Mit Freude umguertelt

Pater Georg Maria Roers (Bild: Sankt Michaelsbund)

Pater Georg Maria Roers (Bild: Sankt Michaelsbund)

Von Georg Maria Roers, SJ.

Eine spaßfreie Feier möchte niemand über sich ergehen lassen. Der Feierrausch im Kölner Karneval hingegen soll niemals enden und in der Tat scheinen die Prunksitzungen im Gürzenich endlos zu sein. Schlager aus den Achtzigern scheppern aus den Boxen, erzählen aber eine andere Geschichte: »Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei«. Wir Menschen reden und trinken uns die Welt schön, weil so manche Ungerechtigkeit sonst nicht auszuhalten wäre. Mit Festen, die katholisch schmecken, führen wir eine Jahrtausende alte Tradition weiter. Ein Gottesdienst, wie wir ihn heute in der Kirche feiern, vereinigt viele Traditionen in sich, so spielt vor allem die römische Kultur eine große Rolle. Die römischen Kaiserbasiliken hatten nach dem Untergang des Imperiums ihren Sinn verloren, nicht mehr dem Kaiser wurde ein Rauchopfer dargebracht, sondern Christus.
Bis heute tragen katholische Priester Gewänder römischer Beamte. Die christliche Tradition hat sich erst mit der Zeit herausgebildet und das gilt selbstverständlich auch für die Feierkultur außerhalb der Liturgie.
Im August findet sich im katholischen Festkalender an erster Stelle ein Marienfest. Wer einmal an diesem Tag auf der Insel Gozo die Kathedrale Maria Himmelfahrt in Victoria besucht hat, wird von der Festkultur der Insulaner berührt worden sein. Ausgelassen strebt das Fest seinem Höhepunkt entgegen: Feuerwerke gleich neben der Kathedrale, die in Deutschland die Feuerwehr auf den Plan rufen würden.
In vielen Pfarreien Deutschlands wird das Marienfest heute gar nicht richtig gefeiert – die meisten Gläubigen sind eh im Urlaub. Dieses Phänomen betrifft sogar das Pfingstfest. Wie soll Heilige Geist bei uns Eingang finden, wenn wir gar nicht da sind?
Wenn wir Katholiken Feste feiern, mag man uns zuweilen für Spinner halten, wir besinnen uns eben immer wieder neu auf unsere Tradition. Ein Nicht-Katholik wird kaum nachvollziehen können, warum wir im Juni nach siebenjähriger Pause im Aachener Dom wieder das Kleid Mariens aus der Heiligen Nacht, die Windeln Jesu und das bei seiner Kreuzigung getragene Lendentuch verehren. Mit Glaube und Vernunft hat das eher weniger zu tun, dafür mehr mit Gefühl und Sinnlichkeit.
Ist es nicht auch eher unvernünftig in Berlin Fronleichnam zu feiern? Mitten im Alltag. Kommt da Feiertagstimmung auf am Abend bei der großen Fronleichnamsprozession am Gendarmenmarkt? Im katholischen München gehört es noch zum bayrischen Brauchtum.
An diesem Tag schauen alle auf ihn, er ist der Mittelpunkt, Jesus wird durch die Stadt getragen, so dass ihn jeder sehen kann. Man kann es kaum fassen, so etwas in einer modernen Metropole des 21. Jahrhunderts anzutreffen.
In einer Stadt, in der fast 60 Prozent der Menschen alleine leben. Kann die Gemeinschaft der Kirche hier gegenhalten?
Als kleines Kind feierte ich als Ministrant ganz selbstverständlich Fronleichnam mit. Wir Jungs durften die gelbweißen Fahnen schwingen. Damals wusste ich noch nicht, dass gelbweiß etwas mit dem Vatikan zu tun hat und dass der Leib des Herrn 1277 erstmals durch die Stadt Köln getragen wurde. Eines Tages brannte die Sonne so gnadenlos, dass ich umfiel und weggetragen werden musste. Unser Heiland war geschützt unter dem Baldachin. Damals wie heute trägt der Priester das Allerheiligste in einer Monstranz vor sich her. Die Freiwillige Feuerwehr sorgt für Ordnung, denn alle Pfarreien schicken Vertreter, alle Verbände und Orden, alle Stände. In Großstädten zeigen sich die Studentenverbindungen in vollem Wichs.
Die Ordensmäntel der Ritterorden wehen im Wind, und Polizisten, hoch zu Ross, flankieren das bunte Geschehen. Sogar Universitätsprofessoren werfen sich in die der Fakultät farblich entsprechenden Talare.
Was lange als Demonstration gegen andere christliche Konfessionen verstanden wurde, wird in Deutschland heute mancherorts ökumenisch begangen. Mehr und mehr wird das Konkurrieren der Konfessionen zugunsten einer gemeinsamen Erklärung oder einer gemeinsamen Haltung aufgegeben.
Besonders lebhaft geht es bei der Echternacher Springprozession zu, ein Highlight der katholischen Feierkultur.
Tanzen in der Liturgie? Was man nur in Afrika vermutet, lässt sich im Programmheft der Echternacher Basilika an Pfingstdienstag nachlesen: »Die Springgruppen 11-43 finden sich im Abteihof ein und stellen sich zu den ihnen zugeordneten Musikgesellschaften auf.« Das hört sich nach einer seltsamen Volksfrömmigkeit an. Die Prozession ehrt den Heiligen Willibrord, die ganze Stadt macht mit. Fast 9000 Menschen springen einige Schritte vorwärts und einige rückwärts – das gibt es nur im Katholischen. Der Dreisprung aus Echternach findet sich bereits in einer Sequenz des Benediktiners Berno von Prüm. Er war bis 1048 Abt im Kloster auf der Reichenau. Im Stundengebet hat er immer wieder auch den Schluss von Psalm 30 gebetet.
Höre mich, herr, sei mir gnädig! Herr, sei du mein Helfer!
Da hast du mein Klagen in Tanzen verwandelt, hast mir das Trauergewand ausgezogen und mich mit Freude umgürtet.
Religiöser Tanz als Ausdruck der Freude findet sich schon im Judentum. König David tanzte sogar vor der Bundeslade. Daran haben einige Zeitgenossen Anstoß genommen. Miesmacher gab es offenbar auch schon immer. Von Herzen feiert der, der sich darum nicht schert. //

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