Ausschau: In Ewigkeit. Amen.

St. Canisius, Berlin. Foto: Stefan Müller

St. Canisius, Berlin. Foto: Stefan Müller

theo-Leserinnen und Leser entwerfen die Zukunft des Christentums.

Das Ende der Geschichte ist klar: Nach einer Herrschaft des Tieres übernimmt Gott persönlich wieder das Regiment und baut die ewige Stadt für die Guten und Gerechten. So sagt es die Schrift. Was in der Zwischenzeit passiert, ist Sache von uns Menschen. Oder besser gesagt: von uns Christen. In Westeuropa schien Christentum lange Zeit eine sichere Sache zu sein: auf dem Boden einer langen Tradition, mit einer ausdifferenzierten Liturgie, eingebettet in ein umfassendes Kirchenjahr und einem starken kulturellen Selbstverständnis in lebendiger Partnerschaft zur Alltagswelt der Menschen und ihrer gesellschaftlichen Realität. Das Christentum – eine fertige Geschichte in ewigen Chorusschleifen. Das Standardangebot des Lebens. Mit Ordnung, Sinn und Klarheit. Ein fester Anker im chaotischen Lebensmeer, ein Schiff, geladen bis an den Bug. Doch offensichtlich haben mehr und mehr Menschen bei uns Zweifel an der Seetüchtigkeit ihrer Religion. Immer weniger begeben sich auf den schwankenden Steg und buchen eine Fahrt übers große Meer. In zahllosen Reformkonferenzen beratschlagen die Gremien der christlichen Kirchen über die Ursachen für das Fernbleiben der Menschen und den Umgang mit den zunehmend überdimensionierten Schiffskörpern. Kein Papier, das nicht die Zukunft beschwört, keine Tagung, die nicht in ewigen Diskussionsrunden die Menschen befragt. Nur noch selten geht das Schiff Christentum in unserer Gesellschaft vollbesetzt auf große Fahrt. Allenfalls zu den großen Feiertagen sind die Bänke voll besetzt. Ein Ausflugsdampfer auf Hafenrundfahrt garantiert ohne Ozeankontakt. So sehr wir Christen uns bemühen, die Zukunft unseres Glaubens und unserer Kirche in den Blick zu bekommen, müssen wir uns nach Jahren der Dauerreformdebatten eingestehen: Unsere Bewegung ist ein Kreisen um den Gegenwartspunkt (Harald Welzer) ohne echten Mut, den nächsten Schritt in die Unwägbarkeit zu tun. Dabei sind die Herausforderungen enorm: Priestermangel, Gemeindezusammenlegungen, das Drohgespenst der transparenten Kirchenfinanzierung. Rückzug allerorten.
Auch die kulturelle Selbstvergewisserung unserer Gesellschaft erfolgt immer häufiger bloß noch indirekt, über eine aktive Auseinandersetzung mit christlichen Geschichten, Artefakten und Symbolen. Nach Jahren einer selbstverständlichen Allianz mit der politischen Macht im Land hat sich das Spiel gedreht: Die Zeit der Neuen Sachlichkeit ist vom Pragmatismus geprägt, das Ewige und die Wahrheit haben es schwer. Dabei stehen wir Menschen vor fundamentalen Fragen: So zeigt zum Beispiel der Umgang von Paaren, die ein Kind erwarten, mit den Ergebnissen der neuen Frühdiagnosenmethoden, dass auch im 21. Jahrhundert wieder über unwertes Leben gestritten wird. Und die Auswüchse an den Finanzmärkten sowie bei den Überwachungsaktivitäten von Geheimdiensten und Unternehmen offenbaren auf erschreckende Art, dass ein ethischer Kompass bei der Annäherung an Grenzen unseres Lebens kaum mehr vorhanden ist. Gemacht wird, was gemacht werden kann. Der Wert von Leben wird vorrangig wieder in Zahlen ausgedrückt. Und sein Kurs ist bedenklich gering. Ein Sturm hat unser Leben ergriffen. Doch ist unser Schiff, das Christentum für uns moderne Menschen noch hochseetauglich?
Zeit für eine Rückbesinnung auf das, was das Christentum wirklich auszeichnet. Zeit für eine Entschlackung. Und Zeit für eine Neukreation. Wir leben in der Nachfolge Jesu Christi. Wir bilden seine Kirche. Eine lebendige Kirche mit einem veränderlichen Körper. Im Judentum ist man sich der ständigen Evolution der Ausdeutung und der Verlebendigung der Botschaft bewusst. Schrift ist hier nichts Totes. Sie ist vielmehr Aufforderung an jeden Gläubigen, die Bedeutung des Glaubensgeheimnisses im eigenen Leben zu entdecken und neu zu kreieren. Glauben in Gott ist Neuschöpfung und nicht Konsum einer vorgesetzten Konserve.
Um die Zukunft und damit den lebendigen Gott wieder zurückzugewinnen, ruft theo in einer neuen Serie Menschen dazu auf, das Christentum der Zukunft neu zu entwerfen. Utopisch, frei und ursprünglich. Ganz bestimmt nicht frei von Fehlern. Aber ganz bestimmt voll von Hoffnung und Liebe.

 

Christian Martin

Christian Martin
38, lebt in Berlin und arbeitet für die Einstein–Stiftung
Menschen sehen sich nach Orten der Besinnung – in 100 Jahren noch viel extremer als heute. Misstrauisch beäugt von jenen, die sich noch nicht von der Hightechwelt abkoppeln können, werden kleine Grüppchen von Suchenden alles unternehmen, um sich dieser Welt zu entziehen. Sie werden sich zurückziehen an ruhige, mystische, an besinnliche Orte – ohne Ansprache, ohne Predigt, ohne große Worte. Orte des Glaubens, die in ihrer Bescheidenheit die Nähe zur Schöpfung symbolisieren. Weder wird es eine theatralische und hohle Liturgie geben, noch eine strenge Nüchternheit in der Ausübung des Glaubens. Was die Menschen berührt, ist das direkte Miteinander, die Mystik der Einfachheit, des Leiblichen, des Sinnlichen. Die Kirche wird die nächsten 1000 Jahre überleben. Aber bereits in 100 Jahren wird es kein Katholisches und kein Evangelisches Christentum mehr geben. Sondern die eine Weltkirche – in der es nicht um Trennung geht, sondern um Einheit. Das alles Einende wird der Glaube sein, der Glaube an die göttliche Schöpfung, an die letztendliche Frage, die durch den Menschen nicht erklärt werden kann. Womöglich wird es zukünftig nur noch um eine Trennung zwischen Glaubenden und Nicht-Glaubenden geben.

 

Dr. Pascal Decker

Dr. Pascal Decker
43, lebt in Berlin und arbeitet als Partner der Kanzlei dtb Rechtsanwälte.
Für mich ist eine der bedeutenden Fragen zum Thema Kirche der Zukunft die Frage nach dem Verhältnis der Kirche zum exponentiellen Verlauf der Mensch-Maschine-Evolution.
Nach Ansicht des us-amerikanischen Autors Raymond Kurzweil werden wir in den kommenden 20 bis 30 Jahren Computer kennenlernen, deren »Bewusstsein« und Intelligenz-Leistung die menschliche Intelligenz weit übersteigt (AI). Die Fortschritte in den Bereichen der Nano-Medizin sowie der Gen- und Stammzellenforschung werfen tiefgreifende ethische Fragen auf: Wollen wir den von der Forschung angekündigten Sieg über viele Krankheiten und Alterungsprozesse zulassen, und wenn ja, unter welchen Bedingungen? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus – wie verändert dies unser Bild vom Menschen innerhalb der Vorstellung der göttlichen Schöpfung oder des ewigen Lebens? Nanotechnologie und selbst-reproduzierende Nanobots werden den Eingriff in den menschlichen Organismus revolutionieren. Menschen werden infolge der sprunghaften Entwicklung wohl kaum zu Robotern mutieren, aber sich in ihrem Selbstverständnis und ihrem Selbstausdruck verändern.
Die nicht-biologische Erweiterung des menschlichen Lebens hat grundlegende Auswirkungen auf das ethische und religiöse Verständnis des Menschseins, mit denen sich die Kirche auseinandersetzen muss. Der Umgang mit diesen Fragen wird letztlich auch die Form und den Inhalt der Kirche von morgen prägen.

 

Susan Breuer

Susan Breuer
40, lebt in Frankfurt am Main, arbeitet als Unternehmensberaterin
für strategische Kommunikation. Meine Kirche der Zukunft ist ein Ort der Stille, Einkehr, Geborgenheit und Vertrautheit. Ein Gegenpol zu Wirtschaft, Wettkampf und Machtkämpfen. Aber auch ein Ort des Lebens und der Freude, ein Ort, an dem Menschen sich begegnen und kennenlernen.
Alle sind willkommen. Das Verbindende: Der Glaube und die christlichen Werte, die Freude am Geschenk des Lebens. Kirche ist eine »Schule des Lebens«: Hier finden philosophische Gespräche statt über Gott, die Liebe, das Altern, den Tod. Die Kirche hilft mir, aus historischen Erfahrungen zu lernen, aber gleichzeitig ist sie offen für Neues und für Weiterentwicklung. Kirche macht mich neugierig auf das Leben und eröffnet mir neue Welten. Die Kirche der Zukunft ist ein Ort der Vernetzung und der aktiven Unterstützung. Es geht ums Machen. Unterstützung für Bedürftige nicht nur in Form von Geld, sondern durch Aufmerksamkeit, gemeinsame Erlebnisse, Teilen von Wissen und Freude. //

Dieser Beitrag wurde unter Ausschau gespeichert. Speichere den Link.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *