Ausschau 02: Ein neuer Mensch. Ein neuer Gott?

Hemispheres

Hemispheres Christopher de la Garza Famile von Wedel, Potsdam.

Mehr und mehr will der Mensch die Richtung des biologischen Lebens vorgeben: Genetisch veränderte Lebensmittel und Designerbabys sind erst der Anfang. Wo geht es hin? Fragt theo-Autor SVEN SCHLEBES.

Der Mensch stammt von Gott und ist sein Ebenbild, das sagen Christen. Der Mensch stammt vom Affen ab, sagen die Evolutionsbiologen und der Mensch wird das sein, was wir daraus machen, sagen Transhumanisten, die sich nach einer technikunterstützten Veränderung des Menschen und seines Körpers sehnen. Es ist ein uralter Menschheitstraum: Mehr zu können, zu wissen und zu bewirken als Andere vor uns. Der Mensch als Grenzenaustester und -überwinder, als Selbstoptimierer und »Self made man«.
Wir leben im Antropozän, wie der niederländische Chemiker und Atmosphärenforscher Paul Crutzen unser Zeitalter des Menschen nennt, und haben das Zepter der Weiterentwicklung als Kinder der Aufklärung allen unwägbaren Mächten entrissen und fest in unsere Hände gelegt. Aus »erschaffenen Wesen« sind durch die Jahrtausende hindurch vor allem selbsterschaffende Wesen geworden. Getreu dem Bibelauftrag: »Macht euch die Welt untertan«. Stück für Stück sezieren wir den Schleier der Schöpfung auf der Suche nach den Bausteinen und Rhythmen des Lebens. Wer sind wir? Was hält die Welt im Innersten zusammen? Und wie können wir uns, unser Leben, ja, das Leben an sich verbessern?
Mitschöpfertum scheint uns als Gottes Ebenbildern in die Wiege gelegt zu sein, ist unser Auftrag und unser Geschenk zugleich. Wir arbeiten für ein Leben in Glück, Gesundheit, Zufriedenheit, Selbstbestimmung und größtmöglicher Freiheit. Möglichst ohne diffuse Mächte, an deren Fäden wir wie Puppen hängen. Geistig scheint uns das bisher ganz gut gelungen zu sein. Als gebildete Dekonstruktivisten entkörpern wir das kulturelle Leben und seine einengenden Muster wie Matroschkapuppen auf der Suche nach dem kleinsten Kind. Emotional bleiben die meisten von uns wohl ewig verwickelt in den Gefühlsgewirren des Lebens: allen Meditationskursen, Yogasessions und Liebesgeboten zum Trotz.
Doch biologisch-materiell könnte uns in diesem Jahrhundert der große Sprung gelingen. Der universelle Cut sozusagen. Aus der totalen Abhängigkeit vom biologischen Leben, unserer Quelle, hin zu einem selbstbestimmten Dasein auf biologischtechnologischer Basis. Wie einst die Computernerds stehen wir an einer Wegscheide: Spiele ich das Spiel mit den mir gegebenen Möglichkeiten so gut es geht, oder knacke ich den Code und werde selbst zum Gott meines Spieles? Biohacking macht weder halt vor den dna-Strängen des Lebens noch vor der Fusion von Technik und biologischen Komplexen. Evolution: Das überlassen wir Menschen nicht mehr länger einfach der Zeit und dem eigenständigen und wechselseitigen Spiel von Molekülen. Mehr und mehr ist es unser Plan, der die Richtung vorgeben soll. Von genetisch veränderten Lebensmitteln über spezielle Zuchttiere bis hin zum sogenannten Designerbaby und dem technisch optimierten Menschen als Cyborg-Wesen. Alles scheint möglich. So lange es den Menschen gibt, hat er in den »ursprünglichen« Zustand eingegriffen. Landschaften verändert, Tiere und Lebensmittel gezüchtet und optimiert. In diesem Sinne ist selbst die sogenannte Bildung von uns Menschen eine gewollte Neukonstruktion. Nach dem jeweils herrschenden Bilde vom gebildeten Menschen seiner Zeit. Leben im Ursprung – das ist hochaktuell und doch die immer wiederkehrende romantische Sehnsucht nach dem Paradies, in dem alles vollkommen war und sein wird. Was auch immer das heißen mag. Doch die moderne Prothetik macht den universellen Eingriff in die biologischen Grundlagen jetzt ganz konkret am eigenen Leib spürbar. Moderne Hörgeräte kommunizieren über implantierten Chips mit dem Gehirn, künstliche Extremitäten eröffnen ihrem Träger neue Bewegungsspielräume. Die neuen Möglichkeiten zeigen deutlich die Grenzen von Menschen auf und verweisen auf Brücken darüber hinaus.
Wir alle wissen: Was einmal erdacht worden ist, wird realisiert, es ist eine Frage der Zeit. Für uns Christen, die wir an den lebendigen Gott glauben, eine stetige Herausforderung. Denn unser Bild vom Leben, von uns selbst, ja, von Gott wird sich erweitern und damit zugleich radikal verändern. Vom Ansatz her ist das für den katholischen Glauben, der mit seinem allumfassenden Anspruch das Unwägbare zugleich mit umfasst, kein Problem. Doch es sind wir Menschen, die in unserer Begrenztheit dem Allumfassenden begegnen. Und damit wachsen müssen, wenn wir nicht in angstvoller Kleinheit wie das bloße Samenkorn im Sack verkümmern wollen. Es sind großartige Zeiten, die auf uns Menschen warten. Wir können Grundlegendes im wahrsten Wortsinne verändern. Doch neigt der Mensch dazu, den gefühlt gottleeren Ermächtigungsraum mit nichts als sich selbst zu füllen. Und mit dieser Gottvergessenheit Unheil zu stiften. Denn wenn der Rhythmus des Lebens und seine Bausteine entziffert sind, zieht Gott sich für uns Menschen aus dem ausgeleuchteten Bereich des Lebens in das Dunkel des Todes zurück. Hier darf er unumschränkter Herrscher sein. Mit all seiner Größe und Güte und Liebe.
Es liegt an uns, ihn bewusst ins Leben zurückzuholen und das Leben aus unserer eigenen Begrenztheit zu befreien. theo-Leserinnen und Leser werfen einen Blick auf die künftige Welt ohne Gott.

 

Christopher de la Garza

Sascha Grusche, Christopher De La Garza (oben) und Simon Pape vereinen Wissenschaft und Kunst. Mit ihrer mehrfach ausgezeichneten Graphic Novel Hemispheres projizieren sie das gegenwärtige Abbild unserer Gesellschaft in die nahe Zukunft, um auf grundlegende Probleme und Chancen verschiedener Lebenswege des Menschen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufmerksam zu machen. (www.hemi-spheres.eu)
Zeichnung: Abendmahlszene aus der Graphic Novel Hemispheres. Berlin/Potsdam 2014. http://www.hemi-spheres.eu.

In unserer Geschichte ist die Kirche der Zukunft ein Dienstleister. Der Gläubige von Morgen sucht nach effizienten Lösungen für seine Ängste und Sorgen, welche mit der Modernen Technologie einhergehen. Kontaktarmut und der Verlust von Empathie führen dazu, dass sich die soziale Gemeinschaft gegeneinander ausspielt und entfremdet. Die Menschen sind oberflächlich und kurzsichtig. Soziale Kontakte, Gespräche oder körperliche Nähe werden in sogenannten Kontaktkliniken als Dienstleistung angeboten.
Was passiert mit einer Gesellschaft, die ihre Sünden nicht mehr erkennt? Wenn die Sünden selbst nicht mehr als Sünde wahrgenommen werden, werden sie frei interpretierbar.
Nach Wahl justierbar, ganz nach eigenem Maß. Das Bedürfnis nach Selbstbestimmung und Individualisierung tritt noch stärker in den Vordergrund, wodurch sich der Maßstab des Glaubens verschiebt. Der Glaube an sich selbst, die menschliche Schaffenskraft und das, was ich mit meinen eigenen Händen erschaffen kann, werden wichtiger. Pragmatismus und die Maximierung des Nutzens werden zum regelrechten Sport. Probleme werden nicht mehr als solche wahrgenommen, zumindest nicht – wie es kurzfristige Lösungen gibt.
Die Angst vor dem Unbekannten ist größer denn je und die Zukunft ungewisser denn je, das exponentielle Wachstum  und die damit einhergehende Veränderung schafft extreme Spannungen innerhalb der Gesellschaft. Fundamentalisten und Atheisten sind stark fragmentiert während Bio-Hacker, Transhumanisten und Cyborgs den neuen Olymp des Lebens erklimmen.

 

Famile von Wedel, Potsdam.

Anette von Wedel, 43, verantwortet als leitende Angestellte den Bereich Diversity Management. Ulrich von Wedel, 47, arbeitet als Organisationsberater und Moderator (Albedo). Beide leben in Potsdam.

An einen Tag wie diesen im Jahr 2014 wird man sich in 100 Jahren ungläubig erinnern. Konnte ein Sonntag je anders als ein Montag sein? Waren es wirklich nur Konventionen, Krisen oder Krankheiten, die Menschen an einen Gott denken ließen – und was dachte man zu normalen Zeiten, als alles noch in Ordnung schien?
Die rigide Trennung zwischen weltlichem Dasein und Spiritualität war ein schizophrenes, ein künstliches Konstrukt, deren Folgen sich u.a. in Ressourcenräuberei, Konsumfetisch und Beziehungslosigkeit manifestierten. Wie konnte man je ernsthaft geglaubt haben, die unermessliche Fülle und Vielfalt der Schöpfung in ein Korsett aus Planung und Kontrolle zwängen zu können?
Bei allen Herausforderungen, im Großen wie im Kleinen, stellt sich immer dieselbe Frage: Ist das Leben mir wohlgesinnt oder nicht? Bin ich ein Ausdruck der Liebe oder der Ablehnung? Die Zukunft wird geprägt sein von einer Haltung der Verbundenheit.
Einer Verbundenheit mit der Schöpfung, die erst dem Leben und seinen Wechselfällen eine Bedeutung verleiht. Der Glaube an einen allgegenwärtigen, liebenden und unfassbaren Gott, der in allen Formen und Lebewesen einen Ausdruck erfährt – dieser Glaube hat nicht die Naivität von Naturreligionen. Es ist schlicht die Anerkennung der Vorläufigkeit von Wissen und Erkenntnissen und die Akzeptanz von Ungewissheit. Es ist die implizite Annahme, dass wir nur begrenzte Vorstellungen des Möglichen besitzen. Die Kapitulation des Kontrollanspruches wird das Fanal für eine gemeinsame, kollektive Entdeckungsreise werden, und selbst Schulbücher werden weiße Seiten aufweisen als Zeichen der Offenheit, der Ungewissheit und des Neuen.
Das Credo der Unvoreingenommenheit und des Vertrauensvorschusses wird die Menschen förmlich entfesseln und in achtsame und spielerische Umgangs- und Arbeitsformen münden.
Statt theologischer Deutungsgewissheit wird die Kirche Orte der Begegnung und Vernetzung anbieten: Damit wir Menschen uns gegenseitig in dieser Haltung reflektieren und bestärken können. Die Trennung zwischen profaner und heiliger Welt wird Geschichte sein: Alltag und Spiritualität werden sich wechselseitig durchdringen.
Das Leben in der Zukunft wird mehr Utopie sein als Dystopie: Denn der Glauben ist Leben, und Leben ist Glauben. //

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