Impuls: Die neue Bescheidenheit

Pater Georg Maria Roers SJ

Der spirituelle Impuls von Georg Maria Roers SJ

Gläubige Katholiken bis zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz haben im heißen Herbst kritische Worte über einen amtierenden Bischof im Hessischen gefunden. Es wurde eng, als die Staatsanwaltschaft in Hamburg tätig wurde. Rom hat noch nicht das letzte Wort gesprochen. Was der Bischof hinter sich hat, hat der Ex-Bundespräsident vor sich. Focus (7.11. 2013) schreibt: »Wulffs Karriere kann ihm niemand zurückgeben, kein Richter, kein Gott. Wie haben ihn die vergangenen zwei Jahre verändert? Gott straft alle, insbesondere jene, die falsch Anklage erheben. Davon jedenfalls sei Christian Wulff, ein gläubiger Katholik, überzeugt.« Eigentlich können wir auf die Presse unseres Landes stolz sein, wenn sie den Finger in die Wunde legt. Aber auch der einfache Bürger hat längst gemerkt, dass es dem Boulevard vor allem um die schnelle Schlagzeile geht. Wir sind nicht mehr Papst. Geht es in den News nur um die gute Sache? »Heute ist uns ein Heiland geboren« (Lukas 2,11). Wäre das eine gute Schlagzeile? Bild druckt lieber das offizielle Taufbild von Prinz George Alexander Louis. Anschließend gab es Fruchtkuchen aus dem Jahr 2011 (sic!). Intellektuelle haben zum Boulevard-Journalismus ein gespaltenes Verhältnis: »Bild ist ein Blatt, das nicht jedem etwas bietet, sondern allen nichts« (Hans Magnus Enzensberger). Die Auflage sinkt seit über zehn Jahren. Heute schreibt Bruder Paulus Terwitte, der Franziskaner, keinen Kommentar mehr zu der Schlagzeile des Tages von Bild. Dennoch kommt keine Redaktion ohne sie aus, bis heute bestimmt sie alle Leitmedien.
Bad News stehen hoch im Kurs. Sie bringen auch mehr Geld. Eine Story, die sich über Wochen oder Jahre hinzieht entfaltet plötzlich einen Sog, dem sich der durchschnittliche Medienjunkie nicht entziehen kann. Was die ältere, altmodische Generation in Tagesspiegel beim Frühstück liest, hat die jüngere schon am Vortag online gelesen und zwar kostenlos:  »Glücklich, wer die Ursachen der Dinge hat erkennen können.« Die letzten drei Worte von Vergil (felix, qui potuit rerum cognoscere causas) stehen seit 1946 unter dem Titel der Berliner Tageszeitung. Die Auflage sinkt seit Jahren. Warum? Vielleicht u.a. deshalb, weil man allerorten dazu übergegangen ist, den seriösen Journalismus einzudampfen. Lokalredaktionen werden mit Praktikanten oder Volontären besetzt. Im Bayerischen Rundfunk hat Intendant Wilhelm längst trimediale Zusammenarbeit gefordert (online, Hörfunk, tv). Ein Thema wird einmal verarbeitet, aber dreimal verkauft. Ein Redakteur schreibt über ein Thema, aber in allen Genres (Politik, Feuilleton, Wirtschaft, Sport, Reise usw.), um Kosten zu senken und die Qualität zu steigern. Das ist ungefähr so, als würde ich Sie zu frischem Kuchen aus England bitten, der schon ein Jahr alt ist. Bei heißen Themen, die Quote bringen, z.B. beim Bauskandal in Limburg, feiert der Qualitätsjournalismus plötzlich wieder sich selbst. Peter Wensierski vom Spiegel kann sich wochenlang damit beschäftigen, er versteht sein Geschäft. Er hält der Kirche den Spiegel bzw. die Kamera vor. Geht es um den Fürstenspiegel, den Eulenspiegel oder um den Beichtspiegel? Nicht mehr die Priester hören Beichte, sondern Journalisten. Nicht der Papst ist die höchste Instanz der Kirche, sondern weltliche Redaktionen. Wenn der Hype einsetzt, ist alles zu spät. Da hilft kein smartes Guttenberglächeln mehr: »Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen« (Friedrich Schiller). Vermutlich wird der Ex-Bundespräsident am Ende des Jahres freigesprochen sein. Bischof van Elst konnte dem Strafverfahren durch seine späte Einsicht entgehen.
Jeder Staats- und Kirchenmann ist neuerdings zu einer Haltung der Bescheidenheit aufgerufen. Papst Franziskus macht es vor. Der gesamte Deutsche Episkopat, vom Vatikan ganz zu schweigen, ist mit dieser neuen Form der Armut überfordert. Manche Katholiken sind es auch! Aber sie müssen sich nicht öffentlich dazu äußern: »Eine Institution, die nicht mehr dient, sondern sich lediglich selber stark und fett macht, schadet am Ende allen. Wir brauchen mehr Transparenz, Aufsicht und Verantwortlichkeit«, sagte Kardinal Reinhard Marx am 11. September mit Blick auf Limburg. Ausgerechnet in der Zeit, wo die jährliche Steuererklärung anstand, kam die Nachricht über die Kostenexplosion in Limburg. Die Steuerberater sind mittlerweile angewiesen, ihre Kunden auf Kostenersparnisse aufmerksam zu machen. Das gilt insbesondere für die Kirchensteuer. In dieser Situation den Klienten darauf anzusprechen ist keine große Kunst.
Das Resultat ist oft ein Austritt. So sehr ich die Wut der Christen verstehen kann, es sind wegen Limburg auch Christen aus der ekd ausgetreten, ein Austritt ist keine Lösung. Ich lege auch nicht meine Staatsbürgerschaft nieder, weil einige Städte offenbar die Kosten einiger Bauten nicht in den Griff bekommen (Berliner Flughafen, Elbphilharmonie in Hamburg, Stuttgart 21).
Es tut gut, sich im Advent auf das Weihnachtsfest vorzubereiten. In früheren Zeiten war die Adventszeit auch eine Art Fastenzeit. Erst am Heiligen Abend gab es das festliche Mahl und die Gaben unter dem Weihnachtsbaum. Aber beides fiel nicht so üppig aus, wie es in einem bürgerlichen Haushalt in Deutschland üblich ist. Wir alle sind zur neuen Bescheidenheit aufgerufen. Dürfen wir das den Bischöfen alleine überlassen? //

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