Wenn ein Weiser geht

von Oliver-Bonjoch (Eigenes Werk) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) oder GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)], via Wikimedia Commons

von Oliver-Bonjoch (Eigenes Werk) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) oder GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)], via Wikimedia Commons

Von Andreas Oehler

Die Würde des Alters zeigt sich darin, die Bürde des Alterns nicht zu verleugnen, Stärke beweist der, der seine zunehmende Schwäche nicht verbirgt. In einer Zeit, wo sich alle darin üben, bis ins hohe Alter jung zu bleiben oder zumindest so zu wirken, zieht Papst Benedikt XVI. den weisen Schluss, von einem Amt zurückzutreten, dem er sich nicht mehr körperlich und geistig gewachsen gefühlt.
Das Alter verklärt oder versteinert. – Mit diesem Satz stellte sich die Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach gegen die philosophische Binsenweisheit, man könne am Lebensabend die Früchte ernten, die man in der Jugend gesät hat. Was aber, wenn die Kammern brüchig werden, in denen diese geistigen Vorräte und körperlichen Kraftreserven gespeichert werden?
Der Philosoph Jean- Paul Sarte soll am Ende seines Lebens seinen Kräftehaushalt radikal ökonomisiert haben, um sich so wenig wie nötig zu verausgaben. Man könnte das weise nennen. In Wahrheit ist es nur klug, am Nutzen orientiert. Begnadete Altersverdränger wie Goethe, weigerten sich, wenn es sich vermeiden ließ, an Beerdigungen teilzunehmen, um dem Tod nicht ins Auge blicken zu müssen. Sie hielten sich bei Schaffenslaune mit solchen Selbstberuhigungen wie: Älter werden heißt: ein neues Geschäft antreten; alle Verhältnisse verändern sich, und man muss entweder aufhören oder mit Willen und Bewusstsein das neue Rollenfach übernehmen.“ Theater braucht Öffentlichkeit. Die Altersweisheit meidet sie. Papst Johannes Paul II. kam bekanntlich vom Theaterfach – als junger Geistlicher hat er in Krakau Bühnenstücke verfasst und inszeniert.
Seine letztes großes Passionsspiel war seine öffentlich zur Schau gestellte Hinfälligkeit. Das ist die theologische Seite der Medaille. Es gab aber auch noch eine politische: Karel Woytila war die Galionsfigur zur Überwindung des Kommunismus, er stand und wankte nicht, als die Danziger Werftarbeiter in den 1980er Jahren sich von der Welt alleine gelassen fühlten. Joseph Ratzinger ist kein Schauspieler, sondern ein Wissenschaftler. Der Katheder war ihm stets näher als die Bühne. Dennoch ist er auch ein Religionsführer gewesen, auch wenn er sich selbst weniger so verstand. Und diese Rolle ist voller politischer Implikationen.
Die Schriftsteller Martin Walser und Günter Grass, beide Jahrgang 1927 wie der Papst, stellen sich dem Altern anders als er, nicht in Demut, sondern setzten sich immer wieder mal durch politische Auflehnung ins Szene.
Das Produzieren von öffentlichen Skandalen in Brandreden und Gedichten zeugt von einer Vitalität, die nur ihrer narzisstischen Kränkung gerecht werden möchte. Diese Kränkung besteht darin, dass die geistigen und körperliche Leistungskräfte nachlassen und die Jüngeren einen überflügeln. Dagegen ist jedes probate Mittel recht, auch die Altersnarrheit. Papst Benedikt XVI. erweist sich dagegen als ein Weiser – in einem Wissen um die letzten Gründe und Ziele des Seienden: In seiner Betrachtung und Beurteilung alles Irdischen – sub specie aeternitatis – im Lichte der Ewigkeit.

Foto: (c) von Oliver-Bonjoch (Eigenes Werk) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) oder GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)], via Wikimedia Commons

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *