Möhren wie Monster, Kartoffeln wie Herzen

// theo. Katholisches Magazin. Ausgabe 04/2014

 

Möhre. (c) Gemeinfrei. Quelle: Wikipedia

Lebensmittel gehören nicht in den Abfall.
Text: Markus Weckesser
Foto: Gemeinfrei. Quelle: Wikipedia.

Bei Lea Brumsack und Tanja Krakowski kommt alles auf den Tisch, was geerntet wird. Nichts wird passend gemacht, nichts wird weggeworfen. Die Berlinerinnen haben ein Herz für krumme Karotten, verformte Gurken, zu kleine Auberginen und anderes Gemüse, das von der strengen Norm abweicht. »Möhren sehen mal wie Monster aus und Kartoffeln wie Herzen«, sagt Tanja. »Wir sehen das Schöne im Unperfekten. Karotten, die kerzengerade wie Soldaten in der Plastikschale liegen, finden wir furchtbar.«
Mehrmals im Jahr feiern die beiden Frauen ein kleines Erntedankfest. Jedes Mal dann, wenn die auf den Biohöfen im Berliner Umland angebauten Pflanzen reif sind. Zum Beispiel Spargel und Radieschen im April, Rote Beete und Blumenkohl im Juli und Pastinaken im November. Lea (31) und Tanja (39) verwerten alles, was ansonsten im Schweinetrog oder auf dem Kompost landen würde. Ihr Motto lautet: »Esst die ganze Ernte«. Nichts soll verkommen. Was im Topf landet, wird sowieso kleingeschnippelt. In seiner ursprünglichen Form wird nur wenig angerichtet. So verarbeiten die jungen Frauen die geernteten Sonderlinge zu leckeren Suppen, Häppchen, Eingemachtem, Pesto, Marmeladen und Kuchen, die sie auf Märkten, Messen und anderen Veranstaltungen verkaufen. Mit Erfolg. Seit Juli 2014 bieten sie in einem eigenen Laden in Kreuzberg täglich wechselnde Gerichte, Salate und gebackene Köstlichkeiten an.
Wenn wir zum Erntedank den Altar mit den Gaben des Feldes schmücken, erfreuen uns prächtige und farbige Exemplare: Dicke Kürbisse, rote Äpfel, saftige Trauben und kunstvoll geflochtene Garben bieten ein prächtiges Bild. Doch über den Hintergrund der Lebensmittel, wie und wann sie wachsen, wissen wir nur sehr wenig. Denn unseren Bedarf decken wir wie gewohnt ganz einfach im Supermarkt oder im Bioladen. »Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen«, heißt es im Buch Genesis (3,19). Damit ist die Feldarbeit gemeint. Aber auf den Acker geht hierzulande niemand mehr. Früher haben 80 Prozent der Bevölkerung auf dem Land gearbeitet. Heute sind es nur noch die Bauern.
Und die haben schwer um ihre Existenz zu kämpfen: gegen die Auswirkungen des Klimawandels, Börsenspekulationen mit Lebensmitteln und rigide Normen, die genau vorschreiben, wie Obst und Gemüse aussehen müssen. Wehe, die Pilze sind nicht rechtwinklig abgeschnitten und wehe, die Kohlköpfe sind nicht groß genug. Dann weigern sich die Großhändler, die Ware abzunehmen. Der anspruchsvolle Kunde wünscht nun einmal perfekte Formen. Keine Stippen, keine Dellen. »Wir müssen wieder lernen, den Formenreichtum der Natur zu wertschätzen«, halten Lea und Tanja dagegen. Recht haben sie. Jährlich werden in Deutschland elf Millionen Tonnen Lebensmittel vernichtet. Jeder Bürger wirft durchschnittlich 81,6 Kilo Obst und Gemüse in die Grüne Tonne. Angesichts dieser Zahlen könnte uns die Lust an Erntedank vergehen. Und nur, weil immer alles perfekt sein soll. Machen wir uns da nicht gehörig etwas vor? Was ist denn in der Realität schon so perfekt wie in der Werbung? Wir selbst sind es wohl am allerwenigsten.
»Was der Mensch sät, wird er ernten«, heißt es im Galatherbrief (6,7). Anders gesagt: Es liegt an uns, wie wir mit der Schöpfung umgehen. Auch daran möchte uns das Erntedankfest erinnern. //

Info:
http://www.culinarymisfits.de/

 

 

Von Markus Weckesser. theo-Redakteur.

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