theo-Impuls: Niemand darf wegsehen.

// theo. Katholisches Magazin. Ausgabe 04/2014

 

Die Hälfte der Bevölkerung Syriens ist auf der Flucht

Der goldene Herbst ist da, vorbei die Tage, an denen ein T-Shirt reichte. Draußen zu sein ist eine Ursehnsucht des Menschen, es sei denn, er ist auf der Flucht. In der Bibel erfahren wir wie es der Heiligen Familie ergangen ist. Ein Engel fordert Joseph auf, mit Frau und Kind nach Ägypten zu flüchten: »Bleibe dort, bis ich es dir sage! Denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten.« Josef tut, was ihm gesagt wird. Er zögert nicht. Er flieht, wie die Christen aus dem Nord-Irak fliehen. Von einem selbstbestimmten Leben kann keine Rede sein. König Herodes sieht im Kind Jesus den König der Juden. Diesen Feind will er vernichten. Viele Künstler haben den grausamen Kindermord zu Bethlehem ins Bild gebracht, heute kursieren Enthauptungsvideos. Ein Königreich oder ein Kalifat sollte nicht als System dienen, Menschen zu unterdrücken. Schon seit Monaten teilen Christen und Jesiden ein ähnliches Schicksal. Sie sind auf der Flucht vor den Schergen, deren Befehlshaber in einem Teil Syriens und im Nordirak, im Gebiet der Kurden, ein Kalifat errichten wollen. Tausende Familien, die den brutalen »Gotteskriegern« entfliehen, blicken in eine ungewisse Zukunft.
Der Tag, an dem ich diese Zeilen schreibe, ist das Fest der Enthauptung Johannes des Täufers. Wer hätte gedacht, dass heute noch so etwas geschehen könnte? Viele Staaten denken jetzt über ein militärisches Eingreifen nach. Verteidigung ist der einzige Weg, die fanatischen Eiferer von ihrem Plan abzuhalten, das räumt mittlerweile auch der Vatikan ein. Dennoch bleibt er bei seiner Position, die Kirche könne niemals einen Krieg gutheißen. Polen fordert unterdessen mehr Einsatz von der Nato.
Es ist für die meisten Europäer unmöglich, die komplizierten Zusammenhänge im Irak oder Palästina oder anderen Krisengebieten zu durchschauen. Was uns aber sehr wohl möglich ist: Immer wieder für die Flüchtlinge dieser Welt zu beten, sie gegebenenfalls auch mit Spenden zu unterstützen.
Im Buch Jesus Sirach (35,6f.) findet sich ein Abschnitt über Opfer und Gebet: »Freigiebig ehre den Herrn, nicht gering sei die Gabe in deinen Händen. Bei all deinen guten Werken zeig ein frohes Gesicht und weihe deinen Zehnten mit Freude! Wie Gott dir gegeben hat, so gib auch ihm, freigebig und so gut, wie du kannst. Denn er ist ein Gott, der vergilt, siebenfach wird er es dir erstatten.«
Die Großzügigkeit beginnt da, wo es weh tut. Selbst, wenn wir als Christen den Glauben mit den Jesiden nicht teilen, dürfen wir nicht zögern, auch ihnen zu helfen.
Die Jesiden glauben, dass die Welt gut sein muss. Ihrem Schöpfungsmythos entsprechend, lebte Gott einst in einer Perle, die auf den Hörnern eines Bullen ruhte, der auf dem Rücken eines Fisches stand; die Perle aber zersprang, und die Welt entstand – aus Gott. Dieser Mythos wird mündlich weitergegeben. Die vollständige Lehre kennen nur die Priester. Ihren Glauben können die Jesiden jetzt nur noch im Exil leben. Sie erkennen Moses, Jesus und Mohammed als Propheten an, ebenso wie die Bibel und den Koran. Die Beschneidung praktizieren sie ebenso wie die Taufe und die Einhaltung bestimmter Speisegesetzte.
Auch die Sonne und der sogenannte Pfauenengel werden verehrt. Ihn habe Gott aus seinem Licht erschaffen. Der Pfau wirkt als Stellvertreter Gottes, und der Gründer der Jesiden, Scheich Adi (1075-1162), ist wiederum eine Inkarnation des Pfauenengels. Das Grab des Gründers ist im Lalisch-Tempel im Nordirak beherbergt. Was damit in Zukunft geschieht, bleibt ungewiss.
Wo werden die geflüchteten Menschen aus dem Nord-Irak unterkommen? Die Türkei hat schon 1,4 Millionen Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen. Wie lange wird die Bundesregierung noch warten, endlich größere Flüchtlingsströme aus den aktuellen Krisengebiete aufzunehmen? Kann der Westen sich solche Überschriften leisten: »Mehr als 50 Flüchtlinge ertrinken vor libanesischer Küste« (31. August 2014)?
Die Wanderungsbewegungen der Spätantike im nördlichen Mittelmeerraum sowie in West- und Mitteleuropa Ende des vierten Jahrhunderts liegen weit zurück. Es scheint, als seien wieder viele Völker in Bewegung. Da kann niemand einfach wegschauen: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.« So lesen wir in der Tora und im Evangelium.
Gottseidank! //

 

Pater Georg Maria Roers (Bild: Sankt Michaelsbund)

Georg Maria Roers, SJ
Spiritueller Berater und theo-Kuratoriumsmitglied
E-Mail: georgmaria.roers@erzbistumberlin.de

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