Die Zisterzienser

Grünhain

Weniger ist schwer.
Text: Sven Schlebes
Foto: Devilsanddust (Eigenes Werk) [CC-BY-SA-2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)], via Wikimedia Commons

Kaum ein Orden hat die Entwicklung Europas so maßgeblich mit beeinflusst wie die Zisterzienser: architektonisch, wirtschaftlich, strukturell und spirituell. Dabei wollten die drei Gründungsväter nur das einfache Mönchsleben des Gebets, der Lesung und der Arbeit gemäß der Benediktsregel erneuern. Doch die rasch wachsende Gemeinschaft hatte über Jahrhunderte in Europa eine gesegnete Hand bei der Urbanisierung sowohl von Siedlungsland als auch von Seelenackern und verhalf so einem ganzen Kontinent zur kulturellen Blüte. Rund 900 Jahre später erinnern sich die Zisterzienser erneut an ihre einfachen Wurzeln und bereiten wieder den Boden für eine reiche Ernte in den Wachstumsgebieten der katholischen Weltkirche. theo war zu Gast bei den Seelengärtnern und hat hinter das Geheimnis der großen Fruchtbarkeit geschaut.

Am Anfang war die Sehnsucht nach Ursprung und Reinheit der christlichen Lehre, der Benediktsregel und der eigenen Seele. Als der Benediktinermönch Robert von Molesme 1098 mit 20 weiteren Brüdern seine alte Abtei Molesme verließ, um das Kloster Cîteaux (lat. Cistercium, dt. Zisterne) bei Dijon zu gründen, verstand er seinen Schritt als Konzentration aufs Wesentliche und als bewusste Befreiung von den Verlockungen des Wohlstandes, zu dem im Hochmittelalter Ordensgemeinschaften durch Spenden und Erbschaften gelangt waren. Besonders die nahe gelegene Abtei Cluny hatte es im 11. Jahrhundert zu Reichtum gebracht und eine ganz eigene Art des Gotteslobes entwickelt, die dem ursprünglichen Ansatz der Einfachheit diamentral entgegenstand.
In der damals größten und kunstvollsten Kirche der Christenheit feierten die Mönche in stundenlangen Gottesdiensten und prachtvollen Prozessionen die Herrlichkeit des Höchsten – vor allem aber sich selbst. Immerhin schafften es gleich mehrere Cluny-Brüder auf den Papsttrohn in Rom – ein starkes Machtzentrum innerhalb des christlichen Abendlandes war die Folge. Mit einem einfachen Leben in der Nachfolge Jesu Christi hatte dies nichts mehr zu tun.
Zunehmend zeigten Armutsbewegungen und die Vita-evangelica-et-apostolica-Bewegung in ganz Europa das Zerrbild des christlichen Selbstverständnisses und stellten die Grundlagen der Kirche in Frage. Vor diesem Hintergrund fanden sich in allen bestehenden Ordengemeinschaften Menschen zusammen, um der Häretikerbewegung entgegenzutreten und den ursprünglichen Idealen der Benediktsregel aus dem 6. Jahrhundert wieder zur Geltung zu verhelfen: ein Leben in Gehorsam, Schweigsamkeit, Demut und in Liebe.
Der Gründungsgemeinschaft von Cîteaux um Robert von Molesme kam es vor allem darauf an, in einfacher Lebensweise die Christusnachfolge anzutreten.
Damit war die Reformgruppe beispielhaft für die nachfolgenden Bettelorden des Mittelalters: die Dominikaner, die Franziskaner, die Karmeliten und die Augustiner-Eremiten.
Die unwirtliche Einsamkeit Cîteaux schien der geeignete Ort zu sein: abgeschieden von den kulturellen Zentren, verborgen im Wald und an Süßwasserquellen gelegen, um sich selbst versorgen zu können. Rasch wuchs die Gemeinschaft unter ihren drei ersten Äbten Robert von Molesme (1028 – 1111), Alberich (1050 – 1109) und Stephan Harding (1059 – 1134), heran. Im Mittelpunkt: die Ausbildung ihrer ganz besonderen Spiritualität, ohne die weder die spätere Erfolgsgeschichte der Familia Cisterciensis noch sämtliche kulturellen Erscheinungsformen der Architektur, der Kunst, Musik und Wirtschaft zu verstehen sind.

Den Kern des Ordensideals stellen bis heute vier Säulen dar:
1. Das Leben nach der »reinen« Regula Benedicti
2. Das Bemühen um Authentizität (veritas) besonders und vor allem in der Auseinandersetzung mit der Bibel.
3. Die Hinwendung zur Einfachheit des Lebens durch Handarbeit und Eigenwirtschaft.
4. Die Forderung nach einheitlicher Lebensweise gemäß dem Vorbild von Cîteaux.

Im Konkreten bedeutete dies damals wie heute einen schlichten, einen armen Alltag, der geprägt ist von mehreren Stunden gemeinschaftlichen und persönlichen Betens, der geistlichen Lesung, der Meditation, der Arbeit und des Gehorsams.
Besonders die Schlichtheit kennzeichnet seit jeher ihre Musik, den einfarbigen Buchdruck und die einfache Architektur (Turmlosigkeit, rechteckig schließende Chöre, flachgedeckte Langhäuser, Ornamentlosigkeit).
Es war vor allem Bernhard von Clairvaux (1090 – 1153), der die wegweisenden Arbeiten der Ordensgründergeneration nach seinem Eintritt 1113 spirituell und strukturell vervollständigte. Mit seinen Schriften über den Weg des Menschen vom Zisterzienserkloster zu Gott als Schule der Liebe wurde er zum Begründer einer ganz eigenen Ausformung christlicher Spiritualität, die maßgeblichen Einfluss auf die mittelalterliche Frauenbewegung im 13. und 14 Jahrhundert, die Entwicklung der Zisterziensermystikerinnen rund um Gertrud von Helfta, auf die »Devotio moderna« und sogar auf die spätere protestantische Frömmigkeit haben sollte.
Gleichzeitig entwickelte er das sogenannte Filiationsprinzip des Ordens und legte mit einer straffen, zentralistischen Führungskultur und der Verbundenheit der Töchterklöster zu ihrem Mutterkloster die Grundlage für die zügige und flächendeckende Ausweitung des Ordens, dessen berühmte Charta caritatis im Jahr 1119 von Papst Kalixt II. als Ordensverfassung von Cîteaux endgültig anerkannt
wurde. Sie sah neben dem Filiations- und Subsidiaritätsprinzip der Klöster ein jährliches Generalkapitel aller Äbte in Cîteaux sowie die jährliche Visitation der Töchterklöster vor: eine Struktur, die aus den vier Primarabteien des Ordens La Ferté (1113), Pontigny (1114), Morimond und Clairvaux (beide 1115) multinationale Zentren werden ließen.
Doch wo Licht ist, fällt bekanntlich auch ein Schatten. Aus heutiger Forschungsperspektive war der »Liebesschüler« Bernhard von Clairvaux zugleich einer der ersten Geistlichen, der Kreuzzügen in Europa die ideologische Basis lieferte. Mit Feuereifer warb er für das Zustandekommen des zweiten Kreuzzuges unter Papst Eugen III. und versprach den Teilnehmern die Sündenvergebung als Belohnung für die Teilnahme an einem religiösen Krieg. Bernhard pries den Tod als hohes Ideal für eine heilige Sache und unterstütze nach Kräften den Aufbau des Ordens der »geistlichen Soldaten«, der Tempelritter.
Es war von jeher die große Gabe der Zisterzienser, im positiven wie im negativen Sinne Kinder ihrer Zeit zu sein. Doch größer noch als ihr Einsatz im kriegerischen Spiel der Rückeroberung der heiligen Stätten in Jerusalem war ihr Engagement bei der Christianisierung der Slawen und der Urbanisierung Osteuropas. Durch ihre innerliche und strukturelle Verfassung wurden ihre Abteien und Klöster in der abgeschiedenen Wildnis Kristallisationskerne für die Bildung neuer kultureller Zentren. Sie legten die Grundlagen für eine gelingende Landwirtschaft und den Aufbau funktionierender Städte.
Wie alle Ordensgemeinschaften litten auch Zisterzienser an den Folgen der Reformation, der Aufklärung, der französischen Reformation und der Säkularisierung.
Vor allem in Frankreich wurden die sogenannten Mutterklöster systematisch zerschlagen und so der feste Verbund der Gemeinschaften untereinander empfindlich gestört.
Doch die zisterziensische Spiritualität lebt bis heute weiter. Über 300 Männer- und Frauenklöster der Ordensfamilie (ungefähr 4000 Mönche und 3200 Nonnen) lassen sich auf der ganzen Welt finden. Zu ihr gehört der »alte« Zisterzienser-Orden (O.Cist.) mit seinen zwölf Kongregationen und der aus den Reformbewegungen des 17./18. Jahrhunderts 1892 entstandene Trappistenorden (O.C.S.O.), die Klöster der Bernhardinerinnen und der Zisterzienserschwestern von Anagni in Italien, der Orden von Port Royal und die Gemeinschaften der Zisterzienseroblaten und Laienzisterzienser, die einem der genannten Orden unterstellt sind.
Mit dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils hat sich der Orden erneut auf das zisterziensische Erbe besonnen und versucht am Beginn des 21. Jahrhundert eine überzeugende Antwort für die Suchenden der Zeit zu geben: Und siehe da: Es ist vor allem der Zisterzienserordern der strengeren Observanz, die Trappisten, der in den letzten Jahrzehnten in Südamerika und Ozeanien Neugründungen durchführen konnte. Wie einst bei ihren geistigen Vorvätern öffnet auch heute die schlichte Schönheit des Glaubens die Herzen der Menschen für die Botschaft Christi. Manchmal ist weniger eben doch die Grundlage für ein anderes mehr. //

Informationen
Weitere Informationen zur Geschichte des Ordens sowie Kontaktinformationen erhalten Sie unter:
www.ocist.org
www.orden-online.de

Stift Heiligenkreuz
Pater Prof. Dr. Karl Wallner OCist:
T +43. 2258. 87 03-177
F +43. 2258. 87 03-327
www.stift-heiligenkreuz.at
information(at)stift-heiligenkreuz.at

 

Übersicht der Klöster in den deutschsprachigen Gebieten:
(ohne die Klöster der Zisterzienser der strengeren Observanz / Trappisten)

Deutschland
Mönchsklöster
— Kloster Birnau in Uhldingen-Mühlhofen (vor 1804 zu Kloster Salem gehörend, seit 1919 Priorat der Territorialabtei Wettingen-Mehrerau)
— Kloster Langwaden in Grevenbroich-Langwaden (1145–1802 Prämonstratenserinnen, seit 1964 zisterziensisch)
— Kloster Stiepel in Bochum-Stiepel (seit 1988, Priorat von Stift Heiligenkreuz)
— Kloster Himmerod bei Großlittgen (1134-1802, seit 1922 wiedererrichtet)
— Abtei Marienstatt bei Hachenburg (1212-1802, seit 1888 wiedererrichtet)
Nonnenklöster
— Kloster Lichtenthal in Baden-Baden (seit 1245)
— Kloster Oberschönenfeld in Gessertshausen (1248-1803, seit 1836 wiedererrichtet)
— Kloster Seligenthal Landshut in Landshut (1232-1803, seit 1836 wiedererrichtet)
— Kloster Thyrnau in Thyrnau (seit 1902)
— Kloster Waldsassen in Waldsassen (1133-1803 Zisterzienser, seit 1863 als Zisterzienserinnenkloster wiedererrichtet)
— Herz-Jesu-Kloster in Düsseldorf (1859-1999 Klarissen, seit 2004 zisterziensisch)
— Kloster St. Marienstern in Panschwitz-Kuckau (seit 1248)
— Kloster St. Marienthal bei Ostritz (seit 1234)
— Kloster Marienthal (Sornzig) (seit 1241)
— Kloster Helfta in der Lutherstadt Eisleben (1229/58-1542, seit 1999 wiedererrichtet)

Österreich
Mönchsklöster
— Stift Heiligenkreuz im Wienerwald (seit 1133)
— Stift Lilienfeld in Lilienfeld (seit 1202)
— Stift Neukloster in Wiener Neustadt (gegr. 1444, seit 1881 Priorat von Stift Heiligenkreuz)
— Stift Rein in Rein bei Graz (seit 1129)
— Stift Rein-Hohenfurth (1959–1991)
— Stift Schlierbach in Schlierbach (seit 1620, vorher 1355–1556 Frauenkonvent)
— Stift Stams in Stams (1273–1807, 1816–1938, seit 1945 wiedererrichtet)
— Territorialabtei Wettingen-Mehrerau bei Bregenz (seit 1854, vorher 1097-1806 Benediktiner)
— Stift Wilhering in Wilhering bei Linz (1146-1940, seit 1945 wiedererrichtet)
— Stift Zwettl bei Zwettl (seit 1138)
Nonnenklöster
— Abtei Mariastern (Gwiggen) in Hohenweiler (seit 1856)
— Kloster Marienfeld bei Maria Roggendorf (seit 1982)
— Abtei Marienkron bei Mönchhof (seit 1955)

Schweiz
Mönchsklöster
— Kloster Hauterive (Kloster Altenryf ) bei Hauterive (1138-1848, 1939 wiederbesiedelt)
— Kloster Orsonnens in Orsonnens (Zisterzienser der
vietnamesischen Kongregation S. Familiae)
Nonnenklöster
— Kloster Frauenthal bei Cham ZG (1231 gegründet, seit 1253 Zisterzienserinnen)
— Kloster Magdenau bei Degersheim SG im Kanton St. Gallen (1244 gegründet)
— Kloster Mariazell-Wurmsbach in Rapperswil-Jona am oberen Zürichsee (1259 gegründet, seit 1261 Zisterzienserinnen)
— Kloster Maigrauge (Magerau) in Freiburg im Üechtland (1255 gegründet, seit 1261 Zisterzienserinnen)
— Kloster Eschenbach in Eschenbach LU (seit 1285 Augustinerinnen, seit 1588 Zisterzienserinnen)

Die evangelischen Zisterzienser-Erben:
Im Laufe der Geschichte sind viele Zisterzienserkloster »evangelisch« geworden. Die evangelischen »Erben« der Zisterzienserklöster stehen in engem Kontakt untereinander und treffen sich in regelmäßigem Abstand auf großen Konventen.

Informationen hierzu finden Sie auf:
www.evangelische-zisterzienser-erben.de


Literatur

Immo Eberl: Die Zisterzienser. Geschichte eines europäischen Ordens. Thorbecke, Stuttgart 2002, ISBN 3-7995-0103-7.
Elke Dißelbeck-Tewes: Frauen in der Kirche. Das Leben der Frauen in den mittelalterlichen Zisterzienserklöstern Fürstenberg, Graefenthal und Schledenhorst (zugl. Diss. Bochum 1988/89), Köln,1989
Stephanie Hauschild: Das Paradies auf Erden. Die Gärten der Zisterzienser. Thorbecke, Ostfildern 2007, ISBN 978-3-7995-3530-4.
Ulrich Knefelkamp (Hrsg.): Zisterzienser. Norm, Kultur, Reform – 900 Jahre Zisterzienser. Springer, Berlin 2001, ISBN 3-5406-4816-X.
Jean-Francois Leroux-Dhuys: Die Zisterzienser. Geschichte und Architektur. Könemann, Köln 1998.
Ekkehard Meffert: Die Zisterzienser und Bernhard von Clairvaux – Ihre spirituellen Impulse und die Verchristlichung der Erde Europas, mit einer Würdigung des 3. Abtes von Citeaux Stephan Harding, dem Schöpfer der Ordensverfassung »Carta Caritatis«, Stuttgart 2010.
Bernardin Schellenberger: Die Stille atmen: Mein Leben als Zisterzienser. Kreuz-Verlag 2005.

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