Pater Georg Maria Roers SJ

Pater Georg Maria Roers SJ

Die erste Werbeseite in der theo-Ausgabe 3/2012 sollte Sie,
liebe Leserinnen und Leser, ins Museum Kunstpalast nach Düsseldorf locken. Vielleicht haben Sie ja wie unser Bundespräsident Joachim Gauck die Ausstellung schon bewundert. Am Ende werden es vermutlich mehr als 100.000 Besucher gewesen sein. Wer im letzten Jahr die Leonardo da Vinci Ausstellung in der Londoner National Gallery besucht hat, konnte erleben, wie alle halbe Stunde 180 Leute eingelassen wurden. Am besten, man hatte das Ticket schon vorher online erworben. Das war in Düsseldorf nicht nötig, aber möglich. Das System ist mittlerweile in allen Blockbuster-Ausstellungen üblich. Eine Feuilletonistin der Frankfurter Allgemeinen hat ausgerechnet, dass ein Besucher einer derartig inszenierten Ausstellung 4 Minuten und 17 Sekunden vor einem Bild verharrt. Das ist nicht wirklich eine Verweildauer, die ein Meisterwerk verdient hätte. Nicht der Kunst genuss steht im Vordergrund, sondern die Zeit im Museumsshop und im Museumscafé. Wer 12 Euro für El Greco und die Moderne zahlt, der zahlt auch leicht einen Katalog für fast 40 Euro.
Von der Anfahrt, dem Mittag essen und Kaffee und Kuchen ganz zu schweigen. 1 Euro hat die Postkarte von jenem Bild gekostet, dass ich mir fast 20 Minuten angeschaut habe. Es ist das Bild, auf dem Christus sich von seiner Mutter verabschiedet, ein Bild, das sonst in der National Gallery of Scotland hängt. Die Verabschiedung Jesu von seiner Mutter vor der Kreuzigung ist nicht biblisch überliefert, war seit dem Barock aber ein gängiger Darstellungstypus. Die tiefe Traurigkeit ist Maria ins Gesicht geschrieben. Ihr Blick folgt dem Gestus der Hand Jesu, die nach oben weist. Jesus wird in den Himmel aufgenommen werden, auch das kann man aus dem Bild herauslesen. Die zutiefst menschlichen Züge von Mutter und Sohn machen das Bild so modern. El Greco hatte als Ikonenmaler in Griechenland begonnen. Das erste Bild in Düsseldorf, eine Ikone, wird leicht übersehen, weil so viele Menschen davorstehen. Ich habe die Kalkulation der Kuratoren durcheinandergebracht, habe drei Runden durch die Ausstellung gedreht und einige Bilder über Gebühr lange betrachtet. Im heutigen Museumsbetrieb gilt das schon fast als Sünde. Allerdings war ich mir meiner »Sünde« kaum bewusst. Aus Sparsamkeitsgründen fühlte ich mich angespornt, für mein Eintrittsgeld möglichst viel zu bekommen.
Ein Musikstück des Avantgarde-Komponisten John Cage heißt 4’33 (Four minutes, thirty-three seconds). Es wurde Anfang der 50er Jahre im Staat New York uraufgeführt. Der Sinn des Stückes besteht darin, während der gesamten Spieldauer keinen einzigen Ton zu spielen. Ein Schlüsselwerk der Neuen Musik war geboren, und ein Skandal dazu, weil das Werk die gängige Auffassung von Musik in Frage stellte. Der Hörer wird angeregt, über den Zusammenhang von Musik und Stille nachzudenken. Möglicherweise erklingt in seinem Herzen eine ganz eigene Melodie, die er selbst komponiert.
In der Popmusik gilt die Regel, kein Song soll länger dauern als 3 bis 5 Minuten. Mag sein, dass das zum Abschalten langt. Mag sein, dass diese kurze Zeitspanne ausreicht, um im Alltag der Unbill des Lebens zu trotzen.
Mag sein, dass das für eine Fünf-Minuten-Terrine von Maggi ausreicht. Aber reicht es auch, um unser Leben spirituell in der Waage zu halten? Ein Stoßgebet kann übrigens nur 1 Sekunde dauern, um wirksam zu sein. Aber um den Grund für einen in die Tiefe gehenden Glauben zu legen, brauche ich mehr Zeit.
Eigentlich mein ganzen Leben. Es gibt zwar Fast-Food-Restaurants, aber dieses Konzept lässt sich wohl kaum auf eine christliche Kirche übertragen: »Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, es ist Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist. Und wer Christus so dient, wird von Gott anerkannt und ist bei den Menschen geachtet. Lasst uns also nach dem streben, was zum Frieden und zum Aufbau der Gemeinde beiträgt.« Diesen Hinweis gibt der Hl. Paulus zu seinen Lebzeiten den Christen in Rom (Röm 14,17-19).
Im Herbst werden jene Früchte geerntet, die über mehrere Monate reifen mussten. Deshalb feiern wir Christen das Erntedankfest. Einen Apfelbaum zu pflanzen, gehört nicht umsonst zu den Dingen, die ein Mann oder auch eine Frau irgendwann in ihrem Leben in Angriff nehmen sollte. Pflanzen brauchen zum Wachstum mindestens so viel Zeit wie Kinder. Jede Familie weiß, dass das Kind das Tempo vorgibt. Auch hier gilt es darauf zu achten, nichts zu überhasten. Selbst Eilsachen brauchen ihre Zeit. Sonst kommen sie nicht beim Empfänger an. Beim Beten ist es nicht anders.
Leider ist unsere Kommunikation auf den Hund gekommen, mehr und mehr wird sie zerstückelt. Wer hat nicht schon während eines Essens mit lieben Freunden zum Handy gegriffen? Ungestörte Gespräche sind wie seltene Pflanzen, man findet sie kaum. Selbst im Gottesdienst wirft jeder Zehnte einen Blick auf sein Smart phone. Auch im Theater habe ich das schon erlebt. Unsere westliche Kultur droht am Überfluss in Kombi nation mit Schnelligkeit unterzugehen. Zu viel Informa tion, Konsum, Kultur und Kommunikation und das alles viel zu kurz getaktet – das kann unser Leben auf Dauer lähmen. Wir werden an Leib, Geist und Seele übergewichtig. Irgendwann können wir uns nicht mehr bewegen. Wir treten auf der Stelle, wenn wir alles auf die Schnelle machen. //

Foto: Monika Hoefler

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.