Das große Ganze

Foto: (c) Tillmann Franzen

Foto: (c) Tillmann Franzen hoerenii

Sie gehören zu einer neuen Generation von Heilern und Ärzten, die Spiritualität und die Kräfte der Natur selbstverständlich in den Behandlungsprozess mit einbeziehen. Das Wichtigste: Sie hören ihren Patienten bedingungslos zu. BRIGITTE HAERTEL und TILLMANN FRANZEN (FOTOS) besuchten das Ehepaar Katrin und Lindsay Mikolitch in Düsseldorf.

»Heilung heißt ja nicht, dass die Krankheit weggeht oder dass du nicht stirbst,« sagt Katrin Mikolitch, die Ärztin. »Vielleicht stirbt ein geheilter Mensch mit großer Klarheit und eingebunden in Gott.«
Düsseldorf-Angermund: Der Sommer ist weitergezogen und mit ihm die Hitze und die langen Tage und das Lachen im Wind. Gleich hinter der Praxis von Katrin und Lindsay Mikolitch fängt der Wald an, schon leicht verfärbt, es könnte ein leuchtender Indian Summer werden.
Der Großvater von Lindsay Mikolitch war amerikanischer Ureinwohner vom Stamme der Mi `kmaq, die im Osten der Vereinigten Staaten und in Kanada lebten. Die traurige Geschichte der »Indianer« fällt im Geschichtsunterricht der USA gern unter den Tisch: Es ist die Geschichte von Eroberung und Unterwerfung, von Auflehnung und Exodus. Einst streiften sie durch die Weiten des Kontinents, in einem natürlichen
Rhythmus von Werden und Vergehen, eng verbunden mit der Natur und den heiligen Riten, heute vegetieren viele von ihnen sinn- und ziellos in Reservaten, gezeichnet von Krankheit und Alkoholismus.
»Und das erzeugt viel Scham, gerade bei Kindern. Vor allem sogenannte Mischlinge leiden unter Identitätsproblemen, sie sind für Weiße Indianer und für Indianer Weiße,« sagt Lindsay Mikolitch. Sehr eindringlich hat er sich mit seiner Herkunft auseinandergesetzt, ist bemüht, das Erbe seiner Vorfahren einzubringen in seine Arbeit als »Heilpraktiker für Psychotherapie«. Seit 13 Jahren ist er mit Katrin verheiratet, sie haben zwei Söhne und ein gemeinsames Anliegen: »Ganzheitliches Heilen«. Katrin Mikolitch studierte Humanmedizin in Düsseldorf, arbeitete als Assistenzärztin und später als niedergelassene Ärztin. Früh wusste sie, dass sie mehr, dass sie etwas Umfassenderes wollte.
»Ich habe schon als Kind gespürt, was einen Menschen ausmacht.« In der gemeinsamen Praxis arbeitet sie in den Bereichen Naturheilkunde, Frauengesundheit und mit den Übergängen von Geburt und Tod. Sie ist Gründerin des »Kaiserschnitt-
Netzwerks«, traumatisierte Mütter dürfen sich bei ihr den Schmerz aus dem Herzen reden und weinen.
Was befähigt sie beide zu dieser Arbeit?
In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts verließ Lindsays Großvater das Reservat, in dem es nur Fischfang und Holzfällerei gab, aber keine bezahlte Arbeit. Auf dem Boden der Vereinigten Staaten, in Maine, fand er etwas zu tun, doch wie überall auf dem Kontinent sind Indianer auch in Maine Bürger zweiter Klasse. Auch Lindsay wuchs hier auf, mit drei Geschwistern und einer Mutter, die sich abmühte, ihre indianische Herkunft zu verdrängen. In zweiter Ehe heiratete sie einen Engländer, da war Lindsay Mikolitch 18 Jahre alt, und so kam die Familie nach Europa. »Meine Lebensaufgabe hat mit der Aussöhnung der Kulturen zu tun,« sagt Lindsay Mikolitch, der weiß, dass erst das Leiden den Menschen durchlässig macht und ihn befähigt, Anderen zu helfen. »Ich musste erst an meinem Selbstwertgefühl arbeiten. Eltern, die stark an Wertlosigkeit leiden, geben das an ihre Kinder weiter.«
Von England ging er noch einmal zurück nach Amerika, das ist jetzt 35 Jahre her, kam nach Deutschland, studierte in Hamburg Germanistik und Amerikanistik. Die Suche trieb ihn vor sich her, zurück in die Staaten, Boston, Kalifornien, nach Stanford, um »Kreatives Schreiben« zu studieren. Noch einmal fand er den Weg zurück nach Deutschland, arbeitete als Lehrer und als Chefredakteur einer Filmagentur, wonach er suchte, fand er nicht. Es war wohl eine Art Heimweh, das ihn trieb, zu der Weisheit seiner Vorfahren, und so fing er an, sich in die uralten Heilmethoden und das schamanistische Wissen der Mi´ kmaq zu vertiefen. Heute leben sie noch immer in Reservaten, sind zu 98 Prozent Katholiken. Und wie die meisten Eingeborenenstämme in Nord- und Südamerika vermengen sie den christlichen Glauben mit ihrem Volksglauben, bringen Widersprüchliches zusammen. Die ersten Franzosen, die 1604 als Missionare nach Nordamerika kamen, staunten, als sie sahen, dass die Mi `kmaq-Holzkreuze trugen. Diese Tradition ging zurück auf eine Frau, der im Traum befohlen worden war, einer Schwerkranken zwei zu einem Kreuz geformte Holzstäbe auf die Brust zu legen. Die Frau wurde gesund, und ab da galt den Mi`kmaq das Kreuz als heilig. So war es kein Wunder, dass sie sich und ihre Kinder bereitwillig taufen ließen. Vieles indianisch/spirituelle trieben die Missionare ihnen aus, aber die Balance zwischen Mensch und Natur ist den Mi `kmaq geblieben. Die Schatten des Vergessens der indianischen Kultur und Spiritualität waren schon sehr lang geworden, aber Lindsay Mikolitch wollte beides ans Licht holen, es einflechten in sein Leben und seine Arbeit.
Doch wie eine Kultur, in der Spiritualität und Naturverbundenheit alles sind, Geld und Besitz nichts, versöhnen mit einer Kultur, die es gewohnt ist, die Erde auszubeuten? »Ich musste beides erst einmal in mir ausssöhnen. Was hat die Kultur des weißen Mannes den Indianern Gutes gebracht, und was hat sie Schlechtes gebracht? Eines Tages werde ich zurückkehren in das Reservat meines Großvaters und dort die Arbeit fortsetzen.«
Die Wände seiner Praxis erzählen von den beiden Seelen in ihm. Da hängen und stehen christliche und indianische Symbole einträchtig nebeneinander, Jesus und Maria neben Fetischen der Mi `kmaq . Die Spiritualität der nordamerikanischen Indianer, ihr Glaube an den »Großen Geist« und die vielen Geistwesen ist dem Katholizismus und seiner Heiligenverehrung näher als, sagen wir, der Buddhismus.
Zu Lindsay Mikolitch kommen vor allem Männer, die Heilung suchen von den Verletzungen, die das Leben ihnen zugefügt hat oder sie sich selbst, je nachdem, wie man es sehen will. Mit dem Verlust der Spiritualität kommt in der Lebensmitte die Frage nach dem Sinn auf. Diese Männer haben es beruflich meist geschafft, aber sie spüren, dass das, was sie tun, der Welt nicht guttut. Und das, was der Beruf von ihnen fordert, dem widerspricht, was zu Hause von ihnen erwartet wird: Mitgefühl, Zuhörbereitschaft, Demokratie. Sie müssen sich durchsetzen, diese Männer, der spürende, der fühlende Mann hat in der Berufswelt nichts verloren. Die Folge, meint Lindsay Mikolitch, seien Mängel im Beruf wie im Privaten und damit stressbedingte, psychosomatische Krankheiten.
Er spricht mit ruhiger, klarer Stimme, und seine Augen, schwarz wie Seen, sprechen mit.
»Häufig waren diese Männer schon beim Arzt, haben aber gemerkt, dass sie mit verstandesmäßigen Vorsätzen nicht weiterkommen. Durch Zuhören, Hinschauen und Hineinschauen gewinne ich ›Einsicht‹ in den Menschen und in das, was sein Leben wieder beflügeln kann. Wenn ich nicht weiterkomme, bete ich, bitte ich Gott um Hilfe.«
Damit aus dem granitharten Rationalisten ein einfühlsamer Blutsbruder wird?
»Genau das,« Lindsay Mikolitch lacht fröhlich auf: »Die Männer könnten auch zum Pfarrer gehen, aber bei mir ist es vielleicht praktischer. Der Pfarrer trägt ihnen womöglich etwas auf, das sie im Alltag nicht umsetzen können. Was nicht heißt, dass es nicht viele psychotherapeutisch hochbegabte Priester gibt.«
Seine Frau Katrin, katholisch aufgewachsen, arbeitet weniger mit himmlischen Mächten, Spiritualität drückt sich für sie auch in anderen Bereichen aus. Das individuelle Glaubenssystem ihrer Klientinnen bindet sie in ihre Behandlung ein.
»Wer und was ist Gott? Ich kann doch gar nichts über ihn sagen, ihn allenfalls spüren,« sagt Katrin Mikolitch, die nach ihrer Ausbildung zur Ärztin alternative Heilmethoden wie Akupunktur lernte.
»Ich arbeite heute mit Meditationen, sie dienen dazu, sich in Gott zu verwurzeln, aber auch in uns selbst.« Es ist nicht schwierig, mit der ganzheitlichen Ärztin ins Gespräch zu kommen, ihre Wortwahl verrät, dass sie geübt darin ist, das Seelenleben zu beschreiben: »Entwicklung und Wandlung«, »Heilender Weg im Jetzt«, »Verwurzelt im eigenen Sein«.
Zu ihr kommen Frauen, die ihre Kinder verloren haben, sie tot zur Welt gebracht oder sie abgetrieben haben. »Und da spielt es keine Rolle, dass ich Abtreibungen niemals billigen würde. Ich höre ihnen zu, nehme ihre Energien wahr und fühle, was sie brauchen, Wenn diese Frauen das Leben tiefer spüren würden, in seiner Ganzheit, dann wäre keine von ihnen dazu in der Lage, dann würde sie auch ein behindertes Kind wollen.«
In der Art, wie Katrin Mikolitch am Tisch sitzt, liegt eine hohe Konzentration, eine Bewusstheit und eine Bescheidenheit, keine Allwissenheitsattitüde ist zu erkennen. Das Analytische, das Denken in Strukturen, in Räumen und Zusammenhängen ist keineswegs spezifisch weiblich, für eine Ärztin und Heilerin aber selbstverständlich.
Katrin Mikolitch ist überzeugt von der tiefen Weisheit des Körpers. Krankheiten, sagt sie, entstehen, wenn der Mensch nicht im Gleichgewicht ist mit den vielen inneren Stimmen: Das ganze komplexe Gefüge aus Denken, Hoffen, Fühlen, Wollen, das alles, nicht bloß der Verstand, will wahrgenommen, will gehört werden. Die Annahme der Heftigkeit des Lebens gehört dazu, dass der Mensch krank wird, dass er Leid erfährt, dass er stirbt So ähnlich hat das schon einmal eine Heilerin ausgedrückt, es liegt mehr als 1000 Jahre zurück: Hildegard von Bingen, die große Mystikerin und Kirchenlehrerin war überzeugt von der Beseeltheit des Körpers, eine ganzheitliche Betrachtung durchdrang ihr umfassendes Wirken. Ein Heilungsprozess sei damit verwoben, ob der Mensch im Einklang ist mit sich und dem großen Ganzen sei, so lässt es sich nachlesen in ihren Aufzeichnungen Scivias – wisse die Wege.
Dieses »große Ganze« ist das Lebensthema der Mikolitchs, Balance und Harmonie in Gott, im Selbst und in der Welt zu erfahren ist für sie eine Art Schlüssel zur Himmelspforte. Dazu bedarf es allerdings der dahinschwindenden Tugenden wie Demut, Hingabe und Vertrauen.
Die Bezeichnung »Esoteriker« lehnen beide für sich vehement ab, nennen sich bodenständig und klarsichtig. »Der Mensch muss seine Erfahrungen machen, wie wir unsere Erfahrungen gemacht haben, und das geht nur, wenn er den Weg nach innen beschreitet, zu dem Punkt vordringt, an dem alles heil ist,« sagt Katrin Mikolitch.
Das müssen beide selbst jeden Tag üben, im Tosen des Alltags. Den haben sie einigermaßen geordnet, teilen sich die Arbeit und die Kindererziehung. Es war 2006, als sie mit ihrem damals sechsjährigen Sohn zweieinhalb Wochen den Jakobsweg gingen, eine tiefgreifende Erfahrung für beide. »Das Pilgern, das Wandern ist dem Menschen total gemäß,« resümiert Katrin Mikolitch, und dabei leuchten ihre Augen wie Adventskerzen. »Dieser Weg mit seiner sehr langen Tradition macht was mit uns Menschen.«
Beide unterstützen sich in ihrer Arbeit, nennen es ein Geschenk, sich austauschen zu können. Kommt Lindsay in einer Sache nicht weiter, fragt er Katrin, weil er weiß, dass weibliche Spiritualität über andere Zugänge funktioniert. In einem sind sie sich einig: »Wir geben kein Heilungsversprechen, der Mensch heilt sich selbst mit unserer und mit Gottes Hilfe.« //

 

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