»Alle Kinder im Altbau sind doof!«

Pater Georg Maria Roers SJ

Der spirituelle Impuls von Georg Maria Roers SJ

Jemand nannte mich einmal Tagträumer. Das habe ich damals nicht wirklich verstanden. Bei Botho Strauß finde ich: »Es bleibt kein Zwischenraum, um zu ›reflektieren‹. Der Mensch so eins mit seinen Dingen, wie er’s im ersten Zeitalter der Trance mit seinen Gottheiten war … Und Trance heißt nun: sich im Gefüge fühlen.« Sein neues Buch Lichter der Toren (2013) birgt Überraschungen. Eins mit den Dingen zu sein ist eine mystische Auffassung der Welt. Das gilt auch für einen Tagträumer. Wer nicht mit den Dingen eins sein kann, will sie mit Logik in Ordnung zu bringen. Ob ich deshalb Jesuit geworden bin, weil man uns nachsagt, wir seien so verkopft? Mit dem Herzen geht das übrigens nicht so schnell. Hier ist eine andere Logik im Spiel, die sich kaum beeinflussen lässt. Wer in einen Orden eintritt, der will Ordnung in sein ganzes Leben bringen. Das hat Hand und Fuß, wenn man den richtigen Ort gefunden hat und Ordensleute, die einen in ihre Gemeinschaft aufnehmen. Es gelten dann Ordensregeln, die transparent sein müssen. Kann man dann immer noch seinen eigenen Gedanken nachhängen oder gar träumen? Selbstverständlich, denn die Gedanken sind frei, wie es in einem Volkslied heißt. Als Ordensfrau oder Ordensmann macht man sich das Prinzip der inneren Freiheit zu eigen. Dabei ist Jesus immer das Vorbild. Er nimmt sich die Freiheit, eingefahrene Regeln in Frage zu stellen. Zu seiner Zeit war es z. B. üblich, Ehebrecherinnen zu steinigen (Diese grausame Strafe kommt auf dem einen oder anderen Kontinent heute noch vor). Was damals ein Tabu war, hat Jesus durch sein Verhalten gebrochen. Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein (Johannes 8). Der Papst hat vor einiger Zeit etwas ganz Ähnliches getan. Von Journalisten auf das Thema Homosexualität angesprochen, reagierte er ganz jesuanisch: »Wer bin ich, ihn zu verurteilen?« Über Homosexuelle, die Gott suchen und Menschen guten Willens seien, könne er nicht den Stab brechen. In Russland ist es z. Z. per Gesetz verboten, das Wort »schwul« überhaupt in den Mund zu nehmen. Es könnten ja Jugendliche in der Nähe sein…Wer die Jugend schützen will, hat sich hehre Ziele gesetzt. Aber wer die Jugend als Vorwand nimmt, um politische Ziele durchzusetzen, hat etwas gründlich missverstanden. Jesus hat in seiner Zeit die Frauen in Schutz genommen. Seither sollte es für Christen eine Selbstverständlichkeit sein, sich weltweit für Frauenrechte einzusetzen.

Die Ehre der Frauen und des Christentums stehen auf dem Spiel. Menschen, die in Schwierigkeiten geraten, werden schnell an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Wer Andere ausgrenzt macht sich schuldig. Das gilt auch für Kinder, die andere im Kindergarten ausschließen. Es haften die Eltern, die ihren Kindern noch nicht beigebracht haben, dass nicht alle Menschen gleich aussehen oder dasselbe essen und trinken. Die Erzieherinnen müssen diese Kinder an die Hand nehmen und erklären: Jeder Mensch ist ein Individuum. Angenommen es handelt sich um einen Kindergarten mit einem Alt- und Neubau. Gemeinsam spielen die Kinder im Garten. Nun wird ein Kind aus dem Neubau von einem Kind aus dem Altbau geschubst. Der kleine Junge erzählt am Nachmittag zu Hause: »Alle Kinder aus dem Altbau sind doof!« Die Mutter weiß, dass ihr Junge einen Freund, sagen wir Nico, aus dem Altbau hat: »Nico ist doch auch aus dem Altbau! Ihr spielt doch zusammen. Dann können ja nicht alle Kinder aus dem Altbau doof sein.« Es geht darum, die Eigenschaften der Kinder hervorzuheben. Diese sind unabhängig von Geburtsort, Hautfarbe, Nation. Unterschiede ergeben sich automatisch, aber eben auch viele Gemeinsamkeiten: Das Spiel im Garten verbindet. So wird niemand ausgegrenzt. Während ich diese Zeilen mitten in Berlin schreibe, müssen Flüchtlinge aus Syrien und anderen Krisenstaaten in Marzahn-Hellersdorf Spießruten laufen.

Viele der Anwohner begegnen ihnen mit offenem Hass. »Maria statt Scharia«, mit einem solchen Plakat schürt die npd die Angst der Menschen. Die Gottesmutter hat mit dem Wahlkampf nun wirklich nichts zu schaffen. Wo bleibt der gesunde Menschenverstand? Maria war auch einmal Flüchtling, weil Jesus von Herodes getötet werden sollte (Mt 2,13). Menschen zu helfen, die um ihr Leben fürchten, ist eine Christenpflicht. Mittlerweile scheinen nicht wenige die Mathematik der Menschlichkeit verlernt zu haben. Wer aber das kleine Einmaleins nicht kann, der wird in keinem Bereich seines Lebens wirklich zurecht kommen. Ein Grundrecht, das da lautet, alles muss beim Alten bleiben, gibt es nicht. Seit Heraklit ist alles im Fließen begriffen, das heißt, sich im Gefüge fühlen. Jetzt brauche ich wieder Muße, um mit den Dingen eins zu werden, um mich im Gefüge zu fühlen. Vielleicht springt ja ein Gedicht dabei raus. So sublimiere ich meine Wut über krakeelende Gestalten mit braunen Gedanken. Bei meinen Gedichten schlage ich manchmal auch über die Strenge. Aber Papier ist geduldig. //

Foto: Monika Hoefler

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