Gemeinsam heißt sie Liebe

Foto: © Moussa Hakal

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Ein Plädoyer für eine neue Willkommenskultur.

Deutschland diskutiert seit Jahren. Welchen Weg soll das Land gehen? Das Christentum als öffentliche Stimme spielt dabei immer weniger eine Rolle. Das liegt nicht nur an der zunehmend gefühlten Distanz zwischen individuellem Leben und institutionalisierter Religiösität. Dabei ist es gerade das Christentum, das Gott in der Begegnung mit dem Fremden sucht. Wer ihm die Tür zuschlägt, muss damit rechnen, dass der neue Sohn Gottes im Stall nebenan geboren wird. Und nicht unter seinem eigenen Dach. Zeit für eine wirkliche Willkommenskultur, findet theo Redakteur SVEN SCHLEBES. Foto: Moussa Hakal

Faruk kannte ich nur vom Papier. Damals arbeiteten wir beide in der Zukunftskommission einer großen deutschen Stiftung. Ich als Diskutant im Scheinwerferlicht, er als Ghostwriter im Hintergrund. Es waren seine brillanten Essays, die unsere Arbeit für ein neues Miteinander inspirierten und voranbrachten. Irgendwann wurde er selbst aktives Mitglied der Gruppe. Eine Entscheidung, die bei uns allen viel in Bewegung bringen sollte.
Da zitierte vorn am Mikrofon auf einmal ein sogenannter Neudeutscher Goethes Faust in geschliffenstem Deutsch und gab Kurzeinweisungen in das deutsche Geistesleben: das Humboldtsche Bildungsverständnis, preussisches Toleranzverständnis, die demokratische Selbstermächtigung der Deutschen beim Mauerfall. Stereotype Bilder von Migranten zerbrachen in unseren Köpfen und machten die Zersplitterung der eigenen Gesellschaft deutlich: weil der andere in der falschen Partei war, einer anderen Kirche angehörte, ein anderes Geschlecht hat. Die Exkurse in die eigene glorreiche Vergangenheit ließen die Augen der zum Teil tief zerstrittenen Seminar-Teilnehmer leuchten.
Auf einmal war er wieder sichtbar, der reiche Mutterboden unserer Kultur. Und der utopische Paradiesgarten einer inklusiven, partizipativen und selbstermächtigenden Gesellschaft wurde greifbar.
Als Faruk und ich uns im Anschluss an die Arbeit häufiger zum Honigtee trafen, entdeckten wir, dass nicht das Geistesleben den Herzschlag unseres Lebens ausmacht, sondern die Transzendenz. Er nannte sie Allah, ich Gott. Und gemeinsam hieß sie Liebe.
Wir erzählten uns gegenseitig unsere Geschichte. Von Brüchen, Umzügen, Isolation und Einsamkeit sprachen wir. Und dem ständigen Anrennen gegen geschlossene Türen: »Du bist es doch, der was will.
Also such’ dir dein Zeug zusammen und mach es so wie wir. Wir waren schließlich vor dir da und das Spiel funktioniert auch ohne dich.«
So funktioniert das Spiel in Kommunen, Sportvereinen und eben auch in Kirchengemeinden. Das Bestehende wird gesichert und alles dafür getan, dass das Neue den Weg nicht hinein findet. Alles wird abgeschottet und in den alten Netzwerken ausgekungelt.
Das Gefühl, fehl am Platze zu sein als Person, mit meiner Art zu leben oder meinen Ideen: das kannte auch ich als Altdeutscher aus unzähligen Situationen, das habe ich auf Ämtern erfahren, an der Universität, in Unternehmen. Und natürlich auch in religiösen und spirituellen Gruppierungen aller Art.
Höflich und bescheiden erzählte Faruk von der Reise seiner Großeltern nach Deutschland. Damals, in den siebziger Jahren gab es Arbeit, gab es Wohnraum, gab es andere Landsleute. Mit ihnen war das Zusammenleben ähnlich herausfordernd wie mit den Deutschen: Denn Faruks Familie gehörte einem Sufi-Orden an. Und Sufis sind den meisten Gruppierungen des Islam suspekt: Zu frei vor allem, zu tolerant.
Selbst in Zeiten der generellen Individualisierung und Biographisierung des eigenen Lebens kann man froh sein, nicht abgelehnt, sondern still geduldet zu werden: »Ist mir doch egal, was du machst: Solange es nicht meinen Bereich betrifft.« Das gilt für Einwanderer genauso wie für Aufbrecher innerhalb der eigenen Gesellschaft.
Klar, da sind die unheilbar gesunden Gutmenschen mit Helfersyndrom, die aufblühen bei jenen, die schwach sind, noch schwächer als sie selbst. Menschen wie Faruk und ich sind aber weder schwach noch hilflos, wir sind einfach auf dem Weg. Wir suchen und wir finden: Begegnungsräume und Menschen vor allem, Menschen, die uns willkommen heißen, uns nicht missionieren und verändern wollen. Das setzt voraus, dass beide Seiten keine Angst voreinander haben, dass sie die Vielfalt schätzen. Vielfalt in der Einheit zu leben: Das war einmal das Motto Europas. Diversitätsfähigkeit und Innovationsoffenheit nennen das Unternehmen heute und fordern gemeinsam mit immer mehr Politikern die Entwicklung einer wirklichen Willkommenskultur in unserer Gesellschaft.
Tolerantes Zusammenleben und gemeinsame Weiterentwicklung: Das war das Abschlussthema meiner Abiturfeier in den 90er Jahren. Und als Faruk ein Jahrzehnt später als einer der Jahrgangsbesten seines Gymnasiums das Zeugnis in den Händen hielt, sang man wieder laut das Lied der bunten Gemeinschaft.
Doch mediale Dauerthemen sind noch lange keine gelebten Wahrheiten. Eine schweigende Mehrheit lässt das elitäre Agendasetting über sich ergehen, kündigtdie Beteiligung am Großdiskurs über die gesellschaftliche Selbstverständigung auf. Und fährt die Schotten hoch: »Mich und meine Insel betrifft der Kulturverfall nicht.«
Als Faruk ein Studienstipendium bekam und eine eigene Gruppe für muslimische Stipendiatinnen und Stipendiaten mitinitiierte, war der anfängliche Widerstand groß: »Warum kann nicht alles so bleiben wie es ist?« Selbst unter den angeblich so diversitätsaffinen Akademikern sind Veränderung und eine feine Willkommenskultur keine Selbstverständlichkeit.
Echter Kulturwandel braucht Zeit, muss eingeübt werden. Es beginnt mit der Sprache, geht über in die Umgestaltung des uns umgebenden Raumes, diffundiert in die Rituale unseres Miteinanders und erreicht über die innere Haltung und die gelebten Werte die eigentliche DNA unserer Kultur.
Aus einem einfachen »Hallo« wird ein »Herzlich willkommen« in verschiedenen Sprachen. Aus einer verschlossenen Tür ein offener und transparenter Empfangsraum mit Einblicken in die Abläufe und Regeln des Hauses oder der Kirche. Das Kopfnicken wird zum Händedruck. Die starre Haltung beim Gebet zur echten inneren Verbeugung und das gesprochene Wort zum wirklich gesungenen Choral. Wirkliche Begegnung bereichert und fügt hinzu und nimmt nichts einfach weg. Kurz vor Weihnachten luden Faruk und seine Verlobte Naile mich zu ihrer Hochzeit ein. Zugegeben: Ich hatte Angst vor dem »Neuland«. Doch ich wurde wunderbar an die Hand genommen: Von einem befreundeten Paar und den beiden Familien.
Vor Jahren besuchte ich das Musical Wicked. Die Hexen von OZ. Dort sang die »böse« Hexe Elphaba ein Lied, das mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht:

»Nur weil ich dich traf, hab’ ich mich verändert. «

Als die Zukunftskommission ihre Arbeit beendete, brachte Faruk mich mit dem Bus zum Flughafen Tegel. Ich schenkte ihm zum Abschied eine Taschenbuchausgabe von Goethes West-östlichem Divan worauf er mit Blick auf das vorbeirauschende Gefängnis den Theologen Dietrich Bonhoeffer zitierte:

»Von guten Mächten wunderbar geborgen,
Erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen.
Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.»

Lasst uns die Veränderung willkommen heißen. Was soll uns schon passieren? //

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