Arm im Vatikan. Geht das?

Pater Georg Maria Roers SJ

Der spirituelle Impuls. Von Pater Georg Maria Roers SJ

Jede Fernsehanstalt würde sich über eine Serie mit Papst Franziskus freuen: »Kevin allein zu Haus« (1990) wäre das Motto. Aber das Projekt kommt nicht zustande, der Papst möchte nicht alleine im Apostolischen Palast hocken und warten, was sich der Hofstaat einfallen lässt, um das Oberhaupt der Katholischen Kirche geschickt in Szene zu setzen. Warum sind sie Jesuit geworden? Warum wohnen Sie nicht in der Papstwohnung? Wollten Sie Papst werden? Auf diese Fragen antwortete der Papst sehr ehrlich bei einem Treffen mit Jesuitenschülern aus Italien und Albanien am 7. Juni: »Ich kann nicht alleine leben,« sagt er, will heißen, nicht im elfenbeinernen Turm wie ein Gelehrter. Franziskus möchte sein, der er ist.
Sein Terminkorsett ist eng geschnürt, sowieso, ein bisschen Luft zum Atmen tut da not, auch um sich frei äußern zu können. So geschieht es jeden Tag in der Hl. Messe im Haus Santa Marta. Alle Vatikanisti, also fast 4000 für ihn arbeitende Menschen, will er auf diese Weise kennenlernen. Ob er sich alle Namen wird merken können? Sicher nicht. Aber darum geht es gar nicht.
Er setzt Zeichen. Wir Priester sollen aus unseren Sakristeien hinaus, auf die Menschen zugehen, das macht der Papst uns vor. Am Gründonnerstag predigte er in St. Peter: »Wer nicht aus sich herausgeht, wird, statt Mittler zu sein, allmählich ein Zwischenhändler, ein Verwalter.« Den Abendmahlgottesdienst hielt er im römischen Jugendgefängnis Casal del Marmo, wusch Männern und Frauen die Füße, auch einer Muslima! Was das für den Dialog mit dem Islam bedeutet, ist kaum vorstellbar. Sich einer Muslima zu nähern ist, außer für ihren Ehemann, tabu. Wenn es der Papst in einem Gestus der Demut tut, hält die Welt den Atem an. Jede Frau im Islam ist mitgemeint, es stärkt ihre Würde. Auf dem Hintergrund der Begegnung Jesu mit der Sünderin im Evangelium (Lukas 7,36) werden die Rollen vertauscht. Die Frau nimmt die Position Jesu ein. Ein sündiger Mensch liegt ihr zu Füßen. Ob Franziskus geweint hat?
Dieser Geist der Demut ist es, den der neue Papst bei seinem ersten Auftritt ausstrahlte. Die Verneigung vor dem Volk und die Segensbitte waren echt. Kaum hatte er die berühmte Loggia und damit die Bühne der Welt betreten, setzte er dieses Zeichen, bekleidet nur mit einer Stola und einem einfachen Kreuz. Dem Pomp, der in den letzten Jahren in Rom auf der Tagesordnung stand, verweigert er sich.
Der vatikanische Apparat ist irritiert, das Wachpersonal muss Überstunden machen, weil der Papst Dienstwege auf seine Weise unterbricht. Am Anfang zahlte er noch seine Hotelrechnung selber, jetzt zahlt der Vatikan. Ist das nicht eine teure Armut? Wäre es nicht einfacher, er würde sich den Apparatschiks fügen? Die Schweizer Gardisten könnten in Ruhe Dienst schieben, und die Kardinäle würden sich in gewohnten Bahnen bewegen. Wer die Schleichwege kennt, der gewinnt. Das ist jetzt vorbei.
Schon bei ihrem ersten Treffen (24. Mai) redete der Papst den Bischöfen ins Gewissen. Er sprach über den Auferstandenen. Jesus stellt am Ende des Johannesevangeliums Petrus die Frage, ob er ihn liebe. »Bist du mein Freund?«
So fragt Franziskus: »Der, der die Herzen erforscht (Römer 8,27) wird zum Bettler um Liebe und er stellt uns die einzig wirklich wesentliche Frage, Voraussetzung und Bedingung dafür, seine Schafe zu weiden, seine Lämmer, seine Kirche. Jeder Dienst ist auf diese Vertrautheit mit dem Herrn gegründet; in Ihm zu leben ist das Maß unseres kirchlichen Dienstes, der sich ausdrückt in unserer Verfügbarkeit für den Gehorsam, im sich Erniedrigen, wie wir im Brief an die Philipper über die völlige Hingabe gehört haben (Phillipper 2,6-11)
Franziskus mahnt mit dem Philipperhymnus zur Eintracht. Haben ihn die Kardinäle nicht deshalb ganz demokratisch gewählt? Dem neuen Bischof von Rom, so versteht er sich vor allem, ist nicht gleichgültig, was im Vatikan geschieht. Aber vor allem schaut er darauf, was sich in der Welt tut. Er geißelt Menschenhandel, Kindesmissbrauch und Korruption. Er setzt sich für die Flüchtlinge ein und wendet sich an die einsamen und schwachen Menschen. Die Armut in der Welt treibt ihn um. Er tritt für die politischen Rechte der Entrechteten ein. Wir Christen sollen das »Salz der Erde« sein und nicht »Museums-Christen«, sagt Franziskus am 23. Mai. Er liebt Beispiele aus konkreten Alltagsvollzügen, z.B. aus der Küche: »Wenn man das Salz richtig nutzt, schmeckt man es nicht mehr heraus, sondern man spürt besser den Eigengeschmack des Essens, der vom Salz herausgearbeitet wird. Das ist die christliche Eigenart! Sie ist keine Uniformität, sondern nimmt jeden so, wie er ist – mit seiner Persönlichkeit, seiner Kultur.«
Schön, dass wir erfahren, was Franz spontan zu den Gläubigen in der Morgenmesse sagt. Die Zitate verdanke ich Radio Vatikan. Kommen jetzt endlich Frühlingsgefühle auf, mitten im Sommer? Die ersten 100 Tage sind vorbei. Aber müssen wir jeden einzelnen Tag analysieren, um zu sehen, wer jetzt auf dem Papstthron sitzt? Papst Franziskus hat sich viel vorgenommen. Seine Worte und Zeichen sind Ausdruck einer gelebten Frömmigkeit, die über den Tag hinausgehen. Arm zu sein hat viele Facetten. Eine davon ist es, beweglich zu bleiben und nicht im Reichtum zu erstarren! »Das Verkünden des Evangeliums muss auf der Straße der Armut geschehen. Diese Armut bezeugt: Ich habe keine Reichtümer außer dem, was ich empfangen habe, nämlich Gott. Dieser Geist des Kostenlosen ist unser Reichtum!« Das Wort des Papstes hat Gewicht! Auch diese wurden in der Frühmesse am 11. Juni gesprochen. Die Spiritualität, die dahinter steckt, wird sein gesamtes Pontifikat prägen. //

Foto: Monika Hoefler

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