Mystische Einfachheit: Taizé

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Taizé, was war das noch? Die ursprünglich evangelische Brudergemeinschaft nahe Burgund zeigt, dass christliche Gemeinschaftsgründungen kein Relikt einer fernen Vergangenheit sind und vor allem junge Menschen konfessions- und länderübergreifend begeistern können. Grund genug für theo-Autor Sven Schlebes, die Artikelserie »Die großen Orden« mit einem Besuch in der Nacht der Lichter zu beenden, einem magischmystischen Meer gemeinschaftlich erlebter Zuversicht: Ja. Christus lebt, auch und vor allem im 21. Jahrhundert.

Es gibt Dinge, die lassen sich nicht erklären. Nicht mit Worten, nicht mit Bildern, nicht mit Gesten. Diese Dinge muss der Mensch selbst erfahren. Zur rechten Zeit. Am rechten Ort. Mit den richtigen Menschen. Auf einmal ist da was tief drinnen in dir und echte Berührung wird möglich. Das Zweifeln und Klagen hört auf, und du weißt: Ich bin angekommen, bei mir, bei Gott. Bei den Anderen. Eine echte Dreifaltigkeit im Hier und Jetzt.
Es geht das Gerücht, dass dieses tiefe Einswerden ein Privileg meditierender Eremiten sei. Das Ergebnis jahrelanger Entbehrungen, schmerzvoller Lernprozesse und tiefer Einsamkeit. Taizé zeigt, dass die christliche Vervollkommnung des Ich in der Gemeinschaft stattfindet und ganz einfach geschehen kann. Vorausgesetzt, die Seele ist bereit dazu. Meist erwischt es diejenigen, die aufgehört haben, finden zu wollen. Die, die eigentlich schon abgeschlossen haben mit Gott und seiner durchstrukturierten und zugleich furchtbar chaotischen Welt, mit Kirche und Religion. Es sind diejenigen, die sich überreden lassen, doch nochmal mitzufahren. Nicht aus Überzeugung, sondern um eine gute Zeit unter Freunden zu verbringen. Von mir aus auch in einem Pilgerbus nach Frankreich. Meinetwegen in einem kleinen Dorf, in dem zu Spitzenzeiten tausende Menschen in 8-Bett-Baracken ohne Schrank und Bad campieren, um dreimal am Tag Gottesdienst zu feiern, Toiletten zu säubern und in Bibelgruppen über Themen wie Vertrauen und Zuversicht zu reden. Hauptsache: Sommer. Hauptsache zusammen. Und dann passiert es. In einer einfachen, bescheidenen, unbequemen Umgebung, die kontrastreicher zum modernen Leben nicht sein könnte, küsst dich ein Geist. Wie zum ersten Mal. Und in einem Meer entflammter Kerzen mitten in der samstäglich gefeierten Nacht der Lichter entbrennt auch dein Herz und du verstehst: Jesus lebt. Das Christentum lebt. In mir. Durch uns. Hell und klar. Es gibt kaum Taizébesucher, die nicht überwältigt sind von dem »Spirit« des Ortes, seiner ganz eigenen Magie. Fragt man einen der Taizébrüder nach dem tieferen Geheimnis der Gemeinschaft, zucken sie mit den Schultern und laden dich ein, Teil dieses Lebens zu werden. Auf Zeit – meist für eine Woche. Direkt vor Ort. Dort, wo 1940, mitten im zweiten Weltkrieg, der Communauté-Gründer und langjährigere Prior Roger Schulz ein Haus kaufte, Kriegsflüchtlinge aufnahm und somit einen Ort voll Licht in einer Zeit der Dunkelheit schuf. Rasch schlossen sich dem ehemaligen Arzt Gleichgesinnte an, die sich 1949 entschieden, ein Leben in Ehelosigkeit, Armut und Gemeinschaft zu führen. Die zunächst evangelische Bruderschaft versteht sich bis heute als Experiment – als ein stetig sich entwickelnder Prozess christlich-spirituellen Alltagslebens. Ein Anspruch, der für katholische Orden, Theologen und Angehörige anderer Religionen von großem Interesse war. Taizé entwickelte sich von Beginn an zu einem Ort, an dem Besucher teilhaben konnten an diesem Lebensprozess. Es waren zunächst die sogenannten Retraits, die in den 50er und 60er Jahren Taizé zu einer besonderen spirituellen Aura verhalfen. Und als seit den 70er Jahren vermehrt auch Jugendliche eingeladen wurden, am Gemeinschaftsleben auf Zeit teilzunehmen, verwandelte Taizé sich in ein Mekka moderner, christlicher Spiritualität voll Schönheit und Hoffnung. Vor allem das besondere Gespür der Ordensbrüder für die einfache und zeitgemäße Kreation von konfessions-, generations- und sprachübergreifenden Ritua-

len, Symbolen und Liedern ist verantwortlich für die bis heute einzigartige Taizéaura. Weltberühmt ist das von den Brüdern Robert Giscard, Jacques Berthier und dem ehemaligen Jesuiten Joseph Gelineau verfasste Liederbuch, das heute in fast jeder evangelischen Kirche ausliegt und vielen Menschen in ihrer Schlichtheit (die meisten Lieder bestehen aus einem Satz, der vierstimmig oder kanonisch gesungen wird) aus dem Herzen spricht. Aber auch das geschwungene Taizékreuz – eine fliegenden Taube als Symbol des heiligen Geistes – erfreut viele Jugendliche. Es ist diese Leichtigkeit, Lebendigkeit und die Schlichtheit der Glaubensinterpretation im Alltagsleben, die Menschen aus aller Welt anspricht.
Wer sich zu einem Wochenaufenthalt in Taizé entschließt, erwartet kein strenges Klosterleben in Abgeschiedenheit. Er sucht die Gemeinschaft und nimmt dafür ein spartanisches Leben in kauf, und auch, dass er Gruppen- und Reinigungsarbeiten verrichtet und eine Liturgie vorfindet, die sich nicht an den Geboten und Verboten der großen Religionsgemeinschaften orientiert, sondern eigene Wege geht. Jeder ist in der heute vor allem ökumenisch ausgerichteten Communauté eingeladen, sich vom Geheimnis des Glaubens und des Lebens verzaubern zu lassen: Ob in der samstäglichen Nacht der Lichter anlässlich der Wiederauferstehung Jesu Christi, der katholischen, evangelischen, orthodoxen Eucharestie- und Abendmahlsfeier am Sonntag. Oder durch die Teilnahme an den dreimaligen Ordensgottesdiensten pro Tag sowie der täglichen Arbeit in Bibelkreisen und Workshops.
Die meisten der 100 Ordensbrüder, insofern sie in Taizé leben und nicht in einem der Elendsviertel dieser Welt, sind bis heute vor allem mit der Bewältigung des Besucheransturmes auf die Gemeinschaft oder eines der rund um den Globus stattfindenden Jugendtreffen zum Jahreswechsel (2013/2014: Straßburg/Baden) beschäftigt. Eine eigene Botschaft verkünden wollen sie nicht. Wer nach einer besonderen Taizé-Theologie sucht, wird keine finden. »Wir wollen vor allem Menschen sein, die anderen zuhören«, gab Gründungsvater Frère Roger seinen Mitbrüdern auf den Weg. Wohlwissend, dass der moderne Mensch nicht noch mehr braucht, um sein Glück zu finden, sondern weniger. Vor allem weniger kopflastige Verlautbarungen über das Leben und den Glauben.
Der Erfolg dieser mystischen Einfachheit weckt selbstverständlich Skeptiker und Gegner. Vielen ernsthaften Theologen ist das Taizé-Experiment zu indifferent und zu wenig konkret, zu rührselig und zu gleichmacherisch. Das erklärte Ziel der Gemeinschaft, überall auf der Welt mit den Menschen einen »Pilgerweg des Vertrauens« in Anlehnung an Jesu Bergpredigt zu begehen, die Übersetzung seiner Botschaft in das Alltagsleben auszutesten klingt selbstverständlich. Und provoziert zugleich in seiner Radikalität.
So sehr, dass Frère Roger, der aus Taizé einen Ort der Aussöhnung der christlichen Religionen und des Friedens machen wollte, 2005 während einer Messe erstochen wurde.
Doch Taizé wäre nicht Taizé, wenn hier nicht das Leben siegte: Der »Pilgerweg des Vertrauens« in Berlin 2011 und Ruanda 2012 hat als Momentum der Gegenwart die Suche nach einer neuen Solidarität ausgerufen. Ein Impuls, der gerade in Zeiten der erhöhten Massenarbeitslosigkeit vor allem in Südeuropa wieder einmal die Jugendlichen direkt ins Herz traf. Tausende kamen. Und sie haben nicht nur Kerzen angezündet, sondern Herzen. In der Bibel ist dies der Zustand der Verzückung, als der Heilige Geist in die Jünger fuhr.
Taizé zeigt: Der Geist küsst immer noch. Meistens unverhofft. //
Weitere Informationen:
www.taize.fr

Bücher
Christian Feldmann: Frère Roger, Taizé. Gelebtes Vertrauen. Verlag Herder Freiburg im Breisgau, 2005.
Regine Kuntz-Veit (Herausgeber): Frère Roger – Die Güte des Herzens. Kreuz Verlag Stuttgart, 2005.
Wunibald Müller: Dein Lied erklingt in mir. Der göttliche Funken von Taizé. Echter Verlag GmbH Würzburg 2003.
Olivier Clément: Taizé. Einen Sinn fürs Leben finden. Verlag Herder Freiburg im Breisgau, 1999.
Michael Albus: Taizé. Die Einfachheit des Herzens. Gütersloher Verlagshaus Gütersloh, 2006.
Klaus Nientiedt (Herausgeber): Taizé – Weltdorf für innere Abenteuer. Verlag Herder Freiburg im Breisgau, 2006.
Jason Brian Santos: A Community Called Taizé. InterVersityPress, 2008.
Aktuelle CD: Ô toi l’au-delà de tout, Taizé 2012.

 

Foto: (c) Taizé

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