Die sanfte Süße des ewigen Honigs

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Längst ist für die Bienen der Winter angebrochen, die Zeit des Müßiggangs. Die Imker vermarkten derweil emsig ihre Produkte.
Eine kleine Kulturgeschichte.

Von Markus Weckesser

Die Kundschafter der Israe liten waren begeistert. »Es ist wirklich ein Land, in dem Milch und Honig fließen,« berichteten sie Mose (4: 13,27). Sie hatten das gelobte Land Kanaan entdeckt. Wo Honig in Fülle war, da musste es gut sein, denn da war Gott. In der Bibel ist an vielen Stellen von Honig die Rede. Nur die Bienen werden so gut wie nie erwähnt. Dabei sind sie es, die die Köstlichkeit produzieren. Ohne Bienen kein Honig. Im mer hin haben die schwarzgelb-geringelten Tierchen im Volksglauben einen guten Ruf. Ein altes Sprichwort lehrt: »Willst du Gottes Wunder sehen, musst du zu den Bienen gehen.«
Und an Wunder grenzen die Leistun gen und Fähigkeiten der Tiere tatsächlich. Besonders ihr Orientierungssinn, der sich nach dem Stand der Sonne richtet, ist legendär. Eine Biene kann Grundfarben und Düfte unterscheiden, Vibrationen wahrnehmen und dank einer Art Tanz komplexe Informationen vermitteln. In ihrem fünf bis sechswöchigen Leben legt eine Arbeitsbiene knapp 8000 Kilometer zurück und fliegt vier bis sieben Millio nen Blüten an, was umgerechnet dem Ertrag von einem Glas Honig entspricht. Schon der Verfasser des Buchs Jesus Sirach wußte: »Unansehnlich unter den geflügelten Tieren ist die Biene, und doch bringt sie den besten Ertrag ein.« (11,13).
Bereits in der Steinzeit sammelten Menschen Honig. Eine 12000 Jahre alte Höhlenzeichnung stellt einen von Bienen umschwärmten Menschen dar, der Honig aus einer Baumhöhle klaubt. Weitere Bildzeugnisse für frühe Imker wurden in Anatolien und Ägypten gefunden. Kleo patra soll angeblich in Eselsmilch und Honig gebadet haben, um ihre Schönheit zu erhalten. Zumindest als Heilmittel ist der goldfarbene Seim seit der Antike belegt. Honig hemmt Entzündungen, tötet Keime ab und lindert Schmerzen, weshalb ihn Ärzte zur Behandlung von Schwellungen, Fieber, Verbrennungen, offenen Wunden und Zahnschmerzen verwendeten. Etwas von der medizinischen Wirkung mag der Verfasser des Buchs der Sprichwörter geahnt haben, denn er empfiehlt dem Leser: »Iss Honig, mein Sohn, denn er ist gut.« (24,13). Die Evangelisten berichten, dass sich Johannes der Täufer von Heuschrecken und wildem Honig ernährte (Mt 3,4) und die Jünger dem wiederauferstandenen Jesus Fisch und Honig reichten (Luk 24,42).
Im übertragenen Sinn stehen Bienen für Werte wie Fleiß, Ordnung, Sauberkeit, Gehorsam und Gemeinschaftssinn. Der falschen Annahme zufolge, dass sie sich jungfräulich vermehren, galten die Insek ten im Mittelalter als Inbegriff der Keuschheit. Das Leben der Bienen eignete sich somit hervorragend als Inbegriff für klösterliches Leben. Jesus Christus selbst sei die Biene und Maria der Bienenstock, schrieb die heilige Birgitta von Schweden in ihren Offenbarungen und Matthias Grünewald, der Schöpfer des Isenheimer Altars, malte auf dem Gemälde Stuppacher Madonnamehrere Bienenkörbe neben die Gottesmutter. Auch der heilige Ambro sius, Schutzpatron der Imker, wird in der Kunst mit einen Bienenkorb dargestellt. Einer Legende zufolge hat ihm ein Bienenschwarm in der Wiege Honig in den Mund geträufelt, was sein Redetalent erklären soll. Gute Prediger wie Bernhard von Clairvaux galten als Meister der honigsüßen Rede. Zuweilen trieb die christliche Indienstnahme der Bienen kuriose Blüten. Der Prediger und Dichter Abraham a Sancta Clara etwa lobte ihre tiefe Frömmigkeit, weil er folgende Beobachtung gemacht hatte: »Bevor sie auf die Blumen ausfliegen, da machen sie mit den vorderen zwei Füßen ein Kreuz, und bucken sich ganz tief, dass sie also ihre Arbeit mit Gott anfangen.«
Losgelöst von der christlichen Ikono grafie haben sich Bienen als Motiv und Honig als Werkstoff bis heute ihren Platz in der bildenden Kunst erhalten. Man denke nur an Joseph Beuys, der neben Fett und Filz bevorzugt mit Honig arbeitete, um gesellschaftliche Prozesse darzustellen. Verwirrung und Faszination zugleich erzielte Pierre Huyghe mit seinem Werk für die diesjährige documenta in Kassel. In der Karlsaue richtete der Künstler einen mysteriösen Garten ein, in dessen Mitte er eine klassische Frauenskulptur platzierte. Doch anstelle des Hauptes befand sich ein lebendiger Bienenstock. Da schwirrte auch so manchem Besucher der Kopf.
Wesentlicher eingängiger verstanden die Dichter die Kunst der Bienen zu rühmen. Ralph Dutli hat eine kleine Kulturgeschichte der Bienen geschrieben, die zahlreiche Poeme von Martin Opitz, Johann Wolfgang von Goethe und Ossip Mandelstam bis Pablo Neruda vorstellt. Dass sich viele Werke der Liebe widmen, ist naheliegend. Schon im biblischen Hohelied wird die Braut besungen, von deren Lippen Honig tropft (4,11).
Die berühmteste Biene der Literatur feiert 2012 übrigens ihren 100. Geburtstag. Waldemar Bonsels Abenteuer der Biene Maja entpuppten sich schnell als Best seller. In der putzigen Zeichentrickfilm adaption aus den 70er-Jahren erinnert allerdings nichts mehr an die ursprünglich völkisch-nationale Tendenz der beiden Romane.
Das feine Büchlein von Ralph Dutli jedenfalls schlägt einen weiten Bogen von der Antike und Bibel bis zur Gegenwart, wobei es sich nicht allein der Literatur zuwendet, sondern ebenso für Laien gut verständlich die wichtigsten Abläufe im Bienenstaat erläutert, die Vorzüge des Honigs beschreibt und Einblicke in die Imkerei gibt. Kurzum: ein Kompendium, das süße Lesefrucht garantiert. Dabei lässt der Autor negative Aspekte nicht unerwähnt. Etwa den zunehmenden Einsatz von Pestiziden in der globalen Agrarwirtschaft, die unter anderem das Sterben von Bienenvölkern und die Verunreinigung von Honig verschulden. Im chinesischen Sichuan sind Bienen inzwischen völlig ausgerottet, sodass die Bauern ihre Obstbäume von Hand bestäuben müssen. Erfreulich ist hingegen die steigende Anzahl von urbanen Hobby imkern. In der Stadt ist es grundsätzlich wärmer und die Auswahl an Blütenarten größer. Auf privaten Hausdächern summt es und brummt es ebenso wie auf der Pariser Oper, der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle, dem Berliner Dom und dem Abgeordnetenhaus. Zentren der Freizeitimkersind in Deutschland Berlin, Hamburg, München und das Ruhrgebiet.
Jetzt im Oktober ist für die Bienen völker längst die Winterzeit angebrochen. Die Masse drängt sich um die Königin zu einer Kugel zusammen, während die sogenannten Heizerbienen durch Bewegung ihrer Flugmuskeln für konstante Wärme im Bau sorgen. Bis auf wenige Reini gungs flüge bleiben die Völker eher inaktiv. Derweil vermarkten die Imker ihre Bienenprodukte. Schließlich schmeckt Honig im Herbst und im Winter immer noch am besten. //

Weitere Informationen:

Deutsches Bienenmuseum, Weimar: www.lvthi.de
Berliner Initiative von Stadtimkern: www.Berlin-summt.de
Ralph Dutli: »Das Lied vom Honig. Eine Kulturgeschichte der Biene«,
Wallstein Verlag, 208 Seiten, 14, 90 Euro

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