„Es macht Spass, in die Kirche zu gehen.“

Pater Georg Maria Roers SJ 

Heute möchte ich Sie dazu einladen, sich einmal in den Gottesdienstraum zu versetzen, in dem Sie beten. Nehmen Sie sich Zeit! Für einige Leserinnen mag es eine Kirche in weiter Ferne sein, für andere Leser die Gemeinde ums Eck. Gottseidank! Manche Christen müssen weite Wege zurücklegen, um einen solchen Ort zu finden. Andere beten in freier Natur.
Seit Jahrtausenden bauen wir Christen Häuser für Gott, in den Anfängen wurde die Eucharistie schlichter gehalten, die frühchristlichen Abendmahlfeiern fanden in Hausgemeinden statt, und seit dem 2. Jahrhundert war es üblich, an den Gräbern der Märtyrer zu beten. Es ist das Schicksal Jesu selbst. Wer es einmal bis zur Piazza Santa Maria delle Grazie nach Mailand geschafft hat, wird den Anblick des Abendmahls von Leonardo da Vinci an der Nordwand des Speisesaals als eine Sternstunde in seinem Leben bezeichnen. Der Bombenangriff vor 70Jahren, der die Südwand des Saals zu Fall brachte, konnte dem Werk nichts anhaben, die Dominikaner konnten das Fresko mithilfe von Sandsäcken schützen. In seinem letzten Interview im Flash Art Magazine wurde der Pop-Art-Künstler Andy Warhol im April 1987 von Paul Taylor gefragt: »Gibt es irgendeine Verbindung zwischen Phantasie und religiösem Gefühl?« Andy Warhol antwortet lässig: »Vielleicht. Ich weiß es nicht. Es macht Spaß in die Kirche zu gehen.« Kommt das nur einem Amerikaner über die Lippen, dessen Eltern aus den Karpaten in die usa emigrierten? In diesem berühmten Interview fragt Taylor den Künstler u.a. über eine Adaption des letzten Abendmahls nach da Vinci aus. Eine dieser Arbeiten aus der Serie The Last Supper (Camel/57) ist gerade in der Ausstellung Letzte Bilder zu sehen: Von Manet bis Kippenberger (noch bis zum 2. Juni 2013 in der Schirn Kunsthalle Frankfurt).
Hier sieht man Jesus gleich zweimal. Taylor: »It‘s odd because you normally see just one Jesus at a time.« Andy Warhol: »Now there are two.« Paul Taylor: »Like the two Popes?« Andy Warhol: »The European Pope and the American Pope.« Von welchen Päpsten hier die Rede ist, hat mir bisher kein Warhol-Experte erklären können. Diese Aussage aber als eine Art Prophetie anzusehen im Blick auf Papst Benedikt xvi. und den Lateinamerikaner Papst Franziskus schiene mir doch etwas zu kühn.
Allerdings widerspreche ich den Kunsthistorikern, die die letzte Serie Warhols, eben The Last Supper, für einen Zufall halten. Ich glaube nicht an Zufälle. Von der Religiosität Andy Warhols wird kaum gesprochen. Er selber tat es auch selten, wie z.B. hier. Andy Warhol: »I think it‘s really pretty to go to church. The church I go to is a pretty church. They have so many masses« (Interview Magazine, March 1975, v. 5 no. 3). Kaum jemand macht sich die Mühe zu fragen, ob seine Religiosität in seinem Werk irgendeine Rolle spielt. Der wichtigste Titel dazu wäre The Religious Art of Andy Warhol (Jane Daggett Dillenberger. In seinem 4. Sparziergang in seinen Träumereien eines einsamen Spaziergängers spricht Jean-Jacques Rousseau über Wahrheit und Lüge. Der folgende Absatz trifft auch das letzte Werk von Warhol zu: »Jene Fiktionen, die einen moralischen Zweck verfolgen, nennt man Gleichnisse oder Fabeln. Da sie kein anderes Ziel haben oder haben sollten, als nützliche Wahrheiten in anschauliche und gefällige Formen zu hüllen, sucht man in einem solchen Falle kaum zu verbergen, dass man eine Lüge präsentiert: sie ist dann ja lediglich das Kleid der Wahrheit. Wer eine Fabel nur als Fabel darbietet, lügt keineswegs.« Die Kunst ist in ihrer Gesamtheit u.a. auch das Kleid der Wahrheit. Manchmal geht sie mit der Mode, manchmal nicht. Schon 1750 hatten sich einige humanistische Herren von der Akademie zu Dijon Sorgen um die Moral der Menschen gemacht. Das ist also gar nichts Neues. Deshalb schrieben sie einen Wettbewerb aus mit der Frage, ob die Wiederherstellung der Wissenschaften und Künste dazu beigetragen habe, die Sitten zu bessern. Dabei dachten die Herren an die Renaissance und deren Rückgriff auf die Antike, womit wir wieder bei da Vincis und Warhols Abendmahl wären. Rousseau wurde mit der Abhandlung dieser Frage berühmt. Er skizizerte zum ersten Mal seine These, dass der zivilisatorische Fortschritt mit einem sittlichen Niedergang einhergeht. Die Formel »Zurück zur Natur« stammt von ihm. Nicht umsonst war Rousseaus glücklichste Zeit die auf der St. Petersinsel im Schweizer Bieler See.
Heute leben die glücklichsten Menschen, so eine aktuelleUmfrage, in Lateinamerika. Ist es Zufall, dass der neue Papst aus diesem Kontinent kommt? Bisher macht er nicht nur uns Katholiken glücklich. Einer Muslima im Gefängnis die Füße zu waschen hat nicht nur in der muslimischen Welt für Wirbel gesorgt. Franziskus hat sich selbst bisher noch nicht als Papst bezeichnet. Er sieht sich zunächst als Bischof von Rom, geht offensiv auf die Menschen zu und hat jetzt schon viele Herzen auf seiner Seite. Da macht es wirklich Spaß, in die Kirche oder auf den Petersplatz zu gehen, selbst wenn der weiße Rauch verflogen ist.
Manchmal sind es aber auch Alltagsbegebenheiten, die mich hoffnungsvoll stimmen. Auf einem Bahnhof im Ruhrgebiet stehen zwei Teenager vor mir. Einer mit der typischen Baseballkappe. Er nimmt eine Art Notizbüchlein mit goldenem Cover zur Hand und liest seinem Kumpel daraus vor: »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.« Ich war verblüfft, den Johannesprolog auf dem Bahnsteig zu hören. Mitten im Alltag. Die Frage, die der junge Verkünder des Wortes Gottes mir ein paar Minuten später stellte, konnte ich leider nicht beantworten: »Geht dieser Zug nach Gelsenkirchen?«
Auch hier kommt das Wort Kirche vor. Zufall?! Auf so ungewöhnliche Weise habe ich das Wort Gottes noch nie gehört. //

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