„Das Leben hier ist reich.“

ch

tuer ch

Der Jesuit Christian Herwartz wirkt unter den Armen Berlins. theo-Redakteur Sven Schlebes besuchte den Ökumenepreisträger 2013 auf der Suche nach dem theologischen Sinn und Unsinn von Armut.

Es gibt Türen, durch die möchtest du nicht gehen, wenn du die Wahl hast. Sie sind unscheinbar und knorrig, unwirtlich, weit und breit kein roter Teppich, der dich einlädt. Manchmal musst du da durch, dann ist sie der einzige Ausweg aus deinem jetzigen Leben. Und du bist dankbar, dass sie da ist, diese Tür. Ich bin auf dem Weg nach Kreuzberg zu einer dieser Türen in einer Nebenstraße des Kottbusser Tors. Die kunstvollen Intarsien trotzen den Schmierereien, die hier in der Gegend üblich sind. Christian Herwartz, Jesuit und ehemaliger Arbeiterpriester, wohnt hier mit Menschen, die es eigentlich in modernen Gesellschaften nicht geben dürfte. Wohnungssuchende, Papierlose, Abhängige. Ein Mitbruder hatte mich zu ihm geschickt: »Wenn es einen gibt, der sich mit Armut auskennt, ist es der Christian.«
Der Dauerregen des Frühsommers nimmt Berlin jeden Glanz, die Straßen sind glitschig vom Blütenbrei. Wo bleibt er, der verlässliche kontinentalsommerblaue Himmel?
Irgendwie ist alles anders, nicht nur in Berlin. Es ist die Zeit der Jahrhundertflut in Mitteleuropa, der Unruhen in der Türkei und der mal wieder glänzenden Aktienkurse. Armut, so die Überzeugung von Christian Herwartz, ist dort, wo dein eigenes Leben endet, wo du stirbst und das Andere beginnt. Wer hierhin aufbricht, lässt seinen Reichtum, sein inneres Vermögen, sein Wissen und seine Sicherheit hinter sich und zeigt sich entblößt, nackt. Ist offen und verwundbar. Für Christian Herwartz der Ort der Menschwerdung Gottes und damit Heiliger Boden. Für bürgerliche Westberliner wie mich bleibt er trotzdem ein gefährliches Pflaster, dieser Szenekiez mit seinen arabischen Familienclans, 68er-Übrigbleibseln und 1.Mai-Auseiandersetzungen. Weswegen ich alle Wertgegenstände Zuhause gelassen habe. Mein Besuch in Sachen Armut soll mich schließlich nicht arm machen. Zwei Sicherheitsschlösser baumeln an meinem Fahrredlenker. Ängstlich und äußerst umständlich befestige ich mein Fahrrad an einem gut einsehbaren Zaun. Scheinsicherheit.
Ich weiß. Ein weißer Porsche parkt neben mir. Eine Spiegelsonnenbrille grinst mich an. Im Reflexpunkt blitzt kurz mein Spiegelbild auf. Mein Gott wie jämmerlich!
Den Weg zur Jesuitenkommunität kenne ich bereits. Vor sechs Jahren hatte ich mit einem Freund an einer der mittlerweile berühmten Straßenexerzitien teilgenommen. Einen Tag lang Straßenmeditation auf der Suche nach dem Erscheinen des Heiligsten im Alltag. Die Lightvariante für absolute Beginner, wie ich im Nachhinein feststellen musste. Die echten Streetrunner sind mindestens eine Woche lang unterwegs. Ohne Handy, Geld und Orientierung, dafür mit einem persönlichen Gottesnamen auf den Lippen.
Aus ganz Deutschland kommen die Menschen in die Jesuitenkommunität, um sich in entscheidenden Phasen ihres Lebens begleiten zu lassen. Moderne Ignatische Impulsreisen nennt das Christian Herwartz in Anlehnung an das Wirken seines Ordensgründers Ignatius von Loyola. Raus aus der persönlichen Komfortzone und rein ins Niemansland der Ängste, Sorgen und Dämonenfratzen. Eben dort, wo der andere Gott wohnt. Der, der nicht ich ist. Sondern die restlichen 99,9 Prozent der Welt. Und damit der wahre Reichtum des Lebens.
Ich bin wie immer zu spät. Diesmal sind es nur zehn Minuten. »Wer sich auf den Weg der Straßenexerzitien macht, sollte bedenken, dass zuerst Heilung geschieht und dann Berufung. Beides braucht seine Zeit.« Als Christian Herwartz Mitte der Siebziger mit einem Jesuitenbruder nach Berlin Kreuzberg zog, galt der Kiez als Auffangbecken für Nonkonformisten. Besonders preisgünstig, ein wenig heruntergekommen, viele sogenannte Migranten, wenig Fragen nach der Herkunft, umso mehr Nischen fürs Dasein. Genau der richtige Ort, um das in den 70er Jahren entwickelte neue Selbstverständnis der Jesuitien als lebendige Experimentiergemeinschaft in die Realität umzusetzen: »Oft schon unsere Herkunft, dann unsere Studien und unseren Bindungen schirmen uns von der Armut ab, selbst von dem einfachen Leben und seinen täglichen Sorgen. Wir haben Zugang zu Wissen und Macht, wie ihn die meisten Menschen nicht haben. Es wird daher nötig sein, dass eine größere Zahl der Unsrigen das Los der Familien mit bescheidenem Einkommen teilt, das heißt das Leben derer, die in allen Ländern die Mehrzahl bilden und oft arm und unterdrückt sind.« (4. Dekret der 32. Generalkongreation 1974/75)
Ein Lebensentwurf, der damals schon im schroffen Gegensatz stand zu vielen bürgerlichen Ordensexistenzen. Jenseits von Macht, Einfluss und Ansehen. Segensreich, aber mit Gefahrenpotenzial.
Denn wenn der Schatten zum Alltag wird, die Begegnung mit der Armut zur Routine, kann die Erinnerung an das Strahlen der Sonne verblassen. Und die Lebensfreude weichen. Als Christian Herwartz sein eigenes Leben in der Begegnung mit der Armut sah, verlor er den Kontakt zu Jesus Christus.
Hinter mir fällt die schwere Eingangstür ins Schloß. Dunkelheit breitet sich aus. Ein beklemmendes Gefühl, schon im Treppenhaus. In Gedanken suchte ich nach einem sichereren Abstellort für mein Fahrrad. Wenige Sekunden später geht das Licht an und eine Stimme ruft von oben: »Hallo. Sie sind hier richtig. Man wartet schon auf Sie.« Irgendwie doch zu Hause?
An der Tür erwartet mich einer von Christians Mitbewohnern. Er sei hier nur mal so ab und zu. Er begleitet mich in den Gemeinschaftsraum der wg. Ein einfacher Holztisch in seiner Mitte, drumherum eine Bank und sechs Stühle. Kaffee kommt, dann Christian! Er hustet. Eine hartnäckige Grippe: »Hallo Sven. Herzlich willkommen. Lass uns loslegen. Dann kann ich wieder ins Bett. Was abgearbeitet ist, ist abgearbeitet.«
Sein Leben lang wollte Christian nicht über etwas reden, das er selbst nicht war, sondern erst einmal er selbst sein, um so zu wahrer Begegnung zu finden. In seiner ersten Lebenshälfte war es das manuelle Arbeiten, das ihn in Gemeinschaft mit den Benachteiligten führte. Erst der Kontaktverlust zu Gott in der Lebensmitte und die daraus enstandene Krise haben ihn zum Exerzitienorganisator und -begleiter reifen lassen. »Ein wunderbarer Weg, um sich noch intensiver auf die ursprüngliche Beziehung von Gott und Mensch einlassen zu können. Dies kann nur in totaler Armut geschehen, so wie Jesus auch vor Gott steht (Mt 5,3). Nichts steht zwischen ihm und dem Vater. Diese Art der Armut ist die Wurzel der Freiheit.« Es klingelt. Eine Physiotherapeutin erscheint, kümmert sich um den Rücken des ältesten WG-Bewohners. Er hat, wie Christian Herwartz, Parkinson. »Geld spielt hier keine Rolle. Hier sind alle gleich. Diese Erfahrung ist unendlich wertvoll. Und sie heilt. Oder besser gesagt: Jesus Christus heilt in der Begegnung.«
Mächtige Worte. Ob es denn auch Menschen in der WG gegeben habe, die mal raus aus der Armut wollten. Kopfschütteln. »Das Leben hier ist nicht arm. Es ist in seiner Begegnungsdichte unendlich reich. Aber das sind andere Maßstäbe. Ihr denkt immer nur, im Leben gehe es darum, ausreichend versorgt zu sein. Doch das ist nicht der Sinn. Es ist die Befreiung des Menschen aus der Armut seiner eigenen Persönlichkeit. Es geht um Heimkehr. Um Heiligkeit. Vollendung.«
Schon lange habe ich niemanden mehr in einer so sanften aber deutlichen Bestimmtheit reden hören. Das Gesagte widerspricht meiner täglichen Arbeit, andere Menschen zu einem selbstbestimmten Leben zu befähigen. Mehr aus sich zu machen. Und doch gefällt mir der Generalangriff auf mein Lebenskonzept. »Ich nenne das die Spiritualität der Störung«, ergänzt Christian, als er meine Irritation wahrnimmt. »Du wirst sehen, dein Weltbild wird nach und nach erodieren und du wirst den Blick freibekommen für den auferstandenen Jesus Christus. Es ist ein zentraler Teil der sogenannten Herzensschulung der Straßenexerzitien.« Christian hatte nicht vergessen, dass ich bereits vor Jahren bei ihm am Küchentisch gesessen habe auf der Suche nach meiner Berufung.
»Manche sind nur einen Tag lang unterwegs. Andere eine Woche. Manche Monate. Wenige Jahre oder sogar ihr Leben. Denk daran: Erst kommt die Heilung. Dann die Berufung.«
Nachdenklich steht ich vor einer Wand mit Photos. Ein kleines Mädchen von etwa fünf Jahren lächelt hinab. Was ist mit ihr, frage ich. »Sie ist gestorben. Umgekommen bei einem Wohnungsbrand zusammen mit ihrer Mutter. Sie stand eines Tages mit einem Mann vor meiner Tür. Er gab sich als ihr Entführer aus und bat um Einlass. Zwei Sozialarbeiterinnen hatten ihn geschickt. Es war der leibliche Vater auf der Flucht, der sein Kind vor dem Missbrauch durch den neuen Lebensgefährten der Mutter schützen wollte. Das Amt hat ihn trotzdem ausfindig gemacht und das Kind zurückgeschickt. Wenn du dich entscheidest, deine Tür aufzumachen, in deine eigene Armut zu gehen, passiert immer etwas. Du weißt nur nicht, was. Auf einmal bist du mitten drin im Leben. Und du musst dich dazu in Beziehung setzen. Das, Sven, das ist die Vervollständigung des eigenen Lebens durch die Hingabe an die eigene Armut. Dadurch bekommt es Substanz, dein Wirken Kraft und dein Sprechen Sinn.«
Der Husten wird stärker. Für dieses Benennen-was-ist hat Christian in diesem Jahr den Ökumenepreis 2013 erhalten. Nicht in Sachen Armut. Sondern für sein religionsübergreifendes Engagement gegen die Abschiebepraxis. Ein Leben in Entschiedenheit. Mit einem Mal sind mir alle meine schön ausgedachten Fragen entfallen. Für einen Moment bleiben das Bild des verstorbenen Mädchens, Christian, der Küchentisch und ich. Ein merkwürdiges Gefühl. Zunächst Angst, dann tiefe Ruhe.

Es gibt Türen, durch die möchtest du nicht unbedingt gehen, wenn du die Wahl hast. Manchmal musst du hindurch.Dann ist sie die einzige, die dir den Ausweg aus deinem jetzigen Leben offenbart. //

Buchtipps:
Christian Herwartz. Auf nackten Sohlen. Exerzitien auf der Straße. Echter Verlag 2006.
Christian Herwartz. Brennende Gegenwart. Exerzitien auf der Straße. Echter Verlag 2011.

Informationen:
www.con-spiration.de/exerzitien
christian.herwartz(at)jesuiten.org

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *