Einheit im Gesang der Schöpfung

Klara von Assisi

Wer Franziskus von Assisi verstehen will und seine Botschaft der universellen Verbundenheit aller Geschöpfe, sollte sich Klara von Assisi ansehen. Denn die angeblich erste Frau, die dem Heiligen folgte, gründete nicht nur mit ihm zusammen den zweiten franziskanischen Orden, den der Klarissen, und legte so den Grundstein für die verschiedenen Ordensgemeinschaften der Franziskanerinnen des dritten Ordens. Sie ergänzte auch durch ihr kontemplatives Werk das Wirken ihres Bruders im Geiste und wies ihm am Ende seines Lebens sogar den Weg zur mystischen Vermählung mit Jesus Christus. Ihr Bild wurde für Franziskus zum fehlenden Puzzlestück seiner innerlichen Gesamtanschauung. Grund genug für theo, diesmal den Frauen der franziskanischen Gemeinschaft durch die Ordensgeschichte zu folgen und ein Gefühl zu bekommen für ein weibliches Leben in der Nachfolge Jesu Christi.

Auf den ersten Blick scheint die Sache mit den Frauen in der Nachfolge um Franziskus von Assisi komplex: Unter dem Begriff Franziskanerinnen versammeln sich zunächst eine ganze Reihe römisch-katholischer Frauenordensgemeinschaften, die in ihren Statuten vor allem der Drittordensregel des Heiligen Franziskus folgen und damit definitorisch innerhalb der franziskanischen Gemeinschaft mit den Laienkongregationen zusammengefasst werden: Die Mitglieder, sie heißen Terziaren, sind Laien, die Anteil an dem Verdienst eines Ordens haben, jedoch aktiver Teil der Welt bleiben. Sie alle haben ihre eigene Geschichte und viele von ihnen sogar eine eigene Gemeinschaftsregel. Ihre Größe variiert und die Art ihres Zusammenlebens reicht von einer einfachen Wohngemeinschaft auf Zeit bis zu Kongregationen, die im Klosterleben ihre Erfüllung gefunden haben. Nachdem fast alle im 13. und 14. Jahrhundert vorrangig aus der Armutsbewegung entstandenen franziskanischen Frauengemeinschaften im Dreißigjährigen Krieg ausstarben oder während der französischen Besatzungszeit aufgehoben wurden, fand mit Ende des Kulturkampfes im 19. Jahrhundert eine Wiederbelebung des sozial-caritativen Frauenbewegungsgedanken statt.
Oft waren es einzelne Gemeindepriester, die mit der Gründung dieser Franziskus nacheifernden Kongregationen gerade jungen Frauen, die im christlichen Sinne die neue entstehende Welt mitgestalten wollten, eine andere Art der Heimat zwischen Bürgerhaushalt, Salonleben und klassischem Ordensleben gaben. Orientierung bot hier die Drittordensregel des Franziskus, und eine Veränderung des Kirchenrechts ermöglichte es den neu entstehenden Gemeinschaften, als Gesellschaften Apostolischen Lebens nicht den juristischen Diktionen einer Ordensgemeinschaft zu unterliegen. Denn zentrales Anliegen der »neuen Frauen« war nicht mehr das beschaulich-kontemplative Klosterleben auf dem Land. Mit der neuen Zeit drängten sie hinaus in die Welt, um in Zeiten der gesellschaftlichen Modernisierung dem sozialen Elend vor allem in den Städten zu begegnen. Es ist genau dieser Wunsch, ein Teil der neuen Welt zu sein und in lebendiger Partnerschaft mit Gott zu leben, der die Frauen eint. Über die Jahrhun derte haben sich im Selbstverständnis des Franziskus sogenannte Franziskanerinnen mit den Ange hörigen des eigentlichen Frauenordens, den Klarissen, zusammengeschlossen (dem zweiten Orden des heiligen Franziskus). Denn über Franziskus und in der Nachfolge Jesu Christi wollen beide Strömungen frei und dadurch neu im ganzheitlichen Sinne sein. Nur dass die mittlerweile mythenumwobene Klara von Assisi hierfür einen streng kontemplativen Weg in Klausur wählte, um in der betenden Versenkung dem Dienst für die gesamte Menschheit nachgehen zu können. Franziskus nicht unähnlich kam auch Klara aus reichem Hause. Im Alter von 18 verließ sie ihr Elternhaus und beschloss, ebenfalls ein Leben in Armut und vollkommener Nachfolge Jesu Christi zu führen. 1211 weihte Franziskus sie in der Kirche Maria von den Engeln ihrem neuen Leben, übergab ihr das Ordenskleid und schnitt der Legende nach ihre langen Haare ab.
Während vor allem die Männer aus Klaras Familie sich vehement gegen diesen Schritt wehrten, tat es ihr ihre Schwester Agnes zur Überraschung ihres Vaters nach. Das neue Leben im Armutsgewand außerhalb des adeligen Frauenturms schien erfüllender als alle Burgfeste mit Musik und Tanz. Denn gerade die mit Poesie, Erotik und dem sehnsüchtigen Verschmelzungs geheimnis der Minne aufgewachsenen Edelfrauen sehnten sich nach einem innerlich übervollen Leben durch die allesumfassende Liebe. Und das gelebte Vorbild für eine tiefe Partnerschaft dieser Art lebte Franziskus in seiner Ver-Rücktheit vor. Schon bald strömten so viele Frauen zu Klara und Franziskus, dass das Benediktinerkloster Sao Paolo bei Batista, die erste Heimat der späteren Klarissen, schnell zu klein wurde. Ein eigenes Kloster nur für die Frauen um Klara wurde gegründet: San Damiano.  Hier lebte die erste Gemeinschaft, zunächst bekannt unter dem Namen »Damianitinnen / arme Frauen bei San Damiano« und streng abgeschirmt von der Außenwelt nach der von Franziskus und Klara herausgegebenen ersten Ordensregel, Jesus Christus zu beobachten durch ein Leben in Gehorsam, ohne Eigentum und in Keuschheit. Diese Radikalität überforderte die damalige feudale Gesellschaft und so dauerte es bis zum Jahr 1228, als Papst Gregor IX. dem Klarissenorden »das Privilegium der Armut« endlich bestätigte.
Die strenge Abgeschiedenheit und die inhaltliche Radikalität der Frauen um Klara von Assisi haben die Menschen schon immer irritiert und fasziniert. Auch wenn kein Besuch auf San Damiano erlaubt war, erzählte man sich schon bald Mythen über Wunder und Heilungen innerhalb der Klostermauern. Und spätestens, nachdem Franziskus von Wundmalen gezeichnet seine eigene Bruderschaft verließ und bei Klara Obdach suchte, begann die Verklärung eines mystischen Paares auf dem Weg zum Reich Gottes. Das »ohne etwas Eigenes« und »allem innerhalb und außerhalb der Welt untertan«, ist noch heute für die meisten Menschen unvorstellbar. Denn es ist diese radikale »Entmythologisierung der materiellen Güter«, die die Herzen befreit von den Sorgen und Nöten und sie öffnet für Gott und den Nächsten. Setzte Franziskus auf den Frieden mit und in der Welt, so wählte Klara das Gebet. Und der Legende nach erkannte Franziskus am Ende seines Lebens im Abbild der in Gott versunkenen Klara, seinen eigenen Weg. So ist das Erbe der heiligen Klara von Assisi, das die Klarissen bis heute lebendig halten, vor allem das der aufgehenden Einheit in Stille und Liebe. Wer diesen Weg gehen will, braucht ein weites, ein sehendes Herz. Und darum ist es in unserer heutigen Welt sehr still geworden. Könnte es sein, dass genau hier ein Neuanfang möglich ist? In der Stille? //

Buchempfehlungen:
Das Leben der Klara von Assisi. Sei gepriesen, weil du mich erschaffen hast (Taschenbuch). Von Martina Kreidler-Kos, Martina Kreidler- Kos.
Klara und Franziskus: Bilder einer Freundschaft (Taschenbuch). Von Anton Rotzetter.
Leben und Schriften der heiligen Klara von Assisi (Taschenbuch). Von Marianne Schlosser, Engelbert Grau.

Übersicht einer Liste von franziskanischen Frauengemeinschaften: http://de.wikipedia.org/wiki/Franziskanerinnen

Kontakt zu den Klarissen:
Föderation “Caritas Pirckheimer” der deutschsprachigen Klarissen
Sr. M. Bernadette Bargel OSC
St.-Klara-Platz 2
47623 Kevelaer
Tel: 0 28 32/7 05 52
E-Mail: foederation (at) klarissen.de

Kontakt zu den Franziskanerinnen:
Provinzialat der Franziskanerinnen vom Regulierten Dritten Orden des hl.
Franziskus
St. Mauritz-Freiheit 44
48145 Münster
Tel: 02 51/93 37-6 45
Fax 02 51/93 37-5 88
E-Mail: info (at) franziskanerinnen-muenster.de

Weitere Informationen:
www.klarissen.de
www.franziskanerinnen-muenster.de
http://www.orden-online.de/wissen/k/klara-von-assisi/
http://www.klarissen.net
http://de.wikipedia.org/wiki/Klarissen

 

Foto: Wikipedia
Autor: Sven Schlebes

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