Himmlische Stimmen aus dem OFF

Die Apokalypse nach Richard

Die Apokalypse nach Richard

 

Matthias Matussek hat ein neues Buch geschrieben, eine Weihnachtsgeschichte. Brigitte Haertel hat sie gelesen.

Pop und Politik, das waren einmal die Themen des Kulturjournalisten Matthias Matussek, seit ein paar Jahren treibt den bekennenden Katholiken auch weniger Irdisches um: Das Dahinschwindens des Glaubens. Nach seinem Selbstreflektionsseller Das katholische Abenteuer beschert er der Welt jetzt eine Weihnachtsgeschichte, ein literarisches Sujet also, das mindestens so aus der Mode gekommen ist wie der Glaube. Aber ein Diener der Leidenschaft wie Matussek kann sich in jedes noch so abwegige Genre verirren – wie zu erwarten hat er seine Prosa mit Brillanz und Tempo niedergeschrieben, traurige Männer sind gute Erzähler.
Die Apokalypse nach Richard spielt an zwei Tagen vor Weihnachten im gottverlassenen Hamburg: Der Protagonist, ein »intelligent gläubiger«, fast blinder alter Mann, für den Wunder ganz selbstverständlich zum Alltag gehören, bereitet sich auf das Fest mit seiner Familie vor. Als er am Morgen vor Heiligabend wieder sehen kann, deutet er dies als Zeichen Gottes und als Hinweis auf seine Wiederkehr in dieser »gottlosen Finsternis«.
Seine Frau Waltraud will bloß das, was alle Ehefrauen und Mütter an Weihnachten wollen: ein friedliches Familienfest, das leider gründlich misslingt.Sohn Roman, Journalist und Matusseks Alter Ego, zieht gegen den Rest der Wirklichkeit zu Felde, eine Wirklichkeit, in der kaum jemand mehr weiß, was der Heiligabend bedeutet. Gefoltert von Selbstzweifeln brüllt er auf: »Wer braucht Journalisten zum Aufbau einer besseren Welt?« Zudem martert ihn die Erkenntnis, dass »Tradition das einzige ist, was uns hält«. Von solch schlimmen Verdachtsmomenten wimmelt es in Romans Denken, und entschlossen überzeichnet er jede Behauptung: »Nein, ihr Idioten, die Kirche muss sich nicht modernisieren, das ist ihre Haltung.« Und dann ist da noch Nick, Romans pupertierender Sohn, der ein jesuitisches Internat besucht und an Drachen, Mangas und an 28 Kurven glaubt. Jetzt zu Weihnachten zieht es ihn zu seinen Großvater ins traute Hamburger Heim, das an diesem heiligsten aller Abende zur Kulisse eines hollywoodreifen Showdowns wird.
Dramaturgisch geschickt fügt Matussek Einzelschicksale zu einer stimmigen und vor allem packenden Familiengeschichte zusammen, seine Figuren sind überzeugend und einnehmend, seine Sprache bildhaft und voller Leben.
Ein lustiger Kunstgriff: Von Zeit zu Zeit greifen himmlische Stimmen in den Text ein, ähnlich einem allwissenden Erzähler, womöglich der Heilige Geist? Matthias Matussek ist ein wahrhaft festliches Buch zum Fest der Feste geglückt, und wenn gute Literatur zum Lachen oder zum Weinen sein soll, so ist diese, ganz Matussek, beides.
Ähnlich wie seinem britischen Kollegen Hanif Kureishi oder früher auch Truman Capote gelingt es ihm spielend, aus seiner journalistischen Sprache eine literarische, eine poetische Melodie zu entwickeln, auch, weil er so viel von sich preisgibt: Brauchte der frühere Revoluzzer Matussek die Ablehnung, so fordert der Heimkehrer Zuspruch und Mitgefühl. //

Matthias Matussek
Die Apokalypse nach Richard
Aufbau-Verlag 16,99 Euro

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