Mann, Christus!

Von der Herausforderung, Mann zu werden, Christus zu begegnen und mit allem glücklich zu sein.

Das Einfachste ist manchmal das Schwierigste: zu werden, was man ist. Vor allem, wenn einem der Omnipotenzauftrag gleich bei der Zeugung mitgegeben wurde. Wir Männer haben das Christentum erfunden, unser Gott ist der übermächtige Vater, unser Erlöser sein Sohn. Paulus, der Teufel und selbst der Spielverderber Martin Luther: alles Männer.
Bleibt festzuhalten: Der Laden ist vorrangig unser Werk. Unser Abbild. Selbst die Frau ist Fleisch vom Fleische und damit Abbild des Herrn. Oberflächlich gesehen scheint uns alles in die Karten zu spielen. Doch mit der Beziehung zu unserer Schöpfung, unserem Abbild und dem uns Anvertrauten ist es mindestens zweideutig geworden, wenn nicht zwielichtig: Wir sind gefühlte Fremde im ursprünglich eigenen Haus, das nicht mehr unser Haus ist. Vielleicht war das mit der Geschlechtlichkeit, der Archetypisierung und der kulturellen Rollenkonstruktion noch nie wirklich unser Ding; das Geheimnis der Dreifaltigkeit und damit der Einheit zu groß; das Gebot der Liebe zu schwierig und unser Selbstbewusstsein von Gottes Gnaden zu selbstverständlich.
Auf jeden Fall konnten wir die Unsicherheit vor den Anderen und vor uns selbst lange verbergen. Bis das Leben da draußen auch für uns eine Nummer zu groß und zu schnell wurde und nun auch noch unsere gegengeschlechtlichen Mitgeschöpfe immer schneller ihre Positionen wechseln. Nicht nur, dass wir Männer untereinander im Dauerwettkampf liegen. Nun ist Wettstreit auch zu Hause angesagt. Vorbei die schöne Ordnung. Und eh man sich versieht, ist das Problem der Frauen auch das eigene: Superwoman, die Frau, die alles richtig und es jedem recht machen will, fordert einen neuen Superman, der ihr neues Rollensystem teilt und natürlich auch dieselben Leiden trägt.
Die Schuldige wäre damit ausgemacht. Aber in der gefühlten Fremdheitsfalle sitzen wir immer noch: Wer sind wir als Mann? Was will das Leben von uns? Und was wollen wir von uns selbst?
Es gab eine Zeit, da glaubte ich, Jesus Christus hätte Antworten für mich. Als Kind lauschte ich seinen Geschichten, vorgelesen von einem zarten Frauenmund. So klangen Jesus und seine Jünger wie echte Helden, die jedem Abenteuer trotzten. Der Mann hatte magische Kräfte, konnte übers Wasser gehen, Brot und Fisch unendlich vermehren, Menschen heilen und sogar von den Toten zum Leben erwecken. Er war »der Möglichmacher«, der Supermann, und die Menschen liebten ihn. Bis er am Kreuz starb. Menschenliebe hin, Gottesmacht her. Das Ende war schrecklich, auch, wenn Gott ihn wieder auferstehen ließ. Ein Mann, ohnmächtig, in den unbarmherzigen Händen von Männern. Das habe ich nicht verstanden.
Ich selbst wurde in diese Welt geboren und sollte in ihr zuhause ein. In der Pubertät dachte ich: Geld? Hatten Jesus und seine Jünger nicht. Sex? Wohl auch nicht, zumindest wird beharrlich darüber geschwiegen. Keine Kinder, keine Partnerin, keinen Job, kein Unternehmen, kein Amt, keinen Titel, keine Rentenversicherung.
Damit war er als sogenanntes Vorbild für mich gestorben, begraben und hinabgestiegen. Denn er konnte mir keine Antwort geben auf meine Konflikte und Herausforderungen, vor die mich die »normalen« Lebenssituationen dieser Welt stellten. Und vor allem konnte er mir nicht sagen, wie ich ein »Mann« werde.
Meine Ängste und Bedürfnisse fanden in der Kirche kein Gehör, da war kein Gegenüber, dem ich Lösungskompetenzen zumaß: Die sogenannten Stellvertreter Jesu sind Männer, die den »Männlichkeitsattributen« wie Sex, Familie und Geld entsagt haben, auf anderen Spielfeldern ihre Macht von der Kette lassen. Zugleich fehlen ihnen die Superkräfte von Jesus: Von ihnen ist weder Heilung noch Brotvermehrung geschweige die Wiederbelebung eines Toten zu erwarten.
Wie auch nicht von anderen, selbst ernannten Gurus, die in allen Gesellschaftsschichten herumschwirren und deren Macht auf der Schwäche der Anderen gründet. Zu den Kirchenmännern hatte ich ein besonders gespanntes Verhältnis. Im Christentum sollte es doch um Ohnmacht, Leid, Mitgefühl und Liebe gehen, doch beherrschten diese Herren das Macht-Ohnmacht-Erfolg-Spiel besonders gut. Echte Männerspiele eben.
Zugegeben: Mit Autoritäten hatten ich immer Probleme. Irgendwann fallen die Masken, und zum Vorschein kommen die wahren Absichten und die Fadenscheinigkeit ihrer vorgetragenen Wahrheiten, die sie als universell verkaufen. Übrig bleiben Suchende unter Suchenden, Verletzte unter Verletzten. An diesem Punkt wurde für mich »Mann-Sein«, »Ich-Sein« und »Christ-Sein« unmöglich. Wenn die Losung heißt: »Friss oder stirb!« bin ich weg. Geschlossene Systeme mit geschlossenen Menschen mit abgeschlossenen Geschichten und Regelwerken nehmen mir die Luft. Angeblich ist das auch so ein Männlichkeitsding: Raus aus der beschützen Mutterwelt. Rein in die Wildnis, um sich die Hörner abzustoßen und verletzbar
zu werden.
Als ich nach Berlin zog, fiel mir mein alter Konfirmationsspruch in die Hände:»Gott ist größer als unser Herz.« Hier ahnte ich: Christentum ist zwar verwirklicht im kirchlichen Leben, aber zu Ende erzählt ist die Geschichte nicht. Wenn es Gott gibt, ist er mehr als das, was ich wahrnehmen kann. Jetzt war der Riss riesengroß geworden, und ich konnte springen, konnte raus aus der Nummer.
Die kommenden Herausforderungen des Lebens meisterte ich ohne Jesus Christus. Von den Feministinnen lernte ich, dass auch Geschlechterdefinitionen Konstrukte sein können. Und empfand diese Wahrheit im Gegensatz zu vielen Anti-Gender-Mainstream-KreuzritterInnen als befreiend. Ich kriegte frische Luft, allerdings ohne Gerüst und mit großem Zweifel. Willkommen im Zeitalter des »Alles-ist-möglich«, das sich bereits schleichend in die Neue Sachlichkeit verwandelt hatte. Wäre ich ein »neuer sachlicher Mann«, wäre für mich die Sache mit dem »Mann-Werden« gegesssen. Aber das bin ich nicht, in mir pocht eine tiefe Sehnsucht. Nach dem, was größer ist als ich.
Zum Glück gibt es eine Gegenbewegung in der Kunst. Epik knüpft an die Erzähltradition rund um die »Herr-der-Ringe-Trilogie« und »Star Wars« und entdeckt für sich die Wichtigkeit der idealen Fragen: Was ist das gute Leben? Gibt es falsch und richtig? Und eben auch: Was ist ein Mann? Das Ideale sucht die Nähe zum Großen, und das ist gemäß meinem Konfirmationsspruch eben auch die Heimat Gottes. Neuland, fernab der alten Heimat.
Statt der Kirche führt mich jetzt mein Smartphone. Das Tor zur neuen, digital vernetzten Gesellschaft. Aber auch hier lernte ich die Lektion der Ohnmacht. Im Netz kann und darf ich mitspielen. Aber nur zu den Bedingungen, die Andere aufgestellt haben. Der Preis: Totale Transparenz und totale Verletzbarkeit. Ein neues wir bildet sich heraus und spürt, was Verbundenheit bedeutet: im Guten wie im Schlechten. Ich bin, weil du bist und damit wir sind. Unabhängig davon, ob ich Mann bin oder Frau. Hier draußen in der Unabhängigkeit und der Freiheit des Einzelnen wird die Verbindung mit allem besonders deutlich. Eine spirituelle Epiphanie. Die Suche nach sich selbst, die Optimierung des eigenen Ichs, sie führen zurück zu den Fragen nach dem Wert von Leben in all seinen gebrochenen aber auch strahlenden Facetten. Und auf einmal ist er wieder da. Jesus Christus. Nicht als Mann, als Mensch. Was bedeutet es, als Gottes Kind lebendiger Teil seiner Schöpfung zu sein? Ihren Regeln zu unterliegen? In Gemeinschaft ganz zu werden? Zu leben und zu sterben? Mann, Jesus Christus. Wer hätte das gedacht. Jetzt stehst du hier und schaust mich an. Gerade jetzt, wo ich dich eigentlich nicht mehr brauche. Das könnte, so die Logik der Unbedingtheit, der Beginn von echter Liebe sein.
Ein wirkliches Abenteuer.
Nicht nur für uns Männer. //


Buchtipps zur Männerarbeit im Christentum

Christian Kuster: Mann, wo bist du?: Ein Männerbuch mit biblischen Impulsen. Bonifatius Druckerei 2010.

Richard Rohr und Christa Spannbauer: Die Männer-Bibel. Meditationen auf dem Weg zur Freiheit. Kösel-Verlag 2011.

Benedikt Lautenbacher SJ (Hrsg.), Andreas Ruffing (Hrsg.): Männer Gottes. 12 Porträts aus Bibel und Tradition. Ein Jahresbegleiter. Kösel-Verlag 2013.

 

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