Geführt vom Schöpfer

// theo. Katholisches Magazin. Ausgabe 04/2014

 

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Vor zehn Jahren gründeten Großmütter aus aller Welt die Bewegung »The international Council of  thirteen Indigenous Grandmothers«: Sie beten gemeinsam für die Heilung der Erde und den Frieden.

Text: Brigitte Haertel
Foto: (c) Grandmothercouncil

 

Jugend: Sie scheint die einzige gültige Währung in einer Welt, in der Leistung alles ist und Spiritualität und Weisheit wenig. Und doch waren es zu allen Zeiten die Alten, die durch die Erfahrungen des Lebens zu wichtigen Einsichten gelangten. »Alte« wollen sie heute nicht mehr genannt werden, lieber Senioren, was auf die Verweigerung des Altwerdens hindeutet. Großmütter hungern sich zu Model-Gewichten herunter und würden sich am liebsten als die Mütter ihrer Enkel ausgeben. In vielen Stammeskulturen der Erde ist das anders – der Eintritt ins Großmutter-Alter gilt als ehrenvoller Übergang in eine von Großherzigkeit und Spiritualität geprägte Dimension des Lebens.
Es war 2004, als sich 13 indigene Großmütter aus allen Himmelsrichtungen in einer gemeinsamen Vision zusammenfanden: Sie trafen sich auf dem Stammesgebiet der Irokesen im us-Bundesstaat New York, sie waren zwischen 60 und 86 Jahre alt, sie hatten alle Hautfarben, und ihre Verbindung lag in der des Gebens, der Liebe – sie waren Frauen des Gebetes und der Tatkraft, sie beteten für die Heilung der Erde und ihre Bewohner, für die nächsten sieben Generationen, sie beteten für das Gute und für die Harmonie mit allen Lebewesen. »Als wir uns das erste Mal trafen, teilten wir das Gefühl, vom Schöpfer geführt zu sein«, sagt Rita Long Visitor Holy Dance vom Stamme der Oglala Lakota (Sioux).
Seitdem haben sie sich alle sechs bis sieben Monate in der Heimat einer der Frauen zusammengefunden, sie reisten gemeinsam zum Dalai Lama und zu Papst Benedikt nach Rom, um den spirituellen Beistand der beiden Großgeistlichen zu erbitten. Die Zerstörung der Erde beunruhigt die Großmütter zutiefst: die Vergiftung der Luft, der Gewässer, die Gräueltaten der Kriege, die atomare Bedrohung, die wachsende Armut und die Herrschaft des Materialismus, die Epidemien und das Verschwinden der kulturellen Vielfalt, all das ist mit Geld und gutem Willen nicht mehr zu reparieren, meinen sie. Nur das gemeinsame kraftvolle Gebet, davon sind die Frauen überzeugt, kann diesen zerstörerischen Kräften entgegenwirken– sie beten zur Jungfrau Maria, zur Weißen Büffelfrau, zur Urmutter und zur Mondmutter und wissen doch um den einen Schöpfer, den Großen Geist, den die Weißen Gott nennen.
Ihren Auftrag, so sagt Großmutter Bernadette Reblenot aus Gabun, erhielten sie über eine gemeinsame Prophezeihung, und diese beziehe sich nicht auf eine ferne Zukunft: Die Zeit zu Handeln sei jetzt. »Wir müssen mit Lichtgeschwindigkeit in die richtige Richtung gehen«, sagt die Mutter von zehn Kindern und Großmutter von 23 Enkeln. Vor einigen Jahren war Bernadette nominiert für das Amt der Präsidentin von Gabun, doch die Politik, das ist ihre Meinung, kann die Probleme der Welt allein nicht lösen. Viele der Großmütter arbeiten in ihrer Heimat als Therapeutinnen, Heilerinnen, Kunsthandwerkerinnen und Erzieherinnen, Gewalt in ihren Dörfern ist an der Tagesordnung, ihre Qualitäten als Schlichterinnen daher unentbehrlich.
Die Botschaft der Großmütter ist klar und eindeutig: Lasst uns die Heiligkeit des Lebens nicht vergessen, lasst uns unserer Verantwortung als Hüter der Erde bewusst werden. Das dreizehnte Treffen der Großmütter brachte sie vor vier Wochen zusammen in Spearfish (US-Staat South Dakota). Aus der nahe gelegenen Pine Ridge Indian Reservation stammt eine der ältesten Großmütter, es ist Beatrice Long Visitor Holy Dance, die Schwester von Rita. Als Kind besuchte sie ein katholisches Internat, fühlt sich aber heute ebenso den traditionellen indianischen Riten und Glaubensvorstellungen verbunden.
Und so wachen sie weiter über das Schicksal des Planeten, beten und singen für Frieden und das Wohlergehen aller Lebewesen: Die weisen Großmütter mit den großen Herzen. //

 

Erklärung des internationalen Rates der 13 Großmütter

Wir sind dreizehn Großmütter aus ursprünglichen Kulturen, die sich erstmals vom 11. Bis zum 17. Oktober 2004 in Phoenicia im US-amerikanischen Staat New York trafen. Wir kamen aus allen Windrichtungen, um uns im Land der Irokesen zu versammeln. Wir kamen vom Polarkreis, aus dem Amazonas, aus den tiefen Wäldern des Nordwestens der USA, aus der nordamerikanischen Prairie, dem mexikanischen Hochland, den Black Hills in South Dakota, den Bergen von Oaxaca, der südamerikanischen Wüste, den tibetischen Bergen und aus dem zentralafrikanischen Regenwald.

Die gemeinsame Vision, ein neues globales Bündnis zu gründen, hat uns zusammengeführt. Wir sind der Internationale Rat der Großmütter. Durch unseren Zusammenschluss wurden unsere Stimmen zu einer. Unsere Verbindung ist eine des Gebets, der Bildung und der Heilung der Mutter Erde und all ihrer Bewohner.

Die Zerstörung der Erde beunruhigt uns zutiefst; die Vergiftung der Luft, der Gewässer und der Erde, die Gräueltaten des Krieges, die Bedrohung nuklearer Waffen und Abfälle, die wachsende Armut, die vorherrschende Kultur des Materialismus, die Epidemien, die die Menschheit bedrohen, die Ausbeutung der Urvölker, und die Zerstörung ursprünglicher Lebensformen.

Wir, der Internationale Rat der Großmütter, glauben, dass die ursprüngliche Art zu beten, zu heilen und Frieden zu stiften heutzutage von größter Notwendigkeit ist. Wir versammeln uns, um unsere Kinder zu umsorgen, sie auszubilden und zu erziehen. Wir versammeln uns, um die Traditionen am Leben zu erhalten und das Recht, pflanzliche Medizin einsetzen zu dürfen, einzufordern. Wir versammeln uns, um das Land unserer Völker, worauf ganze Kulturen angewiesen sind, zu beschützen. Wir versammeln uns, um das kollektive Erbe traditioneller Heilmethoden zu erhalten und die Erde an sich zu verteidigen. Wir glauben, dass die Lehren unserer Vorfahren uns den Weg durch eine unsichere Zukunft weisen werden. Wir schließen uns all jenen an, die die Schöpfung ehren und die für unsere Kinder, den Weltfrieden und die Heilung der Mutter Erde arbeiten und beten.

 

Unterzeichnerinnen:
Aama Bombo (Tamang/Nepal),  Margaret Behan (Cheyenne-Arapaho),  Rita Pitka Blumenstein (Yupik),  Julieta Casimiro (Mazatec),  Marie Alice Campos Freire (Brazil), Flordemayo (Mayan),  Tsering Dolma Gyaltong (Tibetan),  Beatrice Long Visitor Holy Dance (Oglala Lakota),  Rita Long Visitor Holy Dance (Oglala Lakota),  Agnes Baker Pilgrim (Takelma Siletz),  Mona Polacca (Hopi/Havasupai/Tewa),  Bernadette Rebienot (Omyene), and Clara Shinobu Iura  (Brazil).

 

Info:
http://www.grandmotherscouncil.org/

 

 

Brigitte Haertel. Chefredakteurin THEO

Brigitte Haertel. Chefredaktion
E-Mail: b.haertel@theo-magazin.de

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