Im Portrait: Thomas Rusche

Thomas Rusche

Thomas Rusche Thomas Rusche Thomas Rusche

Thomas Rusche leitet das Textilunternehmen SØR, sammelt Kunst und erkennt Moral auch in der Wirtschaft — sein Glaube hilft ihm dabei.

Text: Brigitte Haertel. Foto: Anja Lehmann 

In Oelde hat die Zeit keine Eile, am östlichsten Rand des Münsterlandes, wo schon Ostwestfalen-Lippe von sich reden macht, setzen die Menschen auf Tradition. Unternehmerfamilien wie die Oetkers, die Mieles und die Bertelsmänner sind hier verwurzelt, haben die Region zum Blühen gebracht und die Arbeitslosenquote zum Schrumpfen. Auch in der Zentrale des Textilunternehmens SØR ist trotz des Weihnachtsgeschäfts von Hektik nichts zu spüren. Im Foyer des Hauses trifft zeitgenössische Kunst auf Antiquitäten – und der Chef mit dem Lächeln eines Buddhas auf seine Gäste. Dabei ist Thomas Rusche Katholik, gewissermaßen im päpstlichen Auftrag unterwegs. Statur und Frisur, Nadelstreifenanzug und Haltung, all das weist auf eine entsprechend konservative Gesinnung hin, doch strebt wohl der Kunstkenner in ihm danach, scheinbar Gegensätzliches zu vereinen. Diesem Mann darf man zwei echte Doktortitel unterstellen, aber auch zwei Seelen. Er lebt wechselweise in Oelde und Berlin (ist eine größere Diskrepanz vorstellbar?), er stellt seiner ererbten Kunstsammlung – niederländische Malerei aus dem 17. Jahr hundert – zeitgenössische Positionen zur Seite, er besteht auf dem splitternackten Jesus von Michael Triegel und ist doch ein treuer Diener der Kirche.

Es ist die Erotik in der Kunst, die Thomas Rusche besonders fasziniert: Im Frühling zeigte er in der Leipziger Galerieszene Eros und Thanatos, ausgewählte Werke seiner Sammlung. Begehren und Vergänglichkeit, ein Schlüsselmotiv seines Denkens und Handelns? Thomas Rusche ahnt: In einer Welt, die sich zur totalen Freiheit befreit, die jedes Tabu gebrochen hat, die zu einer Welt des Gleichen geworden ist, ist auch der Eros bedroht. Denn die erotische Erfahrung setzt die Transzendenz, die radikale Singularität des Anderen voraus. So formuliert es der Philosoph und Kulturwissenschaftler Byung Chul Han in seinen Buch Agonie des Eros (siehe Seite 58). Auch Thomas Rusche denkt gern Sperriges zusammen, die Verbindung der katholischen Soziallehre und das von Gott gewollte Glücksstreben zeigen für ihn neue Perspektiven auf: »Es bedarf moralischer Orientierung, ethischer Anstrengungen, um das Vakuum um die drei Zeitgeist-Säulen Mammonismus, Sexsucht und Konsumismus zu füllen, sie zu wunderbaren, gestaltenden Kräften umzuformen.«

Der Mann mit säulengerader Haltung und exquisiten Umgangsformen, der sich Ämter, Funktionen, Titel und Würden erarbeitet hat wie andere ein Reihenhäuschen, der in unterschiedlichen Lebenswelten zu einem sogenannten Kosmopoliten reifen durfte, dieser Mensch wird 1962 in eine Familie von Textilhändlern hineingeboren, die in der vierten Generation Kunst sammelt. Anfangs waren es Tauschgeschäfte, durch die der Urgroßvater zu Bildern, Zinnkannen oder Möbeln kam. Großvater und Vater begründeten bzw. ergänzten die Sammlung niederländischer Meister. Als Thomas Rusche vier ist, nimmt der Vater ihn mit auf Auktionen, ins Museum, mit neun kauft der Junge erste kleine Kupferstiche vom Taschengeld. »Mein Vater hatte immer einen weißen Porsche 911. Die Fahrt war mir schon Grund genug, mit ihm zu Ausstellungen und Auktionen zu fahren.« Kunst, Schnelligkeit und das Unterwegssein werden Teil des kindlichen Lebensgefühls, das erst am jesuitischen Mauritius-Gymnasium Büren ergänzt wird durch die ignatianischen Lehren der Versenkung, durch Meditation und die Erfahrung, in Gott einen inneren Ruhepunkt zu finden.

Nach dem Abitur studiert Thomas Rusche Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Philosophie und Katholische Theologie in Fribourg und Berlin. Bald landet der einzige Sohn im väterlichen Unternehmen, übernimmt 1998 die Firma SØR Rusche GmbH als geschäftsführender Gesellschafter, der skandinavisch klingende Name geht zurück auf einen Markenrechtsprozess mit 4711 und dem Duftwasser SIR. Gleich zu Beginn ein schmerzhafter Einschnitt: er muss die Damenabteilungen schließen, wird mit der konservativen Linie dem Markt nicht mehr gerecht. Heute ist SØR einer der deutschen Marktführer in der Premium-Herrenausstattung, der auch wieder Damen anzieht. 60 Filialen von Sylt bis Garmisch-Partenkirchen erzählen von stetigem Wachstum. In seinem Brevier der Kleiderkultur verrät Thomas Rusche, wie Stil geht und Geschmack – und ein bisschen auch wie Moral. Die geht für ihn mit Profitstreben durchaus zusammen. Um sich dessen immer wieder zu vergewissern, strebt der verheiratete Vater von vier Kindern allsonntäglich in den Gottesdienst seiner Gemeinde im Berliner Stadtteil Charlottenburg. Und weil er der Überzeugung ist, dass Kunst die Lust am Leben steigert, und auch, weil er weiß, dass die Welt von Bildern regiert wird, investiert er viel Zeit in die Pflege und den Aufbau seiner Sammlung. Möbel, Kleinkunst und Grafiken nicht mitgerechnet, versuchen mehrere hundert Gemälde seinem Alltag Bedeutung abzugewinnen. Seit einigen Jahren, seit die beinahe schon totgesagte Malerei im Kunstmarkt wieder auferstand, kauft Thomas Rusche auch Zeitgenössisches, Werke von Ruprecht Kaufmann, Gabi Hamm, Neo Rauch oder Herbert Volkmann. »Zeitgenössische Kunst ist mehr als neonaturalistische und figurative Malerei, das habe ich gelernt.« Bei der Kirche ist diese Erkenntnis noch nicht angekommen. Jahrhundertelang trug sie zur Entwicklung der Kunst bei, jetzt steckt sie fest in einer Retrohaltung. »Das hat mit liturgischen Fragen, aber auch mit der Unsicherheit der Kleriker zu tun.« Dass die Kunst gerade in einem nie gekannten Hype badet, dass sie die ganze Welt überflutet, das freut Thomas Rusche. Dass viel Geld die Kunst umschwärmt und so an ihrer Erhabenheit kratzt, ist für ihn kein Thema.

Die Sprache der Kunst, sie erreiche mehr Menschen als die christliche Botschaft, sei angesagt, die Kirche nicht. Die Kunst habe einen ähnlichen Horizont wie die Religion, weil sie den Schmutz und die Erlösungsbedürftigkeit der Welt zeigt, weil sie sich auseinandersetzt mit allen Versuchungen, sie einen transzendenten Hintergrund aufscheinen lässt. »Wir müssen uns hüten vor einem verkürzten bürgerlichen Kunstideal, in dem nur das akzeptabel ist, was gefällt. Gute Kunst braucht einen Bezug zu den Idealen und Problemen des realen Lebens.« Für die fühlt Thomas Rusche sich zuständig, Menschen wie er wollen die Welt gestalten, nicht verwalten. Er engagiert sich in sozialen Projekten, unterrichtet an der Freien Universität Berlin und in Vallendar Wirtschaftsethik, »wo junge Leute nicht nur lernen, wie man Gewinne maximiert, sondern wie man sie ethisch reflektiert.« Seit ein paar Jahren zählt Rusche zu dem ausgewählten Kreis von Experten, die in der von Papst Johannes Paul II. gegründeten Stiftung Centesimus Annus in Rom an der Frage basteln, wie die Kirche und mit ihr ihre Soziallehre sich zur Wirtschaft stellensoll. Und selbstverständlich ist Thomas Rusche Mitglied des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem, zu dem ebenfalls nur Auserwählten Zutritt gewährt wird.
Welche Bedeutungsschwere lastet da auf einem einzelnen Menschen! Natürlich ist sie gewollt, diese Bedeutung und womöglich auch die Diversität seiner Existenz, sie passt zu seinem komplexen Wesen und in eine Zeit der Umbrüche und Unsicher heiten. Die Abgründe in diesem Menschen lassen sich bloß erahnen: Seine Perfektion frisst die Leichtigkeit des Augenblicks, und seine durchaus sympathische Erscheinung kann den Eindruck von Unnahbarkeit nicht überwinden. Wie sollte sie auch, wie soll ein Mann, eingezwängt in etliche Rollen, die Rolle seines Lebens finden? Einzig Distanz kann all die Antichambrierer bändigen, die ihm täglich Gott und die Welt verkaufen wollen.

Er sieht zum Fenster seines Arbeitszimmers hinaus, sein Blick gleitet ins Meditative, und für die Beantwortung der Frage, was für ihn der Kern des christlichen Glaubens sei, lässt er sich Zeit. Und dann sagt er: »Es gibt nur eine Grundfrage für jeden Christen: Glaubst Du, dass der historische Jesus der Gottessohn, der Christus ist oder nicht?« Das große Wort ist ausgesprochen, schwer wie ein Glockenschlag hängt es im Raum. Und dann, als würde Thomas Rusche zu sich selbst sprechen: »Ja, ich glaube, dass er es ist, dass er uns erlösen wird und uns jetzt schon im Alltag seine helfende Hand reicht. Und dann glaube ich auch daran, dass er den Schlüssel übergeben hat. Er hat keinen Besseren gefunden als jenen, der ihn drei Mal verraten hat, und deswegen überrascht mich die Misere unserer Kirche nicht.«
»Unsere Weste ist dreckig«, fasst der Textilexperte zusammen und probt sich in Demut, um aus dieser Behauptung sogleich das Positive abzuleiten. Das Gewöhnungschristentum mache gerade den Weg frei für ein Entscheidungschristentum. »Gott sei Dank, wir sind zur Freiheit geboren. Aber wir müssen uns von vielem verabschieden, was uns lieb und teuer war.« Bloß noch eine einzige Instanz sei übriggeblieben, die weltweit Perspektiven aufzeige, und das sei die Katholische Kirche. »Andere Instanzen versuchen es nicht einmal. Mit Bendikt XVI. bin ich der Überzeugung, dass Vernunft und Glaube zwei Flügel einer Lunge sind«. //

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