Der Glamour des Gebets

Pater Georg Maria Roers SJ

Wer das Zimmer eines Teenagers betritt, dem wird eine Fülle von Postern begegnen mit den jeweils aktuellen Stars. Zur Zeit dürfte es bei den Mädchen Justin Bieber, bei den Jungen Miley Cyrus sein. Sie profitieren am meisten von ihren Fans, die Musikbranche sugeriert Seelenverwandtschaften und die Medienindustrie – sie braucht immer neue Namen und frische Gesichter. Wird der Teenager zum Studenten, kommen neue Plakate an die Wand. Sie zeigen eine schöne Ausstellung an oder einen packenden Kinofilm. Auch die Kirche erinnert fast täglich an einen Star der Kirchengeschichte. Während ich diese Zeilen schreibe ist es der Hl. Fransziskus, der in der 3. theo-Ausgabe glänzt. Die Ordensfrauen und Männer und der Dritte Orden der Franziskaner halten sein Erbe bis heute lebendig. Den Geist des Hl. Ignatius und der Gesellschaft Jesu halten die Jesuiten wach, außerdem die Frauen der Congregatio Jesu, besser bekannt als Englische Fräulein oder als Maria-Ward-Schwestern. In dieser Ausgabe finden Sie mehr.

Einer der berühmtesten Jesuiten unserer Zeit war der Kardinal von Mailand, Erzbischof Carlo Maria Martini SJ (1927-2012), der bei der letzten Papstwahl gute Chancen hatte, das höchste Amt der Kirche zu bekleiden. Als Kardinal hielt er im Mailänder Dom legendäre, stadtgesprächtaugliche Predigten. Martini hat mit den Intellektuellen unserer Zeit das Gespräch gesucht, z.B. mit Umberto Eco. Bei dtv ist daraus das Buch geworden: »Woran glaubt, wer nicht glaubt?« Sein letztes Interview erschien auf Deutsch in Christ und Welt. Martini hatte es am 8. August 2012 gegeben. Lange Jahre litt er an Parkinson, Ende August starb er.

Die letzte Frage des Interviews lautet: »Womit ringen Sie persönlich?« Martini antwortet: »Die Kirche ist 200 Jahre lang stehengeblieben. Warum bewegt sie sich nicht? Haben wir Angst? Angst statt Mut? Wo doch der Glaube das Fundament der Kirche ist. Der Glaube, das Vertrauen, der Mut. Ich bin alt und krank und auf die Hilfe von Menschen angewiesen. Die guten Menschen um mich herum lassen mich die Liebe spüren. Diese Liebe ist stärker als die Hoffnungslosigkeit, die mich im Blick auf die Kirche in Europa manchmal überkommt. Nur die Liebe überwindet die Müdigkeit. Gott ist die Liebe.«

Hier spricht ein Mensch, ein Christ, ein Katholik, der seine Kirche und seinen Orden nur zu gut kennt. Jede Frage klingt nach. Es lohnt sich, jeden der Sätze zu meditieren,
es sind keine Worte des Lehramts. Etwas verwirrend scheint Martinis Zeitrechnung. Was geschah vor 200 Jahren, also 1812? Sicher geht es dem Kardinal weder um den Russlandfeldzug Napoleons, der seine Grande Armée in eine Katastrophe führte, noch um den Versuch einer Invasion Kanadas vonseiten der Amerikaner und deren Niederlage in der Schlacht von Queenston Heights. Martini hat wohl eher die Aufklärung im Auge, die der Philosophie neue Impulse gegeben hat und die sich mehr und mehr mit den Resultaten der Naturwissenschaften auseinandersetzen muss. Nicht umsonst steht das Pontifikat von Benedikt xvi. unter dem Motto »Vernunft und Glaube«.

Jeder von uns muss sich mit der Frage auseinandersetzten, wie er sich in der Spätmoderne verhält. Es hilft nicht, den rasanten Fortschritt von Wissenschaft und Technik zu verteufeln, gleichzeitig aber davon zu profitieren.
Wir kommunizieren im Netz, wir nehmen ganz selbstverständlich die Errungenschaften der Medizin in Anspruch. Es geht letztlich darum, wie ich als religiöser Mensch in einer Welt leben will, die an erster Stelle Gewinnmaximierung über Fragen der Gerechtigkeit stellt. Im Alltag ist es gar nicht so einfach, die christliche Ethik umzusetzen. Ich weiß zwar, dass jede große Supermarktkette jeden Tag Unmengen von Lebensmitteln vernichtet, um den Kunden frische Ware anzubieten. Aber boykottiere ich deshalb konsequent alle Läden? Nein! Was hilft ist Maßhalten, d.h. nicht zu viel essen vom Fleisch und Fisch und nicht zu viel trinken von Bier und Wein. Das Oktoberfest ist passé. Alles hat seine Zeit. Ein neues Kirchenjahr steht an.

Als religiöse Menschen leben wir aus der Schrift, die uns hilft unseren Alltag zu meistern und unsere Trägheit zu durchbrechen. Die Gleichnisse Jesu, sie erhellen unsere Seelen. Wir brauchen keine Angst zu haben: »Verkauft man nicht zwei Spatzen für ein paar Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen. Wer sich nun vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen« (Markus 10,29-32).

Stars vergehen wie Kometen: Whitney Houston, Amy Winehouse, Michael Jacksons. Anfang des Jahres schrieb InStyle: »Glamour, Groove und Gebete bei den diesjährigen Grammy Awards.« Wann unsere Seele ins Schlingern kommt, steht nicht in der bild. Gottseidank! Das stille Gebet zu Gott macht keinen Bohei. Darin sind sich Juden, Christen und Muslime einig. Beten wir füreinander. Das verändert die Welt. Martini beschließt sein letztes Interview so: »Ich habe noch eine Frage an dich: Was kannst du für die Kirche tun?« Klingt das nicht wie ein Vermächtnis? //

Ihr Pater Sj Roers

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