Im Interview: Erzbischof Thissen

Jeder achte Mensch auf der Welt leidet an Hunger. Während der Verzehr von Fleisch in Deutschland steigt, wächst in Afrika die Zahl der Unterernährten. Und obwohl immer mehr Lebensmittel produziert werden, sinkt die Zahl der Hungernden nicht. Wie ist das möglich? Über erhöhten Fleischkonsum und die weltweiten Folgen sprach der Hamburger Erzbischof und Misereor-Bischof Werner Thissen mit Markus Weckesser.

 

Herr Erzbischof, anlässlich des diesjährigen Welternährungstages haben Sie vorgeschlagen, ein oder zweimal in der Woche auf Fleisch zu verzichten. Warum?

Unser Fleischkonsum wirkt sich unmittelbar auf unsere Umwelt und uns selbst aus. Er konnte nur wachsen, weil auch der Anbau von Futtermitteln wie Soja enorm gestiegen ist. Das geschieht aber auf Flächen, die Kleinbauern in südlichen Kontinenten oft durch Korruption und gewaltsam weggenommen worden sind. In der Südsahara sind in den letzten Jahren Flächen von der Größe Frankreichs immerhin aufgekauft oder langfristig gemietet worden. Das waren vorher zum Teil kleinparzellierte Gebiete, auf denen Kleinbauern ihre Nahrungsmittel angebaut haben. Wenn aber die Ernährungsgrundlage verloren ist, wandern die Leute in die Städte und geraten in die Slums mit allem, was dazugehört an sozialen und wirtschaftlichen Problemen.

 

Warum werden in südlichen Kontinenten so viele Futtermittel angebaut und nicht in Europa?

Es könnte hier auch mehr angebaut werden, aber es gibt langfristige Verträge zwischen Staaten, auch zwischen Wirtschaftsunternehmen, und es ist für europäische Institutionen leichter und billiger, das zu importieren als das hier selbst zu machen. Und Landressourcen werden auch bei uns immer knapper, je mehr Futtermittel wir für unseren immer stärker anwachsenden Fleischkonsum benötigen.

 

Existiert ein globaler Markt für fair gehandelte Futtermittel?

Nein, nicht in dem Sinne wie wir es von der Gepa kennen.

 

Ein Drittel der weltweiten Getreideproduktion landet in Futtertrögen. Hierzulande werden zudem auf riesigen Ackerflächen Pflanzen angebaut, die nicht als Lebensmittel, sondern als Grundlage für Bioenergie verwendet werden. Sollten wir aus dieser Technologie aussteigen?

Nein. Der Grundgedanke ist richtig, aber es ist eine Frage der Menge. Wenn ich auf der einen Seite den CO2-Austoß verringere, um dem Klimawandel entgegenzuwirken, aber auf der anderen Seite steigt die Hungersnot, dann ist das kontraproduktiv.

 

Warum wird denn heute mehr Fleisch gegessen? Früher haben die Menschen nur einen Bruchteil dessen verzehrt, was heute auf ihren Teller kommt.

Das ist in meinen Augen eindeutig ein Wohlstandsproblem. Wo der Wohlstand wächst, wächst auch der Fleischkonsum. Lebensmittel immer billiger, wobei ein großer Teil im Müll landet, noch bevor die Läden erreicht.

 

Kämen heimische Produzenten in ökonomische Bedrängnis, wenn der Fleischkonsum tatsächlich sinkt?

Das muss nicht sein. Wenn wir weniger Fleisch konsumieren, was aber aus artgerechter Tierhaltung kommt, dann wird das Fleisch teurer. Das heißt ,die Fleischproduzenten brauchen keinen Nachteil hinnehmen. Zudem erhalten die Kunden hochwertigeres Fleisch, das nicht gesundheitsschädlich ist. Das heißt, die industrielle Lebensmittelproduktion muss infrage gestellt werden.

 

In Deutschland stammen bereits 98 Prozent aller Schweine und Hühner aus Massentierhaltung. Ist ein Ausstieg aus dieser Praxis überhaupt noch möglich?

Es ist zunächst einmal so, dass die Produzenten ihre Sachen verkaufen wollen, wofür ich Verständnis habe. Die Unternehmen sehen aber auch, dass die Massentierhaltung skeptisch gesehen wird. Darum müssen sie alles tun, damit die Kunden ihre Tierhaltung und Produkte annehmen. Wenn die Industrie wahrnimmt, dass solches Fleisch nicht mehr gekauft wird, dann ist es weg vom Markt.

 

Woran kann der Kunde erkennen, dass Fleisch aus Massentierhaltung stammt?

Das können Sie ganz leicht erkennen. Wenn es billig ist, stammt es aus Massentierhaltung. Wenn es teuer ist, kommt es aus artgerechter Tierhaltung. Ich verstehe ja, dass der Konsument preiswert einkaufen will. Aber wenn es billig ist, dann gibt es da irgendeinen Pferdefuß.

 

Auch gutes Gemüse hat seinen Preis. Vor zwei Jahren hat die Redaktion von Theo angeregt, einen Veggie-Day einzuführen, also einen vegetarischen Tag in der Woche. Wäre das eine landesweite Option?

In der Katholischen Kirche hatten wir lange den Freitag als den fleischfreien Tag. Ich fand es nicht gut, dass wir davon abgegangen sind und stattdessen gesagt haben: Am Freitag bring ein Opfer. Man wollte das Gebot eben nicht mehr so direkt auf Fleisch fokussieren. Aber das war zu einer Zeit, in der wir noch nicht so erkannt hatten. dass überhöhter Fleischkonsum gesundheitlich schädlich ist und Übergewicht und andere Krankheiten zur Folge hat. Hinter der Erkenntnis steckt die Weisheit, dass es dir nicht bekommt, wenn du keine fleischfreien Tage pflegst. Es geht nicht darum, Menschen zu gängeln, sondern Menschen zu motivieren und aufzuklären.

 

Aber das Gebot, am Freitag auf Fleisch zu verzichten, ist doch ursprünglich theologisch begründet.

Ja natürlich, weil es der Tag der Kreuzigung Jesu ist. Es hat einen ganz religiösen Zielpunkt, aber viele religiöse Zielpunkte kommen aus ganz tiefer menschlicher Weisheit und menschlicher Erfahrung.

 

Wie ist dann Genesis 1,28 zu interpretieren? Manche Menschen scheinen die Bibelstelle als Freibrief zu verstehen: „Bevölkert die Erde, unterwerft sie euch, und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.“

Das ist sicher oft als Herrschaftsgebaren fehlinterpretiert worden. Macht euch die Erde untertan heißt, ihr habt Verantwortung für die Erde. Ihr habt Verantwortung für die Menschen, und zwar überall auf der Welt. Ihr habt Verantwortung für die Tiere, ihr dürft sie nicht quälen. Ihr habt Verantwortung für die Pflanzen, ihr dürft nicht so den Anbau machen, dass nach drei Fruchtperioden da nichts mehr da wächst. Ihr habt Verantwortung für den Lazarus vor Eurer Tür, der dort elendig liegt. Und vor Eurer Tür, das ist heute nicht mehr Hamburg, nicht mehr Deutschland, nicht mehr Europa, sondern die Welt. So wie sich die Kommunikation in der Welt entwickelt hat, muss ich mir auch mit diesem Wort aus Genesis bewusst machen, dass der Nächste heute global ist.

 

Der Autor Jonathan Safran Foer fordert in seinem Buch „Tiere essen“ eine bessere Gesprächskultur, wenn wir vom Essen von Tieren reden. Wie könnten wir dieses Thema besser in der Öffentlichkeit verankern und in die Gemeinden tragen?

Wir als Kirchen versuchen, und das gilt für die katholischen wie die evangelischen in gleicher Weise, einen Lebensstil zu vermitteln, für den die in unserem Gespräch genannten Aspekte eine wichtige Rolle spielen. Es gibt eine ganze Reihe Gemeinden, die fair gehandelte Waren feilbieten. Erfreulicherweise schließen sich dem Trend inzwischen auch Firmen, Verwaltungen und Universitäten an.

 

Gut, bei Kaffee, Tee und Schokolade hat heute ein Umdenken stattgefunden. Doch wie könnte man dem Kunden Lebensmittel aus artgerechter Haltung schmackhaft machen?

Am Beispiel der Stiftung „Tierschutz auf dem Teller“…

 

… das ist eine bayerische Initiative, die sich für tierfreundlich hergestellte Produkte stark macht und die Idee in Klöster und kirchliche Einrichtungen bringt.

Das finde ich gut, das sollt man auf jeden Fall unterstützen. Denn das sind alles so kleine Mosaiksteine, um einen Lebensstil zu implantieren, der menschlich ist. Je mehr einzelne Menschen ihr Konsumentenverhalten so praktizieren, dass es sich auf artgerechte Tierhaltung, auf fair gehandelte Produkte auswirkt, umso mehr werden die Produzenten und Verkäufer beeinflusst, dass sie sich immer mehr auf dieses Gebiet ausrichten.

 

Also erst mal kein Aus für den Sonntagsbraten?

Nein, aber wir wollen aufklären. Es ist doch nicht menschlich, wenn ich bis zu meinem 60. Lebensjahr zu viel Fleisch esse und es hinterher nicht mehr darf, weil mir der Arzt sagt, dann wirst Du bald schwerst krank sein. Menschlich ist, sich an der Schöpfung zu freuen, die Schöpfung auch zu gebrauchen, aber sie nicht so zu verbrauchen, dass spätere Generationen nichts mehr davon haben. Mir geht es darum, mich in meiner Lebenseinstellung so zu verhalten, dass diese weder anderen noch mir schadet.

 Wir danken für das Gespräch.

 

Information:
Orientierung beim Kauf von Lebensmitteln im Supermarkt bietet ein neues Siegel, das vom Deutschen Tierschutzbund entwickelt wurde. Es garantiert, dass die angebotenen Produkte aus Mastschweinen – und hühnern aus artgerechter Haltung stammen. Das Fleisch kostet zwar etwa zehn Prozent mehr, was aber nach Umfragen der Universität Göttingen 20 Prozent der Konsumenten zu zahlen bereit sind.

Qualitätsfleisch aus artgerechter und umweltschonender Tierhaltung bietet ebenfalls die Firma Neuland an, die bundesweit mit regionalen Herstellern kooperiert.

 

Weiterführende Links:

http://www.tierschutz-auf-dem-teller.de/

http://www.misereor.de/themen/hunger-bekaempfen.html

 

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