Die tun was.

Gabrielle Possard

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Kinder zwischen 5 und 18 Jahren haben sich virtuell zusammengeschlossen, um gemeinsam Entwicklungsprojekte nach vorn zu bringen.

Längst steht diese Bedürftigkeitsgeschichte symbolisch für eine weltweite Unterstützerindustrie, die den natürlichen Hilfsimpuls von Menschen nutzt, um Geschäfte zu machen und die bemängelten Misstände zu zementieren: Hier die Starken, dort die Schwachen. Und beide verbindet ein Geldstrom in einem Spiel, dessen Weltsicht auf einer Logik von Gewinnen und Verlieren basiert.
Dass Kinderarmut auch ein Potenzial für gegenseitige Ermächtigung sein kann, die alle Beteiligten seelisch und materiell bereichert, zeigt die 2007 in Berlin gegründete Initiative Youth-LeadeR um Eric Schneider. Über 50 junge sogenannte »Changemaker« zwischen 5 und 18 Jahren haben sich virtuell zusammengeschlossen, um voneinander zu lernen und sich bei der Verbreitung ihrer Entwicklungsprojekte zu unterstützen. Im Gegensatz zu vielen Kindern und Jugendlichen Europas, die einen von Eltern, Schule und Vereinen durchstrukturierten und versorgten Alltag durchleben, haben die YL‘er Eigenverantwortung übernommen. Das Ergebnis: Über 100 erfolgreiche Entwicklungsprojekte, die nicht von hochbezahlten Managern entworfen und durchgeführt werden, sondern in denen Kinder die Hauptrolle spielen und das Leben spielerisch bereichern. Ihr Ziel: Insbesondere über den Bildungsbereich die junge Generation in Schulen zu erreichen und zu ermutigen, teilzuhaben und auch eigene Entwicklungsideen zu verwirkliche

Als die Kanadiern Janine Annett von den schlechten Bildungsbedingungen indischer Mädchen auf dem Land hörte, war sie neun. Während einer Projektwoche vor Ort beschloss sie, mehr zu tun als ihre Projektmappe mit bunten Bildchen aufzufüllen. Sie machte sich auf den Weg zu einer 30-Tage-Wanderung rund um Vancouver Island. Fast 9.000 Dollar Spenden kamen bei ihrem ersten »Wish Walk« zusammen – die Grundlage für den Neubau einer Schule in Indien. Gemeinsam mit YL arbeitet Annett daran, landesweit Fundraisingwanderungen durchzuführen und innovative Impulse zur lokalen Armutsreduktion zu setzen.
Auch die Amerikanerin Gabrielle Posard, Gründerin der Initiative Donate Don’t Dump wurde in der Schule auf das Armutsthema aufmerksam. Die damals Zwölfjährige war geschockt über die ökologischen Auswirkungen der gigantischen Lebensmittelverschwendung in den usa und die zeitgleiche Nahrungsmittelbedürftigkeit benachbarter Familien in den Vorstädten. Sie begann lokale Supermärkte mit amerikanischen Tafeln (Food Banks) zu verknüpfen, die bislang lediglich gespendete und in der Regel verarbeitete Lebensmittel ausgaben. Nach drei Jahren sammelte ein Netzwerk von 4000 Freiwilligen 400 Tonnen frische Nahrungsmittel ein und verteilte sie weiter. Ihr Signet, ein Recycling-Logo mit Messer, Gabel und Löffel, ist bereits landesweit von Organisationen übernommen worden.
Cassandra Lin war 1o, als sie den Zusammenhang zwischen der Klimaerwärmung und dem Heizverhalten finanziell schwacher Familien in den kälteren Regionen der USA verstand. Viele Haushalte verbrennen noch energetisch ineffizient Erdöl, gleichzeitig schütten Restaurants soviel Bratfett in den Ausguss, dass die Kanalisation verstopft. Inspiriert von einer Initiative in Kalifornien, die Essensfette zur Herstellung von Biosprit nutzt, organisiert Cassandra die Spende von organischen Altölen der Gastronomie zur Gewinnung von Biodiesel, das anteilig an finanziell Benachteiligte Familien weiterverschenkt wird. Inzwischen hat sie Fettrecycling gar gesetzlich verankert und arbeitet nun an der Verbreitung innerhalb ihres Bundesstaates – über Kinder und Jugendliche in Schulen.

In allen YL-Projekten arbeiten selbst die von Armut betroffenen Menschen und erfahren eine neue Art von spielerischer Selbstwirksamkeit, es macht ihnen Mut, dass Kinder kreativ mit ihrer Situation umzugehen wissen. Youth-LeadeR ist mittlerweile ein offizielles un Weltdekadeprojekt »Bildung für Nachhaltige Entwicklung« (2005 – 2014) und berät Organisationen und Schulen, wenn es um die Beteiligung von Schülerinnen und Schülern bei konkreten Problemlösungen geht. Spätestens seitdem auch die offizielle Politik den Wert einer Potenzialentfaltungslogik auf dem Bildungsbereich verstanden hat, lacht niemand mehr über den unbekümmerten Tatendrang von Kindern. Im Gegenteil: Den Erwachsenen ist die kompetente Eigeninitiative unheimlich. Was fehlt, ist das Zutrauen der Älteren zu sich selbst, von den einst als schwach angesehenen Kindern und Armen zu lernen und mit ihnen eine neue Welt aufzubauen. Doch auch hier kommen ihnen die Kinder entgegen. »YL‘er lieben ihre Eltern und wünschen sich nichts sehnlicher, als gemeinsam mit ihnen die Welt zu verändern«, weiß Eric Schneider. »Es gibt Dinge, die wir Erwachsene gar nicht tun können – die Kinder haben ihre eigene Magie. Aber unsere Kenntnisse der Gesellschaft können viele Türen öffnen, sei es durch Freiräume in der Schule oder Öffentlichkeit.«
Die Kinder wissen: »We are the world«. //

Kontakt
Youth-LeadeR (YL)
c/o Eric Schneider
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10437 Berlin
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