Wo das Wort endet

ho1 ho2

Sie schreibt, er predigt: Die Geschwister Felicitas und Ulrich Hoppe haben früh ihre Heimat im Glauben gefunden. MARIA CASPARI und STEPHANIE HÄRTEL (Fotos) haben sie auf Sylt besucht und sich vom Wind und der Sprachmacht erfrischen lassen.

»Gelobt sei Jesus Christus. In Ewigkeit, Amen! Jetzt aber los, der Bulli wartet!« Der Pfarrer kommt mit Schwung auf den Boden nieder, schlägt das Kreuz, dann stürmt er hinaus aus der Kirche. Geistiges und Praktisches müssen in seinem Beruf zusammengehen, sonst geht gar nichts.
Pfarrer Ulrich Hoppe hat seine Gäste eingeladen zu einer Rundfahrt auf Sylt. Das Jahr ist noch frisch wie die Brise, Salz liegt im Wind, die Sonne scheint, und das Leben scheint leicht zu sein. Gegenüber von St. Christophorus in Westerland, der nördlichsten Pfarrei Deutschlands, recken windschiefe Holzkreuze sich dem Himmel entgegen: Hier ruhen jene, deren Namen niemand kennt, die das Meer ausgespuckt und vergessen hat.
Hinten im Kleinbus mit der Aufschrift bonibus sitzt schon Ulrich Hoppes ältere Schwester Felicitas, die gleichfalls Hoppe heißt und eine der interessantesten Schriftstellerinnen deutscher Gegenwartsliteratur ist. Ihr Beruf ist es, den Dingen und Menschen einen Namen zu geben, ihre Geschichten zu erzählen – der bescheidene Versuch, gegen die Zeit und das Vergessen zu arbeiten. Inzwischen hat sie es dabei zu hohen literarischen Auszeichnungen gebracht: Der Georg-Büchner-Preis, den sie 2012 erhielt, gilt als die größte literarische Ehrung Deutschlands. »In einer Zeit, in der das Reden in eigener Sache die Literatur mehr und mehr dominiert, umkreist Felicitas Hoppes sensible und melancholische Erzählkunst das Geheimnis der Identität«, so begründete die Jury ihre Entscheidung.
Im Frühjahr desselben Jahres hatte sie Hoppe in die Welt gebracht, einen tollkühnen autobiographischen Roman, in dem sie sich nicht mehr und nicht weniger als ein neues Leben erfindet. Der Roman spielt auf verschiedenen Kontinenten und Erzählebenen und ist doch zugleich eine Liebeserklärung an Hoppes Heimat: »Ich habe das reale Leben zu meinem Wunschleben umgedichtet und umgekehrt,« sagt sie. Wie in ihren früheren Romanen Pigafetta oder auch Johanna finden sich auch in Hoppe Spuren katholischen Glaubens, wie die Beichte oder die Eucharistie. Ihr Lieblingsmotiv bleibt, an die alten christlichen Ritterromane erinnernd, der runde tisch, an dem Platz für alle ist: »Wer am Tisch des Herrn sitzt, geht niemals hungrig zu Bett,«
so heißt es. Und es ist sicher kein Zufall, dass in ihren Texten immer wieder von jenen Königen die Rede ist, die sich auf die Suche nach dem Kind in der Krippe machen. Solche Bezüge allerdings werden von Rezensenten meist überlesen, wie sie ein wenig ironisch bemerkt.
Aufgewachsen sind die Geschwister dort, wo Deutschland vielleicht romantisch, aber wenig katholisch ist: in Hameln, der Rattenfängerstadt. Die Eltern, Flüchtlinge aus Schlesien, fanden im Weserbergland ihre zweite Heimat.
Bei der Erziehung ihrer fünf Kinder, so dürften sie heute resümieren, haben sie irgendetwas richtig gemacht, zwei Söhne und drei Töchter (Felicitas ist die dritte, Ulrich der jüngste), die alle einen Sitz im Leben gefunden haben. »Wir hatten das große Glück, dass unsere Eltern keine Akademiker waren«, sagt Ulrich Hoppe. »So konnten wir viel unbefangener an die Dinge herangehen.« Als Kind war es sein Traum, Landwirt zu werden, eine innige Beziehung zur Natur trieb ihn, etwas zu tun, »das Früchte trägt«. Mit 14 oder 15 wurde ihm klar, dass es nicht der Landwirt, sondern der Priesterberuf werden würde.
Gut gelaunt manövriert Ulrich Hoppe 30 Jahre später das Auto über die Insel und nimmt dabei auch schon mal einen Bordstein mit. Ob er es gemerkt hat? Wohl kaum, er erzählt leidenschaftlich, mit unnachgiebiger Energie, auch am Steuer. Seit acht Jahren verwaltet er den katholischen Glauben an Deutschlands Nordende, und doch macht ihm die verwaltete, die beamtete Kirche Mühe. »Mir geht es mehr um die sakramentale Wirklichkeit, alle Sakramente führen uns als mündige Christen zur Eucharistie. Meine Berufung ist es, für die Anderen da zu sein«.
Die haben hin und wieder auch die streitbare Seite des sympathischen Pfarrers fürchten gelernt, der seinen kirchlichen Dienst und die Sache des Glaubens mit Eifer und Ernst versieht und dabei vor Konflikten und Auseinandersetzungen keineswegs zurückschreckt. Gelebter Glaube und klare Auffassungen in Sachen Liturgie schließen Konfrontationen nicht aus und müssen, so Pfarrer Hoppe, »ausgehalten werden«. Am Ende aber steht, meistens, die Versöhnung.
Von den knapp 2000 die Insel bevölkernden Katholiken lässt sich ohnehin bloß ein Bruchteil von der »sakramentalen Wirklichkeit« berühren. Im Sommer jedoch sorgt Ulrich Hoppe an Sonntagen für die Seelen von bis zu 600 Gottesdienstbesuchern, mehr als die Hälfte sind Touristen.
Anschließend braust er zur »Filialkirche« nach List, um auch dort an den Tisch des Herrn zu laden.
In besseren Zeiten waren es vier katholische Kirchen im »säkularen Wallfahrtsort Sylt«, heute versehen hier Ulrich Hoppe als einziger katholischer und sechs evangelische Geistliche den Dienst an Gott und den Menschen. Für einen Beinahe-Einzelkämpfer, der sich für ein spirituelles Leben entschied, ein enormes Pensum.
Ulrich Hoppe ist auch Vorsitzender des Kirchenvorstandes, auf eine Haushälterin, einen festen Küster, Organisten oder Pastoralreferenten kann er sich nicht stützen, und wie jeder Andere hat auch er mit den Zumutungen des Alltags zu kämpfen: »Nächste Woche habe ich es mal wieder ausgiebig mit Bauämtern zu tun, in den Kirchenmauern von St. Christophorus hat sich Schimmel breitgemacht.« Ein böses Omen für die Zukunft der Kirche?
Nein, solche Zeichendeuterei ist ihm völlig fremd. Pfarrer Hoppe fühlt sich nicht auf verlorenem Posten, obwohl er es nicht leicht hat mit der Vermittlung des Glaubens. »Es scheint, als führe Gott sein Volk durch die Wüste. Wir brauchen Geduld. Dabei sind Glaube und Vernunft doch zwei Seiten einer Medaille.«
Die ständige Ansprechbarkeit zerstückelt und unterbricht seinen Tag. Manchmal sehnt er sich nach mehr Zurückgezogenheit, um »am Wort« arbeiten zu können.
Einzig Ehrenamtliche und Ordensschwestern gehen ihm zur Hand, seine Schwester Felicitas, in Berlin und der ganzen Welt zu Hause, sorgt gelegentlich für geistige Erfrischung, ihre Besuche auf der Insel sind aber, wie sie selbst findet, »viel zu selten.«
In früheren Zeiten führte oft eine Schwester ihrem Priesterbruder den Haushalt, ein heute nicht mehr mögliches Rollenmodell. Ein gemeinsames geschwisterliches Leben wäre für die Hoppes, bei allem Respekt für einander, nicht denkbar, dazu sind ihre Leben und Berufe zu verschieden. »Aber ich bin beeindruckt von dem Beruf meines Bruder, manchmal sogar ein bisschen neidisch, eine eigene Kirche hätte ich nämlich auch gern.« Felicitas Hoppe lacht hinter ihrer roten Sonnenbrille: »Wenn ich den Leuten erzähle, dass mein Bruder katholischer Inselpfarrer auf Sylt ist, werden sofort altmodische romantische Phantasien wach.«
Dabei entsprechen Leben und Wirken von Ulrich Hoppe kaum diesem Klischee: Weder hockt er als letzter Leuchtturmwärter des katholischen Glaubens in einem reetgedeckten Haus hinter dem Deich, noch sitzt er gemütlich Pfeife rauchend und schöngeistige Bücher lesend neben dem Ofen und lauscht auf das Meer, zu dem man längst nur noch per Kurkarte Zutritt hat.
Und doch nähren die Geschwister allerlei Phantasien. Zu der Abendveranstaltung »Hoppe & Hoppe: Seinem Stern folgen« waren am Abend zuvor im Gemeindesaal der Pfarrei weit über 100 Zuhörer gekommen, die Kunde vom wortstarken Geschwisterpaar hatte rasch die Insel umrundet. Wo Hoppe draufsteht, ist Eloquenz drin. Gern sprechen die Geschwister über Eltern und Kindheit, über den Glauben und vor allem über das Wort, nicht zuletzt, weil Ulrich Hoppe sich über ein literarisches Thema, den heute so gut wie vergessenen Schriftsteller Werner Bergengruen promovierte.
Dabei treten sie allerdings nicht auf wie ein Paar, das das Schicksal oder eine Marketingagentur zusammengezimmert hat; jeder von ihnen steht für sich und die eigene Sache. Auch wenn sie nicht immer einer Meinung sind, bleiben sie einander zugewandt, ohne jedwede romantische Verklärung von Kindheit und Glauben. Sie liefern keine Charmeoffensive mit wohltemperiertem Small Talk, sondern eher einen schlichten, intellektuell redlichen Diskurs, in dem sie allem voran um Klarheit bemüht sind. Kunst und Religion treffen dabei nicht wie Konkurrenten aufeinander, sondern wie Geschwister, sozusagen.
»Kunst und Religion haben viel gemeinsam, aber die Kunst kann niemals die Religion ersetzen,« sagt Felicitas Hoppe. »Gedichte sind keine Gebete, ein Gebet ist eine Anrufung, die sich als Gegenüber nicht auf einen Leser, sondern auf Gott bezieht.« Dasselbe gilt natürlich auch umgekehrt:
»Ein Gebet ist kein Gedicht – Gedichte erschließen die Welt auf eine ganz andere Art und dienen anderen Zwecken, und das ist gut so. Das Problem ist doch die ständige Vermischung des einen mit dem anderen. Die Kunst beschreibt das Leben auf andere Art, wirft einen ganz anderen Gewinn ab. Aber sie ist nicht sakral, wie hoch auch immer man sie ansetzt.«
Den Bulli hat Pfarrer Hoppe inzwischen nach Hörnum gelenkt. Am südlichsten Inselzipfel hat der letzte Sturm wieder mal Land gerissen und es dem Meer in die Arme getrieben. Reetdachhäuser, zu nah am Wasser gebaut, stehen verwaist, mit leeren Fenstern wie tote Augen. Dickes, hastiges Gewölk hat sich vor den hohen Himmel gedrängt. Ein magischer Augenblick. Die Hoppes stapfen gemeinsam durch die Dünen, dem Meer entgegen, um vor grandioser Kulisse für die Kamera zu lächeln, denn ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Trotzdem nehmen sie die Aufgabe spielerisch: »Wir sind schließlich keine Schauspielerfamilie«, sagt Felicitas Hoppe und lacht wieder. »Im Wort sind wir besser als im Bild, bei uns zuhause wurde das freie Sprechen praktiziert, wir sind alle Vielredner, debattiert wurde immer.«
Von allen Hoppe-Kindern hat sie die bewegteste Biografie,  reist viel und ausgiebig. Vor Jahren fuhr sie auf einem Containerschiff um die Welt, ihr Roman Pigafetta fasst die Erfahrungen dieser Reise zusammen – so könnte man annehmen. »Aber in der Literatur geht es nicht um die reine Wahrheit, sondern um die Erfindung einer Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit, das ist ein anderes Mittel der Erkenntnis,« sagt die Sprachkünstlerin. Wie in Hoppe hat sie deshalb auch in Pigafetta Biografisches fantastisch verkleidet.
Durch märchenhaftes Fabulieren und sprachliche Musikalität versucht Felicitas Hoppe, diese zweite Wirklichkeit zu erfassen; und weiß doch, dass das kaum jemandem gelingen kann, auch nicht einem Schriftsteller. Vielleicht sind deswegen Märchen ihr liebstes Thema. »In der Literatur wünschen wir uns bis heute jene märchenhafte Klarheit, die das Leben nicht zu bieten hat – die Auflösung aller Konflikte im Happy Ending. Genau wie in der Musik, wo es geradezu eine physische Erleichterung ist, wenn der letzte Akkord in der Musik stimmt. Wie das letzte Lied an der Orgel. Oder wenn am Ende des Gottesdienstes der Priester sagt: ›Gehet hin in Frieden‹«.
Solche Segnung kann sie derzeit selbst gebrauchen. Felicitas Hoppe sitzt in der ersten Reihe des Literaturbetriebs, eilt von einer Veranstaltung zur nächsten: Lesungen, Preisverleihungen, Reisen und Fernsehauftritte. Der Mythos von der Einsamkeit der Schreibstube war einmal, heute muss der Künstler sich in der Öffentlichkeit vermarkten. So geht es auch dem Geistlichen, jede Predigt muss er durch seine Person beglaubigen. Felicitas Hoppe liest übrigens fast alle Predigten ihres Bruders. Aber nicht, um Einfluss zu nehmen oder ihm womöglich rhetorisch aufzuhelfen: »Was das Predigen betrifft, da kann ich nur von ihm lernen. Nicht in Sachen Rhetorik, sondern, was die Kunst des genauen Lesens, der Auslegung und der Interpretation betrifft.«

Hoppe & Hoppe, die Künstlerin und der Geistliche, beide fischen nach Menschen, arbeiten mit dem Wort. Aber auf unterschiedliche Weise. Der Dichter steht zwar in der Tradition des Predigers, aber er beseelt die Welt, indem er neue Landschaften und Menschen erfindet, die er, gleich einem Schöpfer, wieder auf eigene Faust leben und sterben lassen kann. Er kann den Zauber eines Wortes auch in Gift verwandeln und das Gift wieder in Poesie. Während der Priester, so sehr er das Wort auch zu veredeln vermag, immer eine Botschaft vertritt, der er treu bleiben möchte.
Mit Karacho steuert Ulrich Hoppe den Bulli auf den Parkplatz eines Gebäudes, das bis vor Kurzem noch die katholische Kirche St. Joseph in Hörnum war. Im Sommer wurde es nach vierjähriger Planungs- und Bauphase an den Verein Schutzstation Wattenmeer verpachtet, Umwidmung heißt das heute. Für eine Besichtigung fehlt die Zeit, nach kurzem Zwischenstopp müssen die Geschwister noch mal fürs Foto ran.
Auf dem Weg dahin greift Felicitas Hoppe ironisch die Frage nach dem rechten Glauben auf. Denn, ganz jenseits des katholischen Glaubens, seien wir doch alle eine Gemeinschaft von Glaubenden oder doch wenigstens blind Vertrauenden: »Sonst könnten wir ja gar nicht leben. Wir glauben an den Führerschein meines Bruders, daran, dass der Zugführer uns sicher über die Schienen manövriert, wir glauben an die Relativitätstheorie, obwohl sie niemand versteht.
Und an die Lichtgeschwindigkeit, die das Märchen doch vorwegnimmt, in dem in zwei Zeilen die irrsinnigsten Entfernungen zurückgelegt werden können. Märchen und Heiligenlegenden funktionieren nur deswegen, weil Menschen annehmen, dass es mehr gibt als die sichtbare Welt.« Davon ist Felicitas Hoppe überzeugt. »Heilige, das waren oft Spinner, Verrückte, die heute wahrscheinlich in der Psychiatrie landen würden. Bitte sehr. Aber am Tisch des Herrn ist Platz für alle.«
Von solchen »Spinnern« sind nicht nur Künstler und Priester, sondern auch alle Anderen umgeben, sie sind das, was menschliche Gemeinschaft im Kern ausmacht. Der Umgang mit den unterschiedlichsten Menschen ist für die Hoppes bereichernd, aber, daraus machen sie kein Hehl, auch kraftzehrend. So darf der Pfarrer von heute keine Autorität mehr sein, er soll vor allem Mensch sein, nicht hinter seinem Amt verschwinden. Diese Forderung kennt Ulrich Hoppe nur zu gut und wehrt sich ein bisschen dagegen: »Die Person steht leider im Vordergrund, nicht mehr das Amt. Es soll eben menscheln. Da kann ich nur sagen, ich bin beides: Ich bin ganz Mensch und ganz Priester, das klingt paradox, ist aber nicht voneinander zu trennen.«
Auch seine Schwester kennt solche Erwartungen von Rezipienten an den Schriftsteller: Während einer Lesung aus Pigafetta ließ ein Hörer verlauten, sie habe ihn mit ihrem zweiten Buch bitter enttäuscht. »Ich habe ihm geantwortet, dass ich ihn gar nicht enttäuschen konnte, da ich beim Schreiben gar nicht an ihn gedacht hätte. Das Problem besteht doch darin, dass wir immer alles auf uns selbst beziehen, da herrscht eine große Egozentrik. Aber die Integrität eines Werkes ist genauso wenig anzutasten wie die Liturgie, der Text löst sich von seinem Schöpfer und entwickelt ein Eigenleben. Auch wenn das seinen Ausdeutern nicht immer passt. In diesem Sinn ist übrigens auch das Feuilleton eine Art Amtskirche.«
Mit ihrem Beruf, sagt Felicitas Hoppe, habe sie immer ein wenig gehadert, es sei ein einsamer, ein unsozialer Beruf. Am Ende habe sie sich aber doch dafür entschieden. »Mein Bruder war schon immer zielgerichteter und entschiedener als ich. So war er schon als Kind. Aber in mancher Hinsicht habe ich es natürlich leichter, denn das Lesungspublikum ist keine reale Gemeinde wie die meines Bruders.« Dass die Geschwister schon mal füreinander in Haftung genommen werden, kümmert sie wenig: »Ich bin nicht der Hüter meines Bruders, woher auch, das ist sein eigenes Leben, sein eigener Weg. Aber natürlich würde ich ihn in all seinen Belangen unterstützen.« So würde es umgekehrt auch der Bruder ausdrücken. Die Eltern daheim im Weserbergland nehmen regen Anteil am Leben ihrer Kinder, christliches Leben heißt für sie, in der Welt anwesend zu sein, sich zur Tagespolitik zu verhalten, etwas zu bewirken.
Ihre schreibende Tochter haben sie nie kritisiert, ebenso wenig ihren Priestersohn, auch dann nicht, wenn er theologisch andere Wege ging als sie selbst, die tief in der Ökumene verhaftet sind. Der Freiheitsbegriff, so viel kann man sagen, ist Felicitas Hoppe jedenfalls heilig. Mit ihrer katholischen Erziehung hat sie dennoch nie gehadert, im Gegenteil. In den Stunden, die sie als Kind in der Kirche habe absitzen müssen, ohne wirklich etwas zu begreifen, habe sie eine Innenwelt entwickelt, die sie heute als kreative Ressource begreifen und nutzen kann. Sie nennt das die »Schule des Durchhaltens«.
Der letzte Inselstopp kommt in Sicht: Kampen mit Blick über das rote Cliff. Ein paar Spaziergänger stemmen sich unten am Strand dem Wind entgegen »Im Sommer ist es hier schwarz vor Menschen,« sagt Ulrich Hoppe und weist mit ausladender Geste hinunter. Er scheint ein Lied vor sich hin zu summen. Seine Schwester summt mit, schaut auf und erzählt davon, dass sie sich wünscht, mal wieder länger mit ihrem Bruder zu verreisen, wie sie das in den letzten Jahren öfter getan haben. Zwei Charismatiker, die, wie alle anderen, gelegentlich auch mal vom Urlaub träumen. Er sei übrigens jederzeit bereit, sollte der Ruf des Bischofs kommen, die so schöne wie enge Insel auch wieder zu verlassen, sagt Ulrich Hoppe, bevor er sich wieder hinter das Steuer setzt: »Ich möchte jedenfalls nicht hierbleiben, bis ich 75 bin.« Die Schönheit des Tages stellt diesen Satz ein wenig in den Schatten. Denn es gibt Augenblicke, in denen Worte nicht weiterbringen: »Dass am Anfang das Wort war, ist ja bekannt«, sagt Felicitas Hoppe – »aber unser Traum vom Paradies ist am Ende die Stille. Das Amen eben.« //

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.