Wer Gott hat, hat alles!

heiligenstift

Die größte Zisterzienserabtei Europas, das Stift Heiligenkreuz bei Wien, hat keine Nachwuchs sorgen und publiziert darüber hinaus weltweit erfolgreiche CDs mit gregorianischen Gesängen. Was machen die 80 Mönche richtig?
von Brigitte Haertel

Manchmal führt der sicherste Weg zu Gott durch die Hölle, dann, wenn es den vom Leid geprüften, den verzweifelten Menschen zum Höchsten treibt. Doch kann das Streben nach Gott auch eine Bestimmung sein, die den Weg in die Abge schiedenheit eines Klosters weist. Pater Johannes Paul Chavanne war 23, als er sich berufen fühlte, Gott zu dienen, das Dienen hatte es als Ministrant, in der Bundeswehr und als Sozialarbeiter in den Straßen Indiens gelernt. Dort erfuhr er auch, was Armut bedeutet, »doch habe ich in Indien niemanden getroffen, der nicht an Gott glaubt.«
Die Mönche im Stift Heiligenkreuz, eine der stattlichsten Herrenhäuser auf dem Weg zur Seligkeit, diese Mönche leben hier nach den Regeln der Heiligen Benedikt von Nursia und denen des Bernhard von Clairveau, in einem stetigen Rhythmus von Gebet und Arbeit, Ora et Labora. Diese Unsterblichen des Himmels sind stes zugegen, doch sorgen die Mönche auch für die Seelen der Sterblichen, Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr.

Seit 1133 ist das so, ruht der mächtige Klosterbau im Herzen des Wienerwalds, und es war 1188, als Herzog Leopold V. dem Kloster eine Kreuzreliquie schenkte, die bis heute verehrt wird. Es heißt, es sei das größte Stück Holz des Kreuzes Christi nördlich der Alpen. Zu schön, um wahr zu sein? Aber schön ist es hier allemal, so schön, dass die Besucher in Scharen kommen und im Gästetrakt der Abtei Erholung suchen – von der Geschwindigkeit der Welt und von sich selbst. Die Bergwiesen hier, sie sind so grün wie große Teile von Gottes Erde grün sind, nur noch grüner. So paradiesisch, wie wohl das Paradies selbst, nur lebendiger, sinnlicher, duftender. Und doch nimmt die Landschaft sich zurück, die Hügel, die Blumen, die Bäume, sie fordern keine Aufmerksamkeit, sie laden dazu ein.

Auch die Mönche des Klosters fordern sie nicht, aber 2008 erregten sie Aufmerksamkeit weltweit. Ihre cd Chant – Music for Paradise, tausend Jahre alte gregorianische Gesänge, stürmte die Hitparaden (theo 3/2008). Das Ergebnis: 1,2 Millionen verkaufte CDs, Platin in Österreich und Deutschland, Gold in Großbritannien, Australien und anderen Ländern. Die Verkaufserlöse flossen in das Priesterseminar der dem Kloster angegliederten theologischen Hochschule Benedikt XVI. Ein solcher Erfolgt, er ruft nach Wieder holung: Mit einem eigenen Label wollten die Gottesbesinger es noch einmal wissen: Ihre neue cd Chant – Stabat Mater – entstand gemeinsam mit der Bruderabtei Bochum-Stiepel und ist, wie das Bochumer Kloster, der Muttergottes geweiht. Nicht als Musik um der Musik willen wollen die Mönche ihre lateinischen Verse verstanden wissen, sondern als gesungene Gebete, die vor allem Gott preisen.

Worin liegt der Erfolg dieser Gesänge in einer eher gottsfernen Epoche? Es ist das ganz Andere, so bleibt zu vermuten, das in einer völlig entzauberten Welt eine Begegnung mit dem mystischen Erbe der Jahrtausende verheißt, eine Begegnung mit dem Unaussprechlichen, Pater Johannes Paul ist einer der singenden Berufsbeter, und er ist es auch, der die Öffentlichkeitsarbeit im Kloster voranbringt: Über alle Kommunikationskanäle, die das moderne Leben befeuern, verkündet er sie mit Leidenschaft: die uralte, die frohe Botschaft. Jetzt führt der charismatische Jungmönch durch die Klosteranlage, einem Wunderwerk der Ästhetik. Eine romanisch-gotische, beinahe strenge Abteikirche erhebt sich leicht über flankierende, barocke Architektur, die eine Erweiterung der Anlage mit sich brachte, der imposante Kreuzgang umschließt einen Garten, das Sinnbild des Himmels, zu dem nur ein schmaler Pfad führt. »Wer Gott hat, hat alles, wer Gott nicht hat, hat nichts«, sagt Pater Johannes Paul, und dieser Satz von bestechender Klarheit erzählt von der Absolutheit seiner Lebensentscheidung.

Ein Aufruf des damaligen Papstes Johannes Paul habe ihn wie ein Blitz getroffen: »Gebt Euch niemals mit Mittelmäßigkeit zufrieden.« Genauso habe er sich empfunden, als mittelmäßig: »Ich dachte, was alle dachten, ich machte, was alle machten, es war mein Bestreben, gut anzukommen.« Das war vor mehr als sechs Jahren. Inzwischen vollendete er sein Theologiestudium, legte die ewigen Gelübde ab, und wie bei allen anderen Mönchen des Klosters beginnt sein Tag um halb fünf in der Frühe. Das sogenannte Chorgebet, das erste von sieben Gebeten täglich, es ruft, seit bald 900 Jahren.

Im Mai des kommenden Jahres wird Pater Johannes Paul zum Priester geweiht. Vorher muss er noch helfen, die neue CD zu vermarkten. Dass er einmal so leben würde, nach strengen Regeln in einer Gemeinschaft, hätte er sich vor zehn Jahren, als er seine Matura in den Händen hielt, nicht vorstellen können. »Die Entscheidung ist mir nicht leichtgefallen, aber aus heutiger Sicht kann ich sagen: Es war die Beste meines Lebens.« Und er fügt hinzu: »Jesus sagt, nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.«

Die Glocken läuten zum feierlichen Gottesdienst. Heute, am Fest der Kreuzerhöhung, sind Kloster, Klosterladen und Schenke von Menschen überflutet, viele von ihnen drängen jetzt in die Kirche. Pater Johannes muss gehen. Er nickt freundlich zum Abschied, seine blitzenden Augen erzählen davon, dass es auch kräftig in ihm brodeln kann. Das weiß er, vielleicht sucht er auch deswegen die Nähe zu Gott. In jedem Augenblick aber liefert er den Entwurf, wie man Würde und ein altehrwürdiges Kloster repräsentiert. //

Weitere Informationen:
www.stift-heiligenkreuz.at

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *