Ausschau 03: Die Zukunft der christlichen Theologie

nichtsalsworte Familie Balzer  Claus Mertes SJ

Nichts als Worte.
Von Sven Schlebes.

Gottes Wort mit wissenschaftlichen Mitteln auf die Spur zu kommen und es zu deuten ist das Ziel der christlichen Theologie. Dieses Selbstverständnis ist in Wissenschaftskreisen umstritten, denn der Kern der Theologie, Gott selbst und seine Heilsbotschaft, ist unangreifbar gesetzt. Rund um die Person Jesus Christus und die Heilige Schrift ist eine reichhaltige  Ausdeutung des Heilplanes entstanden, der uns Christen hilft, unseren Glauben zu leben und Gott nahe zu kommen. Doch nicht nur die daraus erwachsenen Dogmen sorgen für Unmut und Unverständnis auch unter katholischen Christen. Die Auseinandersetzung mit schriftlich vermittelter und gedeuteter Religion neigt wie viele Wissenschaften zur Nabelschau. Das konkrete Leben von Jesus Christus und das heutiger Christen droht aus dem Blickfeld zu geraten. Die Zukunft des Christentums hängt nicht unmaßgeblich von dem Willen der Theologen ab, sich von den kunstvoll ausgeschmückten Systemausdeutungen zu verabschieden und das Leben in den Blick zu nehmen: das alltägliche und das des Erlösers.

 

Am Anfang war das Wort. Dann wurde es Materie und biologisches Leben, Welt und Fleisch. Daran glauben nicht nur wir Anhänger der drei abrahamitischen Religionen. Aber vor allem für Christen spielt die Suche nach dem der Schöpfung zugrunde liegenden und innewohnenden Wort Gottes (Griechisch: logos theou) eine zentrale Rolle. Wer es zu hören vermag oder gar die göttliche Sprache versteht, bei dem hat der Heilige Geist Einzug erhalten. Fortan ist dieser Mensch in der Welt, aber nicht mehr von der Welt. Als Ver-Rückter darf er auf die Offenbarung des Heilsplanes Gottes hoffen und gilt als Mittler zwischen Gott und uns Menschen. Das Christentum jedoch versteht sich eben nicht als eine rein subjektivistische Lebensweltwelt, sondern als einen objektiv erfahr- und erforschbaren Raum mit Universalanspruch. Alles ist überprüf- und rückführbar auf Gott, sein Wort und seinen Sohn, den Erlöser Jesus Christus. Damit versteht die Christliche Theologie sich traditionell als ein anderen Wissenschaften gleichwertiges Fachgebiet, unterteilt nach verschiedenen christlichen Konfessionen.
Grob gliedert sich die Universitätstheologie in die Bereiche Biblische, Historische und Praktische Theologie. Im Laufe der Zeit haben sich Sondertheologien entwickelt, die versuchen, Gott und seinen Heilsplan unter einem besonderen Fokus auszudeuten: unter anderem die Befreiungstheologie, die Erweckungstheologie, die Politische Theologie und die Feministische Theologie.
Sie alle eint, inhaltlich vom dreifaltigen Gott zu reden als Schöpfer und Erlöser – vor allem und gerade in der Person Jesu Christi sowie als Heiligen Geist. Besondere Bedeutung kommt der Kirche und ihrem Wirken im Heiligen Geist als Offenbarer, Verkündiger und Heilswirker zu. Als Basis der Glaubensarbeit gilt den meisten Theologien die Bibel als Offenbarungsbuch, ferner die Tradition, Glaubenslehren der Tradition, sogenannte dogmatisierte Aussagen der Lehramtes und im weiteren Sinne auch das Glaubensempfinden aller Gläubigen.
Wie die aktuellen kircheninternen Umfragen unter den sowohl katholischen als auch evangelischen Gläubigen zeigen, schwindet das »normale« Glaubensempfinden der Kirchenmitglieder und der Zuspruch zu den Lehrsätzen. Zu häufig stellen sich für wahr gehaltene Dogmen der Lebensausgestaltung entgegen oder sperren sich dem Verständnis. Was den Einen zuviel Weltlichkeit der Kirche und ihrer praktischen Theologie und Seelsorge, ist den Anderen ein zu wenig an konkreter Lebenstauglichkeit. Hier eine Brücke zu finden gilt als Herausforderung, vor der nicht nur die Hauptamtlichen stehen. Doch auch unter den Dogmatikern der Kirche hat die Erkenntnis sich durchgesetzt, dass das Christentum im 21. Jahrhundert vor einer Wirksamkeitsprüfung steht: Funktioniert das Heilsversprechen in meinem Leben, hat es eine Bedeutung. Funktioniert es nicht, wird es für Menschen zur kulturellen Folklore. Ein einfaches »Ihr müsst nur glauben!« wird aus dieser Wirksamkeitsfalle nicht herausführen. Da sind sich immer mehr Theologen einig. Das Wesen des Christentums als studierbare Wahrheit zu verstehen ist in Zeiten der modernen Selbstermächtigung des Menschen keine Lösung mehr.
Und so rückt seit einigen Jahren der Offenbarer Jesus Christus wieder in den Mittelpunkt der Betrachtung. Es sind Theologen wie Eugen Biser, die die Mitte und die Norm des Evangeliums auf Jesus Christus mit seiner »revolutionären Botschaft« von Gott als dem bedingungslos liebenden Vater hin ausrichten und sowohl sein Leben als auch seinen Tod und seine Auferstehung im Dreiklang neu entdecken.
Ob die theologische Wende von der Lebens- zur Wirkungsgeschichte Jesu Christi, der Umschlag von seiner historischen zu seiner mystischen Biographie, das Ende seines Wirkens für die Seinen und der Anfang seiner Einwohnung in ihnen« (Eugen Biser, Antlitz, 254) wirklich das tragende Fundament einer »Theologie der Zukunft« sein wird, muss sich erst noch zeigen.
Der Einwohnung Jesu Christi förderlich kann jedoch auf jeden Fall eine Auseinandersetzung mit »der Wahrheit im Zeugnis der anderen Religionen« sein (Prof. Schmidt-Leukel). Das kommende Jahrhundert wird nicht nur die Menschen, ihre Waren und Dienstleistungen näher zusammenbringen. Es wird ein Aufeinandertreffen verschiedener subjektiv erlebter Wahrheiten geben, die miteinander sinnvoll in Bezug gebracht werden wollen.
Aber vielleicht sind der Weg nach Innen an die eigenen christlichen Ursprünge auf der einen und nach draußen hin zur Heiligkeit der Anderen ja kein Widerspruch. War es nicht Jesus Christus, der bewusst das Treffen mit den systemisch Aussätzigen suchte? Worum er bat, war nicht der Glaube an viele Worte, sondern an die Wirksamkeit des einen Gottes. Vielleicht entdeckt eine Theologie der Zukunft ja dann, dass der eine Jesus Christus bei seiner individuellen Einwohnung ein ganz eigenes Kleid wählt, um seinem menschlichen Gastgeber ganz besonders nahe zu sein.
Das wäre dann die vielbeschworene Einheit in der Vielfalt. Weiß Gott, was auch immer das genau bedeuten mag. Ganz bestimmt aber die Theologie der Zukunft.

 

theo-Leserinnen und Leser werfen einen Blick auf die Zukunft der Theologie

 

Familie Balzer

Stefanie Balzer, 31, arbeitet als Verwaltungsangestellte im Bereich Arbeitsrecht und Justitiariat und verfolgt das Ziel zum Abschluss des Bachelor of Laws (Rechtswissenschaften). Stefan Balzer, 31, arbeitet neben der Betreuung ihres gemeinsamen Sohnes als Tierheilpraktiker und studiert Theologie (Pastoraltheologischer Fernkurs) und Psychologie (FernUniversität Hagen).

Wandlung ist einer der zentralen Begriffe des Christentums. Gott handelt. Immer und überall. Wo Er handelt findet Wandlung statt. In der Schöpfung, in Tod und Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus, in den Sakramenten. Auch in der Kirchengeschichte sind Metamorphosen zu beobachten.
Immer wieder hat sich das Christentum an kulturelle Bedingungen angepasst, dabei mehrere epochale Umbrüche erlebt und überlebt, verbunden mit Anpassungen und Interpretationen der christlichen Lehre, die zu (Auf-)Brüchen geführt haben. Ähnliches wird das Christentum in 100 Jahren auch erlebt haben.
Die jüngst veröffentlichte interdisziplinäre civilisation collapse Studie und der aktuelle Welt-Klima-Bericht zeigen, dass alle Bedingungen für einen epochalen kulturellen Zusammenbruch erfüllt sind.
Wie wird das Christentum in 100 Jahren aussehen? Gott wird mit den Menschen sein und ihnen durch christliche Gemeinschaften Oasen der Hoffnung schenken, kreativ gestaltete Lebenswelten, in denen durch gelebte Solidarität Gott und seine Gute Nachricht direkt erfahrbar werden. Sie werden sich an die vielfältigen Lebensbedingungen ihres Umfeldes angepasst haben und immer wieder neu anpassen. In einer Einheit werden Menschen und Tiere in der Schöpfung leben. Das Reich Gottes wird durch das Leben der Christen als Licht für die Menschen sichtbar werden.
Alte und Junge leben miteinander im Glauben, beten gemeinsam. Doch können wir aus den Skizzen Impulse für das Christentum des Jahres 2014 ableiten? Es muss sich schon heute großen Veränderungen stellen und sich in der Weise neu öffnen, dass eine dezentralisierte Leiterschaft dem heterogenen Beziehungsnetzwerk in der jeweiligen Gemeinschaft dient und eine akive vernetzte Kommunikation fördert. Ohne ihre Wurzeln zu vergessen, muss sich die Praxis an Zukunftsvisionen ausrichten und sich ständig systematisch verbessern. Möchte das Christentum heute für die Menschen wieder an Relevanz gewinnen und die Welt aktiver mitgestalten, dann muss es sich weiterentwickeln und verändern. Das Vorbild dafür kann nur die Evolution sein. Denn wer still steht und sich nicht wandelt, wird in der fortschreitenden Natur zurückbleiben und letzten Endes liquidiert.

 

Claus Mertes SJ

Klaus Mertes SJ, 59, zur Zeit Kollegsdirektor am internationalen Jesuitenkolleg in St. Blasien.

Papst Franziskus formulierte kürzlich: »Ich sehe die Kirche wie ein Feldlazarett nach einer Schlacht. Man muss einen Schwerverwundeten nicht nach Cholesterin oder nach hohem Zucker fragen. Dann können wir von allem anderen sprechen. Die Wunden heilen. Man muss ganz unten anfangen.« Das Bild animiert zur Seelsorge und damit auch zu einer Theologie, die sich um die Seelen sorgt. Theologie soll ›practice‹ sein, wie die ersten Jesuiten formulierten. Ihre Kritik am scholastischen Lernbetrieb bestand darin, dass dieser ›scholastice‹, nur ›spekulativ‹, nicht ›practice‹ sei. Der Graben zwischen Theologie und Pastoral sei verhängnisvoll, weil man mit einer Pastoral ohne Theologie den Seelen nicht hilft.
Das gilt aber auch umgekehrt. Der Graben muss gleichfalls von der Pastoral her übersprungen werden können, hin zur Theologie und zur kirchlichen Lehre. Denn gerade auch in der Seelsorge tauchen die ›Zeichen der Zeit‹ auf, und auf sie einzugehen erneuert die Kirche, auch die kirchliche Lehre in jeder Generation neu, hält sie jung. In der Seelsorge ist die Kirche auch hörende Kirche; durch die Praxis der Seelsorge und durch begleitende geistliche Reflexion der Erfahrungen in der Seelsorge gewinnt die Theologie Zukunft. Friedrich Spee hörte den zum Scheiterhaufen verurteilten ›Hexen‹ zu und schrieb dann erst seine ›cautio criminalis‹; vorher wäre er nicht auf diese Idee gekommen und wäre wohl auch bei seiner Auffassung geblieben, dass es dringend der Hexenprozesse bedürfe, um Hexen zu bekämpfen. Oder um ein aktuelles Beispiel zu nennen: Ein Mitbruder, der zuständig ist für die Rückkehr von Menschen in die katholische Kirche, macht die Erfahrung, das 90 Prozent von jenen, die in die Kirche zurückkehren wollen, zwar aufgenommen werden können, aber dann automatisch von der Kommunion ausgeschlossen sind, weil sie oder ihr Partner einen Eheknick in der Biographie haben. Die Not eines solchen Seelsorgers muss von der Theologie angehört werden, um die theologisch relevanten Themen zu entdecken, die hinter dieser Not stehen. Dann hat sie Zukunft.
Eine Kirche, die »Feldlazarett nach einer Schlacht« oder biblisch gesprochen »Weinberg des Herrn« ist, trennt Theologie nicht von Pastoral, und zwar weder in die eine noch in die andere Richtung. Das ist dann auch ihre Zukunft. //

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