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Der Fotograf Christian Klant entdeckt die alte Art der Kollodium-Nassplatten-Fotografie (Wetplate) neu und begibt sich auf die Suche nach der Seele des Menschen. In 100 Tagen entstand so sein Projekt 100 Wet Plates. 100 Words.

Es ist wohl unser tiefstes Verlangen: im biblischen Sinne erkannt zu werden. Als Abraham seine Frau Sarah erkannte, ging es nicht um das klassische Spiel der Aufmerksamkeit. Zwei Menschen haben sich in ganzer Tiefe gegenseitig eröffnet und offenbart, gesehen und erkannt, berührt, geliebt und damit neues Leben gezeugt.
Dieses Erkennen ist ein einzigartiger Moment, der nichts mit dem Alltagsleben zu tun hat. Es handelt sich um einen Akt tiefster Intimität und reinster Beziehung.
Denn erst, wenn alle Hüllen gefallen sind, also alle Bilder, die ich von mir und dem anderen habe, sich aufgelöst haben, kann wahre Berührung stattfinden und eine tiefe Wandlung. Erkenntnis im biblischen Sinne ist damit kein geistiger Akt. Erkenntnis, so wie Gott sie will, ist Hingabe, Offenbarung und Verwandlung: »Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr. Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat.« (Offb 21,1/2)
Jesuiten wissen, dass diese tiefe Gottesschau überall geschehen kann, plötzlich öffnet sich der Schleier und der Ursprung wird deutlich. Manchmal ist es ein Sonnenaufgang, manchmal ein Kinderlachen. Für den Fotografen Christian Klant war es der tiefe Blick einer Unbekannten, deren Wetplate-Portrait er im Internet gefunden hatte. Sie war eine einfache Frau, keine klassische Schönheit. Zur der Zeit hielt Klant sich in Südamerika auf, auf der Suche nach dem Paradies und dem prallen Leben. Doch was er fand und ihn berührte, war, wie oft im Leben das Gegenteil: klein, grau und unscheinbar. Und doch mit Tiefe und Wirksamkeit. Was folgte, sollte sein bisheriges Leben auf den Kopf stellen.
Die Suche nach Kollodium-Nassplattenfotografen führte ihn um die ganze Welt. Nur noch Wenige beherrschen heute diese Kunst, die 1850/1851 von Frederick Scott Archer und Gustave Le Gray entwickelt worden war. Zu aufwändig und teuer ist die Arbeit mit der chemisch behandelten Glasplatte, deren hohe Empfindlichkeit zudem eine Verarbeitung voraussetzt. Fertig präparierte Glas- oder Metallplattten sind nicht käuflich, sie müssen einzeln hergestellt und die dazu notwendigen Chemikalien selbst angemischt werden.

Über ein Jahr tauchte Klant in diese faszinierende Welt der Fotografie aus der Vergangenheit ab. Dann hatte er die Ausrüstung für ein wohl einzigartiges Projekt zusammen: In 100 Tagen sollten 100 Menschen ein Bild von sich bekommen. In einer Detailtiefe, die hdmi-Fernseher, aber auch die hochauflösensten Digitalkameras übertrumpft, und in einer Ehrlichkeit, die selbst in den engsten Freundschaften fehlt.
Das Projekt 100 Wet Plates war von Anfang an auch Projektionsfläche – der Sehnsüchte unserer Zeit: Anstatt per Knopfdruck zehn Bilder pro Sekunde digital auf den sd-Karten-Speicher zu schicken, schafft der Nassplattenfotograf gerade mal drei Fotografien am Tag. Mit einer immensen Materialschlacht ringen sowohl Fotograf als auch das Model stundenlang um den richtigen Augenblick und den richtigen Ausdruck. Sie tun nichts, außer sich einander anzunähern, sich aufeinander einzulassen. Bis es »Click« macht. Dieses Spiel um »Sehen und Gesehen werden«, das Warten, die Jagd nach der Einzigartigkeit: Es kennzeichnet die letzte große Sehnsucht moderner Menschen, denen alles in unendlichen Variationen jederzeit und durchoptimiert zur Verfügung steht. Es ist der Hunger nach Echtheit, der Klant und seine Modelle antreibt, der tiefe Wunsch, einen Blick in die Ewigkeit werfen zu dürfen, die sich durch einen selbst ausdrückt.
Klants Modelle waren auch bei der Entwicklung der Nassplatten in der Dunkelkammer dabei. Viele von ihnen weinten, als sie sich selbst aus der Dunkelheit auftauchen sahen. Und sie gaben dem, was erschien, einen Namen, den Titel für das spätere Bild.
So umfassend angenommen von sich selbst, stellte sich bei den meisten ein tiefer Frieden ein. Was kann es Schöneres geben, als sein Antlitz etwas Größerem zu leihen, das durch einen selbst seinen Ausdruck in der Welt finden möchte? Etwas Uraltem und doch so jung-lebendigem? Auch nach der Portraitserie ist die Nassplattenfotografie für Klant immer noch ein Mysterium. Ein beseeltes Geheimnis, eine zärtliche Poesie. Wie jede Kunst lässt sie uns Menschen erahnen, warum Gott die Welt und uns Menschen erschuf. Wie sehr er liebt. Und wie sehr er darauf hofft, ebenfalls erkannt zu werden. Im biblischen Sinne.
Das Projekt 100 Wet Plates wird im Herbst 2014 als Ausstellung zu sehen sein.
Eine parallele Buchveröffentlichung ist geplant. //

Weitere Informationen zum Projekt:
Fotografie | Christian Klant
Mobil: +49 (157) 850 950 95

Mail: mail(at)christian-klant(Punkt)de
Web: www.christian-klant.de
Blog: www.christian-klant.de/blog

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