Lieben, wie es Gott gefällt.

 

Dass es religiöse Regeln und Gebote für ein ethisch anspruchsvolles Leben gibt, finden die meisten Menschen gut. Dass in Religionen aber auch – teilweise sehr konkrete – Vorschriften im Bezug auf Liebe und Sexualität verankert sind, erscheint oft nicht mehr zeitgemäß. Muss man wirklich lieben, wie es Gott gefällt?

Von Autorin Antje Schrupp

Sex ist nur zum Kinderzeugen erlaubt, Homosexualität Sünde, Männer sind die Oberhäupter der Frauen: Viele religiöse Ansichten zum Thema Liebe und Sexualität lassen sich nur schwer mit heutigen Vorstellungen von Beziehungen vereinbaren. Doch welche Vorschriften genau gibt es eigentlich? Warum sind sie entstanden? Und wie unterscheiden sich dabei die großen monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam? Lieben, wie es Gott gefällt? Dass Religionen konkrete Vorschriften zur Sexualität machen, erscheint vielen Menschen heute unangemessen.
Unter dem Titel »Lieben wie es Gott gefällt« hatte die Evangelische Stadtakademie Frankfurt eine Jüdin, eine Muslimin und eine katholische Christin eingeladen, um sich über dieses Thema auszutauschen. Hanna Liss, Professorin an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, Naime Cakir vom Kompetenzzentrum muslimischer Frauen in Frankfurt und Zusana Hrasova, katholische Theologin von der Uni Prag, stellten dabei nicht nur die Besonderheiten ihrer jeweiligen Religion dar, sondern setzten sich auch kritisch mit ihren eigenen Traditionen auseinander.
Einig waren sich die Referentinnen, dass in den Heiligen Schriften, in der Tora, im Neuen Testament und im Koran, Sexualität tendenziell weniger negativ dargestellt wird als später in den Auslegungen dieser Schriften. Der gemeinsame Nenner lautet, grob gesagt, dass Sexualität an sich durchaus in Ordnung ist, aber »nicht zu jeder Zeit, nicht mit jedem und nicht überall«, wie es Hanna Liss formulierte. Homosexualität ist traditionellerweise in allen Religionen verboten, ebenso Inzest und Sex mit Tieren. In Judentum und Islam ist Geschlechtsverkehr auch zu bestimmten Zeiten verboten, etwa während der Fastenzeit oder wenn die Frau menstruiert.
Einig sind sich die Religionen auch darin, dass erlaubter Sex innerhalb der Ehe stattzufinden hat – wobei allerdings gefragt werden muss, was genau mit »Ehe« gemeint ist. Im Islam etwa ist die Ehe eine bloße Abmachung zwischen zwei Menschen: Man übernimmt füreinander in einem öffentlichen Versprechen Verantwortung. Entsprechend können sich Muslime und Musliminnen auch ohne große Probleme wieder scheiden lassen. In biblischen Zeiten war die Ehe auch noch nicht so eng als Mann-Frau-Paar definiert wie heute. So ließen das antike Judentum und der Islam »Nebenfrauen« zu, kennen also eine gewisse Bandbreite von Beziehungsformen. Ein berühmtes Beispiel ist die Dreiecksgeschichte von Jakob, Rahel und Lea aus dem Alten Testament: Sieben Jahre arbeitete Jakob für Rahels Familie, bevor er sie heiraten durfte. Doch dann schob man ihm in der Hochzeitsnacht ihre Schwester Lea unter – und Jakob musste noch einmal sieben Jahre dienen, bevor er auch Rahel heiraten konnte.
Eine sozialhistorische Begründung für die Beschränkung von Sexualität auf die Ehe sieht Zusana Hrasova in dem Versuch, für den Fall einer Schwangerschaft die wirtschaftliche Versorgung der Frau und ihrer Kinder sicherzustellen – in den antiken patriarchalen Gesellschaften, in denen Frauen vieles verboten war, eine nicht unwichtige Absicherung.
Innerhalb der Rahmenbedingungen ist Sexualität sowohl im Islam als auch im Judentum nicht nur erlaubt, sondern sogar religiöse Pflicht. Der Prophet Mohammed soll gesagt haben, wer sexuell enthaltsam lebt, könne nicht zur muslimischen Gemeinde gehören, berichtete Naime Cakir. Im Islam diene Sexualität auch nicht vorrangig dem Zweck, Kinder zu zeugen, sondern die dabei empfundene Lust gelte »als Vorgeschmack auf das Paradies «. Auch Verhütung sei erlaubt.
Im Judentum wiederum gilt der Fruchtbarkeitsbefehl aus der Schöpfungsgeschichte (»Seid fruchtbar und mehret euch«) als Begründung für eine positiveEinstellung zur Sexualität. Wobei Hanna Liss darauf hinwies, dass dieser Befehl grammatikalisch männlich formuliert sei: Manche jüdische Theologen schließen daraus, dass nur Männer verpflichtet seien, Kinder zu zeugen, und dass Verhütung daher auch nur für Männer verboten sei, aber für Frauen nicht.
Das Christentum ist die einzige der drei Religionen, in der Sexualität generell als problematisch angesehen wird, also auch dann, wenn sie innerhalb des erlaubten Rahmens stattfindet. Als erster habe Paulus die Ehelosigkeit gelobt, sagte Susanne Hrasova, aber eher aus pragmatischen Gründen: Wer eine Familie hat, ist weniger bereit, alles für die »Sache« zu geben. Das sei so ähnlich, wie heute, wo große Firmen ungebundene Singles bevorzugen.
Die typisch christliche Sexualfeindlichkeit sei erst ab dem 2. Jahrhundert entstanden. Kirchenvater Augustinus habe Geschlechtsverkehr auch in der Ehe für sündhaft gehalten, weil er es als Ideal ansah, dass der Geist über dem Körper steht und diesen kontrolliert. Dass Jesus die Kirche liebe »wie ein Mann eine Frau«, hätten die Kirchenväter umgedreht und daraus die Anweisung abgeleitet, dass ein Mann seine Frau lieben soll wie Jesus die Kirche – also»sakramental«, unkörperlich. So entstand die Vorstellung, die Ehe sei ein Sakrament, etwas Heiliges – und nicht einfach ein Vertrag unter Menschen. Damit bekamen auch sexuelle Regelverstöße eine ganz andere Bedeutung: Sie waren nun keine weltliche Angelegenheit mehr, die die Menschen untereinander zu regeln hatten, sondern sie berührten direkt das Verhältnis zum Göttlichen. Als umso schlimmer wurde es daher angesehen, wenn jemand die Regeln übertrat.
Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war das Kinderzeugen aus katholischer Sicht die einzige Legitimation für Geschlechtsverkehr – das erklärt die extreme Haltung der katholischen Kirche zu Verhütung und Abtreibung. Erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den 1960er Jahren wurde zugestanden, dass auch das Wohlergehen der Eheleute ein legitimer Grund für Sexualität sein kann.
Nicht zur Sprache kam auf dem Podium die evangelische Sicht der Dinge, die sich aber gerade bei diesem Thema sehr von der katholischen unterscheidet. Schon Martin Luther hatte gesagt, die Ehe sei ein »weltlich Ding«, und Verhütungsmittel sind aus evangelischer Sicht schon lange erlaubt.
Heutzutage haben protestantischeKirchen, zumindest in westlichen Ländern, eine eher liberale Einstellung zu dem Thema. Sie stellen Liebe und Verantwortlichkeitzweier Menschen füreinander in den Mittelpunkt ihrer Sexualethik. In vielen Kirchen sind unter dieser Voraussetzung auch Scheidung und Wiederverheiratung erlaubt, und Homosexualität gilt nicht mehr als Sünde.//

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