zuerst, um dann in eine tiefe Liebe, aber auch Gewissheit zu münden, dass das Ordensleben für ihn erfüllt war und jetzt etwas Anderes beginnen würde. Einige konservative Grundsätze des Kirchenrechts stellte er schon länger infrage, konnte sie mit dem Evangelium nicht vereinbaren. »Dass Menschen, die gescheitert sind, von der Kirche ausgeschlossen werden, dass das verlorene Schaf nicht zur Krippe zugelassen wird, das kann nicht im Sinne Jesu sein. Den Schritt aus dem Orden hätte ich wegen Seraina allein nicht gemacht.« Der innere Kampf treibt Bruder Beno nach Kanada, in ein Kloster, die Natur und geistlicher Beistand sollen helfen »der Versuchung zu entsagen«. »Ich habe alles getan, um die Liebe, die in mir wuchs, zu unterdrücken, sie abzutöten, oder besser: sie zu transformieren, vor Gott zu bringen: ich lief über glühende Kohlen, ich meditierte, malte, fastete drei Monate lang.«
Aber kein Beten hilft. Er erkrankt an Malaria, er stirbt, wie er es ausdrückt, und wird neu geboren.

An einer Quelle hoch oben in den Rocky Mountains erkennt er, »dass der liebe Gott nicht nur in den Armen, den Hungernden und Durstigen zu finden ist, sondern auch in Seraina. Ab da konnte ich mich auf das Weibliche einlassen.« Während Benos Schilderung ihrem dramatischen Höhepunkt entgegeneilt, gesellen sich im Haus Zueflucht eine Frau und ein Mann zum Gespräch, einfach so. »Setzt euch«, ermuntert Beno Kehl mit dem Beno-Lachen, als sie durch die Türe spähen. Es sind Drogenabhängige, Menschen, denen er Halt und Hoffnung ist, der Mann, der daran gewöhnt ist, in der Gemeinschaft zu leben, der niemanden ausschließt. Ganz im Sinne von Franziskus baut er mit den hier lebenden Menschen Umweltprojekte auf, Sinnhaftes, wie eine neue Bienenzucht für die Zukunft der Schöpfung. »Einstein sagte, wenn die Bienen sterben, gehen auch die Menschen bald«, sagt die Frau leise.
Im September des letzten Jahres heirateten Beno und Seraina. Nicht am Altar, in einer geschmückten Scheune vermählte ein befreundeter Pfarrer das Paar, das Mediengeläut um die Lovestory mit dem rührseligen Happy-End lässt die Herzen einer ganzen Nation erbeben und sieht bloß einen Spielverderber: die Kirche. Dabei haben nicht alle Geistlichen »dichtgemacht«. Einige katholische Pfarreien des Kanton Zürich luden Beno Kehl zu Vorträgen ein, berichteten auch positiv über seinen Mut zur Veränderung.

Diesen Mut brauchte er: Auf seiner Internetseite bot er kleine Hilfsdienste als Schreiner an, die Frage nach dem Materiellen, sie drängte: Inzwischen arbeitet er zu 100% für kahnu, bietet seine Dienste im franziskanischen Sinne an. »Selbstverständlich habe ich keinen offiziellem kirchlichen Auftrag mehr. Viele Menschen holen mich dennoch, ich führe Segnungen und Beerdigungen durch, mache auch Sterbebegleitung. Aber es gibt natürlich auch andere Geistliche.«

Da ist kein gescheiterter Gottesmann vom Hof gekrochen, sondern ein Aufrechter mit der unerschrockenen Gewissheit, dass alles einen Preis hat und dass Verantwortung heißt, diesen Preis zu zahlen ohne zu klagen. »Jesus ist für all jene gekommen, die sein Erbarmen brauchen«, sagt Beno Kehl, und jetzt sind es nur seine Augen, die lachen. Sein neues Leben als Ehemann? Es fühle sich gut an. »Eine Beziehung hat ja noch mal eine ganz andere Qualität, da machst du eben alle Prozesse des Wachsens durch.« Vor zwei Wochen ist er, im Herzen noch Franziskaner, mit Seraina nach Assisi gepilgert. Die Zeit im Orden nennt er kostbar: Franziskus und seine großartige Spiritualität! Er habe das Jesuswort gelebt: »Was du dem geringsten meiner Brüder getan hast, das hast du mir getan.«

Diesem Wort wollen er und seine Frau folgen, und haben jetzt doch die Freiheit, auch anderen spirituellen Impulsen nachzugehen. Beno traut auch Paare, die »nein« zur Kirche sagen, Außenseiter zumeist: »Ich traue sie nach dem Ritus des liebenden Geistes. Jesus sagt: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, und an diesem Satz kommt niemand vorbei.« Was braucht es, um täglich dem Unglück der Welt zu begegnen? »Du musst radikal ehrlich werden, sonst geht es nicht. Dein Bezug zu Gott spiegelt sich darin, wie du mit schwierigen Menschen umgehst.« Und dann ein donnerndes Lachen: »Aber glaub nicht, dass sie es dir danken, letzte Woche hat mir einer die Nase eingehauen.«
Beno Kehl, die reine Güte? Kein Sterblicher kann nur gut sein, das weiß niemand besser als Beno selbst. Und doch schimmert Hingabe durch, wenn ein Freigeist wie er sich unterwirft, dem einzigen Gebot, das er als Autorität zu akzeptieren vermag: dem Liebesgebot Jesu.

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