Die grossen Orden: Die Kartäuser

Foto: Von will_cyclist (Flickr: Monks!) [CC-BY-2.0], via Wikimedia Commons

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»Söhne und Töchter des Heiligen Bruno« nennen sie sich selbst und folgen seit über 900 Jahren einem spirituellen Ideal des christlichen Hochmittelalters: weltabgewand, schweigend, essenziell. Damit bilden sie einen Kontrapunkt zum Leben und zum Selbstverständnis der modernen Gesellschaft, sind aber zugleich durch ihre entschiedene Andersartigkeit so faszinierend wie nie. theo besuchte die Welt der Stille.

Auf die letzte Reise geht der Mensch nackt und allein. Deswegen will diese Reise kaum jemand freiwillig antreten, wenngleich es der Gang nach Hause ist, in die Unmittelbarkeit zu Gott. Jedes Wort ist hier zu viel und zu klein für das Unfassbare und zugleich zu grob und ungenau für die flüchtig-ewige Wahrheit. Vielleicht hat deshalb der Heilige Bruno, der Gründungsvater des Kartäuserordens, auf seinem Rückzug von der Welt auch das ursprüngliche Werkzeug der menschlichen Weltaneignung hinter sich gelassen: die Sprache. Tief wollte er in das ewige Geheimnis Gottes eintauchen und entledigte sich so gründlich wie möglich seiner situativ-irdischen Bedingtheit als Mensch. Nur ein Name sollte ihm das Echolot in der dunkle Nacht der Seele sein: Jesus Christus. Ewig wiederholt bis die Gedankenflut verebbt und das Herz frei wird, das Unerhörte einzulassen.
Bis heute ist das sogenannte Herzensgebet das Kernstück der Kartäuserspiritualität, die in ihrer alltäglichen Ausgestaltung auf die Kunst der absoluten Reduktion vertraut und alles auf eine Karte setzt: die Begegnung des Einzelnen in seiner deteminiertkonsturiert-begrenzten Welt mit dem, was alles ist und nichts: Gott. Ein Leben in vollkommener Selbstverantwortung und Offenbarung vor dem, der war, ist und sein wird. Das bedeutet auch die Abwendung von allem, das ablenkt, verunreinigt oder als Geländer dient: Rituale, Worte, Nahrung, Gemeinschaft. So ein Leben ist nichts für Hasenherzen. Es ist das Sterben im Leben, um das wahre Leben zu gewinnen. Ein Gang, der in seiner Befreiung – die Matrixfilme der Gebrüder Wachowski berichten davon – für die meisten Menschen zu schmerzvoll scheint. 370 Söhne und 75 Töchter des Heiligen Bruno leben heute in 24 Kartausen über die Welt verteilt ein rein kontemplatives Leben: als Priester, Brüder und Schwestern und Donatoren.

Für Rom sind sie das lang gereifte und damit unendlich kostbare Destillat eines lebendigen Christentums, das selbst kulturell und gesellschaftlich ausgetrocknete Landschaften wiederbegrünen kann. Mit Leidenschaft rief Papst Johannes II. 1984, dem 900. Gedenktag, die Kartäusergemeinschaft dazu auf, sich ihrer Aufgabe und Bedeutung im Rahmen der christlichen Gemeinschaft bewusst zu werden und beim Aufbau der Weltkirche, besonders bei den jungen Kirchen in Asien und Südamerika, aktiv zu werden. Für einen rein kontemplativen Orden, der das Eremitenleben in Abgeschiedenheit in den Mittelpunkt seiner Ausgestaltung gelegt hat, eine Herausforderung. Doch die Angehörigen des Kartäuserordens haben ihr Leben seit jeher auch als lebendigen Gottesdienst ohne Unterbrechung für alle Sterblichen dieser Welt verstanden. Vor allem jene, die als Priester der Gemeinschaft sich voll und ganz einem Leben der inneren Anschauung und der Sakramentsspendung gewidmet haben. Ein klar strukturierter Alltag und ihre um den großen Kreuzgang angesiedelten Wohnhäuser mit jeweils einem Garten, einem Vorraum (Ave Maria), dem Aufenthalts- und Schlafraum mit einem Bett aus Stroh und einer Kanne kaltem Wasser (Cubiculum), einem Gebetsstuhl (Oratorium) und einer Werkstatt (Laboratorium) schaffen einen Ort, um mit der Ewigkeit in Berührung zu kommen. Eine Reglementierung, die für den Heiligen Bruno bei der Gründung der ersten Einsiedelei 1084 in Chartreuse, schon zu viel gewesen sein mag. Bewusst verzichtete er auf die Ausformulierung von Regeln und Vorgaben für das Gemeinschaftsleben. Er und seine ersten Nachfolger »verharrten in der Schule des Heiligen Geistes und ließen sich durch die Erfahrung formen. Auf diese Weise erarbeiteten sie eine eigene Weise des Einsiedlerlebens, die den folgenden Generationen nicht schriftlich, sondern durch das Beispiel überliefert wurde.« (Statuten I.1)

Zu deutlich hatte der 1030 in Köln geborene und später zum Rektor der Universität von Reims ernannte Bruno die Missstände eines übervollen Lebens vor Augen, das das Wesentliche aus dem Blick verloren hat. Sein Ideal einer Vereinigung mit Gott in »inniger Liebe« (Statuten I.1) war das Schaffen von Umständen, die diese individuelle Begegnung ermöglichen konnten. In einsamer Freiheit, mit möglichst wenig Menschlichem, dafür viel Göttlichem. Sechs Getreue folgten ihm in die erste Einsiedelei des Bischofs Hugo von Grenoble, bestehend aus einigen Holzhütten, verbunden durch einen überdachten Gang, der es ihnen erlaubte, die Gemeinschaftsräume, die Kirche, den Speisesaal und den Kapitelsaal trockenen Fußes zu erreichen.
Freiheit überfordert die meisten Menschen. Als nach sechs Jahren Bruno von Papst Urban II. als Berater nach Rom berufen wurde, fehlte selbst den mutigsten Einsiedlern das lebendige Beispiel und Herz ihrer Gemeinschaft. Der Kartäuserorden stand somit noch vor seiner offiziellen Anernung vor der Auflösung. Erst als Bruno mit Einverständnis des Papstes in den Wäldern Kalabriens eine neue Einsiedelei gründete und damit den ursprünglichen Geist der Gemeinschaft an einem zweiten Ort zum Leben erweckte, entschied sich auch die Urgemeinschaft, das Experiment Kartause weiterzuführen.
Als Bruno 1101 starb, war der Anfängergeist noch lebendig, und schnell begannen sich auch in anderen Ländern Männer zur Lebensweise des Bruno zu bekennen, so dass 1127 der Heilige Guigo del Castel der größer werdenden Gemeinschaft ein schriftliches Regelwerk mit auf den Weg geben musste. 1170 fand der Orden, der seit 1147 auch einen weiblichen Zweig hatte, durch Papst Alexander III. seine offizielle Anerkennung und damit eine Verbreitung in Europa.
Zu Beginn des 13. Jahrhunderts beteten in 1100 Kartausen Männer und Frauen in Stillschweigen und Einsamkeit für die Kirche und das Heil der Welt. Auch wenn danach die Reformation, das Aufblühen der Anglikalischen Kirche, die Aufklärung, die Säkularisierung und die Modernisierung des Lebens dem Orden stark zusetzen, überdauerte das Ideal des Einsiedlerlebens im Rhythmus des liturgischen Jahres und der Jahreszeiten ohne die Annehmlichkeiten des spätmodernen Lebens die Jahrhunderte. Ihre Beharrlichkeit in der Erwartung der Rückkehr Jesu Christi (Brief an Raoul,4), der strenge und reduzierte Lebenswandel, ihre Erfolge in der Tier- und Pflanzenzucht (Kartäuserpferde, Kartäuserrose, Kartäusernelke) und vor allem die mangelnde mediale Greifbarkeit haben die Kartäuser zu einem Mythos gemacht; als den Hort eines lebendigen Urchristentums der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Unter dem Schutz ihrer einzigen Patronin, der Gottesmutter Maria, und mit Jesus Christus im Herzen, wollen die Einsiedler aus den Bergen für Gläubige ein stabiler Fels einer erneuerten Kirche sein.
Doch die Kartäuser wissen: Nicht nur der letzte Gang ist schwer und einsam. Auch aller Anfang.
Mutige vor: Das entschiedene Leben wartet.
In Ewigkeit. Amen.

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Informationen:
Weitere Informationen zur Geschichte des Ordens sowie Kontaktinformationen unter:
www.chartreux.org/de/

Die Kartausen weltweit:

Frankreich – Schweiz/Mönche:
Große Kartause
Kartause Portes
Kartause Montrieux
Kartause la Valsainte
Kartause Sélignac (Haus der Laien)

Frankreich – Schweiz/Nonnen:
Kartause Nonenque
Kartause Notre Dame

Deutschland/Mönche:
Kartause Marienau

Argentinien/Mönche:
Kartause de San José

Brasilien/Mönche:
Kartause N. Sª Medianeira

Südkorea/Mönche:
Kartause Notre Dame de Corée

Südkorea/Nonnen
Kartause Annonciation

Spanien/Mönche:
Kartause Miraflores
Kartause Porta Coeli
Kartause Montalegre

Spanien/Nonnen:
Karta Kartause Benifaçà

Vereinigte Staaten von Amerika/Mönche:
Kartause Transfiguration

Großbritannien/Mönche:
Kartause Saint Hugh

Italien/Mönche:
Kartause Farneta
Kartause Serra San Bruno

Italien/Nonnen:
Kartause Trinita
Kartause Vedana

Portugal/Mönche
Kartause Scala Coeli

Slowenien/Mönche:
Kartause Pleterje

Bücher und Medien
Mönche der Kartause Marienau (Hrsg.): Kartause Marienau. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg 2004.
Hellmut Zschoch: Die Christenheit im Hoch- und Spätmittelalter. Von der Kirchenreform des 11. Jahrhunderts zu den Reformbestrebungen des 15. Jahrhunderts. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2004.
Gerardo Posada: Der heilige Bruno, Vater der Kartäuser. Ein Sohn der Stadt Köln. Wienand, Köln 1987.
Robin B. Lockhart: Botschaft des Schweigens. Das verborgene Leben der Kartäuser. Echter, Würzburg 1992.
Nancy Klein Maguire: In der Stille vieler kleiner Stunden. Goldmann, München 2007.

Film
Philip Gröning: Die große Stille. 2007

Foto: Von will_cyclist (Flickr: Monks!) [CC-BY-2.0], via Wikimedia Commons

Ein Gedanke zu „Die grossen Orden: Die Kartäuser

  1. Ich habe mich sehr gefreut, dass THEO über meinen „Lieblingsorden“ geschrieben hat. Ich möchte gerne einige Aspekte ergänzen bzw. korrigieren.
    Vereinfacht gesagt, gibt es im Kartäuserorden zwei „Lebensweisen“, die eng miteinander verbunden sind. Da sind die Chormönche, die in ihren Einsiedeleien leben und die Brudermönche, die den Betrieb und die Versorgung des Klosters sicher stellen und beispielsweise als Schlosser, Gärtner, Koch oder Bäcker arbeiten. Die Brüder unterscheiden sich nach Art und Verbindlichkeit ihrer Gelübde, neben den „normalen“ Brüdern gibt es die Donaten (nicht Donatoren). Auch bei den Schwestern gibt es im Grunde diese Aufteilung, es gibt Chorschwestern und die etwas tätigeren Schwestern. Die Klöster bestreiten ihren Unterhalt durch Spenden und Klosterprodukte, von denen der Chartreuse-Likör der berühmteste ist. In der Großen Kartause gab es einst eine bedeutende Eisenproduktion. Die Seelsorge nach außen gehört ausdrücklich nicht zur Spiritualität des Ordens.

    Es ist bemerkenswert, dass der Männerzweig immer stärker war als der Frauenzweig. Heute (seit den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts) gibt es einen sehr verwandten Orden, die Bethlehemschwestern (und Brüder), die sich ausdrücklich auf den Hl. Bruno berufen. In ihren Klöstern (in Deutschland wird das Kloster Marienheide bei Wollstein zur Zeit aufgebaut) gibt es wesentlich mehr Schwestern als Brüder. In deren Spritualität gibt es neben Elementen der Kartäuser auch Anleihen aus der Frömmigkeit der orthodoxen Kirchen, der Wüstenväter und der Aspekt der eucharistischen Anbetung. Sie wären auch in diesem Zusammenhang der Erwähnung wert gewesen.

    Ich habe den Eindruck, dass der Wunsch des Papstes (Johannes Paul II.) möglicherweise etwas falsch interpretiert wird. Die Kartäuser sind bis in die heutige Zeit ein europäischer Orden geblieben. Der Wunsch des seligen Papstes war, dass sie sich weltweit ausbreiten mögen. So kam es zu Neugründungen in Korea, in Brasilien und in Vermont (USA). An der extrem kontemplativen, eremitischen Ausrichtung des Ordens sollte sich nichts verändern. Die Sakramentenspendung ist in der kartusianischen Spiritualität sicher kein Schwerpunkt. Eher müsste es heißen: die Feier der Sakramente (Eucharistie, Beichte, Krankensalbung). Seelsorge nach außen erfolgt einzig durch den Pfortenbruder, der Kontakt mit möglichen Besuchern haben muss. Die Priester feiern neben der Konventsmesse auch noch ihre „privaten“ Messen. Die Feier der Sakramente richtet sich also ausschließlich an und in die Klostergemeinschaft.

    Ob Bruno bewusst auf eine Regel verzichtete oder ob er gar nicht die Notwendigkeit hierzu sah, ist sicher eine Frage der Quelleninterpretation. Dies wurde erst später notwendig, so dass man die Gebräuche der Kartäuser aufschrieb, die bis heute so heißen und dem Gemeinschaftsleben ihre Form geben. Es gab zwischenzeitlich aber interessante Versuche, das ursprüngliche Kartäuserleben wieder aufleben zu lassen, u.a. in Frankreich.

    Auch wenn uns heute das Leben der Kartäuser extrem erscheint. Der Hl. Bruno wollte jegliche Übertreibung vermeiden und dem strengen Leben in Gottesverehrung, Stille, Einsamkeit einen Rahmen geben, der gelebt werden kann. Der Ausgewogenheit der „Gebräuche“ ist es sicher geschuldet, dass es keine nennenswerten Abspaltungen des Ordens oder Reformen der Ordensregeln gab. Einzele Kartäuser haben das Kloster verlassen, um als Eremiten außerhalb der Gemeinschaft zu leben.

    Soweit ich weiß hatte die Neugründung in Kalabrien nichts mit dem Neubeginn am Ort der späteren Grande Chartreuse (das Mutterhaus des Ordens) zu tun. Die Gemeinschaft dort hatte sich schon zuvor dort angesiedelt. St. Bruno kehrte nur nie zurück und starb später auch in Serra San Bruno. Er liegt dort begraben.

    Die einzige deutsche Kartause, eine der größten Kartausen heute bestand ursprünglich in der Gegend des Düsseldorfer Flughafens. Vor dem Flughafenausbau „flohen“ die Mönche in einen entlegenen Zipfel des Allgäus in der Gemeinde Bad Wurzach.

    1100 Kartausen gab es in der Geschichte wohl nie, soweit ich weiß war der höchste Stand 250.

    Ich habe über einen Besuch in der Kartause Marienau im Allgäu einen Bericht in meinem Blog geschrieben. Vielleicht auch für die Leser dieses Textes eine interessante Ergänzung:
    http://www.kreuzzeichen.blogspot.de/2012/07/ein-besuch-im-kartauserkloster-marienau.html

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