Nie mehr Kopfsalat

// theo. Katholisches Magazin. Ausgabe 05/2014

Pierre Stutz. Fotograf: Stefan Weigand Pierre Stutz. Fotograf: Stefan Weigand

Der Schweizer Pierre Stutz (61) hat vor elf Jahren sein Priesteramt niedergelegt, um seine Homosexualität zu leben: Heute ist er als Autor und spiritueller Lehrer hochgeachtet.

TEXT: BRIGITTE HAERTEL
FOTOS: STEFAN WEIGAND

 

Das Allgäu ist eine Region, in dem das Katholische esoterischen Weltdeutungen Platz machen musste. In den Kirchen mühen Priester aus Polen oder Indien vor kaum besetzten Bänken sich mit der deutschen Sprache. Kräuterfrauen und Mondanbeter, Pendelschwinger und Handaufleger stiften Sinn zwischen Schwäbischer Alb und Bodensee.
Auch der ehemalige katholische Priester Pierre Stutz, heute landauf landab als »Spiritueller Lehrer« auf den Beinen, bedient sich in seinen Vorträgen und Schriften bisweilen jener Formeln, die in bewusstseinserweiternden Reiki-Kursen den Himmel auf die Erde rufen sollen: »Atempause für die Seele«, »Sein im Hier und Jetzt«, »Versöhnung mit dir selbst«. Jedoch sind Bibel und Theologie Leitfäden seiner Lektionen für Sinnfinder, von denen sich heute Abend im Kursaal von Oberstaufen etliche versammelt haben.
Sie sind gekommen, um Pierre Stutz zu lauschen: Junge und Alte, Männer und Frauen und auch zwei Ordensschwestern interessieren sich für das Thema: ›Versöhnung von Spiritualität und Sexualität‹. Stutz spricht mit sanfter Stimme von »der lustvollen Kraft, die in unserer Geschlechtlichkeit angelegt ist und die zur Entfaltung kommt im erotischen Spiel der Liebenden«. Stille im Saal. Wie jeder Vortragskünstler weiß Stutz um die Dringlichkeit der Dramaturgie: Erste Lockerungsübungen thematisieren die »Kopfsalat-Spiritualität der meisten Menschen«, denn der Kopfsalat habe das Herz im Kopf. Gelächter. Später werden zwei Hildegards zu CD-Klängen von der Liebe künden: die von Bingen und die Knef. Zustimmendes Nicken im Saal.
Die Kernthese von Pierre Stutz: Jeder und jede Einzelne muss seinen/ihren spirituellen Weg finden, um ihn befreiend leben zu können. Dieser Weg führt über Achtsamkeit, die Auseinandersetzung mit den seelischen Verletzungen hin zur Versöhnung – auch mit dem eigenen Körper. Die von den Kirchen über Jahrhunderte gepredigte Leibfeindlichkeit nennt Pierre Stutz fatal. Wer ist dieser Mann, der Hallen füllt und über eine Million Bücher verkauft hat? Er wird 1953 im schweizerischen Hägglingen geboren, wächst mit drei Geschwistern auf, das Leben der Familie inmitten sanfter Hügel und schmucker Dörfer ist kirchlich geprägt. Als er 15 ist, erwacht in dem Jungen die Libido, er will nicht wahrhaben, dass er homosexuell fühlt, ein Leben im Kloster scheint die Rettung zu bringen: »Mit diesem Schritt wollte ich unbequemen Fragen zuvorkommen wie: Warum hast du keine Freundin?«, erzählt Stutz beim Interview im Ortskern von Oberstaufen. Doch ein Leben als stiller, dem Gehorsam verpflichteter Mönch ist seine Sache nicht.
Er will gestalten, Dinge verändern, tritt mit 20 als Novize ein in den von Jean-Baptiste de La Salle (1651-1719) gegründeten französischen Männerorden Frères des Ecoles Chrétienne in Neuchâtel. Nach vier Jahren treibt es ihn wieder fort, ihm ist klar: Er will Theologie studieren, Priester werden.
Im Saal in Oberstaufen steigt derweil die Temperatur an, der warme Spätsommer draußen will dem Herbst nicht weichen, die ersten Zuhörer wischen sich den Schweiß aus dem Gesicht, und Pierre Stutz sagt: »Leidenschaftlich ein Leben lang Gott in allem suchen ist ohne Erotik nicht möglich.« 1985, mit 32 Jahren, wird Pierre Stutz zum Priester geweiht. »Ich dachte, dann lebe ich halt zölibatär, damit ist das Problem gelöst, aber das funktioniert eben nicht!«
Offiziell darf es schwule Priester in der katholischen Kirche nicht geben, aber die Wirklichkeit ist eine andere als die reine Lehre. »Ich habe es verdrängt, aber nicht so, dass ich täglich darunter gelitten hätte. Ich wollte nicht homosexuell sein, wollte nicht zu dieser Minderheit gehören.«
Schon seit dem Studium macht er sich stark für junge Menschen in Lateinamerika, es folgen Stationen als Jugendseelsorger in Fricktal und Zürich. »Die meisten Priester arbeiten nicht gern mit Jugendlichen zusammen, weil sie Angst haben vor hartnäckigen Fragen, man ihnen nicht einfach das Lehrgebäude herunterbeten kann«, sagt Pierre Stutz.
Er setzt sich für eine offene Kirche ein, die näher bei den Menschen ist, für eine neue Sprache in der Jugendpastoral, er ballert sich zu mit Arbeit, um nicht hören zu müssen, wie es aus seiner Tiefe schreit. Eine heimliche Beziehung kommt nicht infrage, »zu einer solchen Grenzüberschreitung wäre ich nicht fähig gewesen«.
Weiter drängt er nach vorn mit neuen Projekten, Texten und Ideen. Es kommt Anerkennung aus Kirchenkreisen, aber auch Kritik. »Da krähte ein aufgeblasenes Ego nach Aufmerksamkeit«, schimpft ein ehemaliger Kollege noch heute hinter ihm her.
»Was ich damals anregte, deckt sich exakt mit dem, was Papst Franziskus heute will«, erklärt Stutz sich heute. 1992 bricht der Workaholic zusammen: »Ich konnte nicht mehr, vor allem nicht mehr schlafen.« Ein Benediktinerpater, der auch Psychotherapeut ist, begleitet ihn über zwei Jahre hinweg. »Ihm und mir konnte ich endlich sagen: Ich bin schwul!«
Das große Wort ist ausgesprochen, als Banner steht es über ihm.
Doch er macht weiter, lebt den Zölibat jetzt in der Gewissheit, ein homosexueller Mensch zu sein. Eine Weile trägt ihn sein Eingeständnis, Flügel verleiht es ihm nicht. Im Gegenteil: Schon bald erheben die inneren Plagegeister sich erneut, bis sie ihn irgendwann in die Tiefe ziehen: »Da war nur ein einziger Schrei in meiner Seele und: Depression, ich bin fast daran zerbrochen.«
Stutz will unbedingt Priester bleiben, andererseits nicht wirklich zu seiner Homosexualität stehen. Verzweifelt fängt er an zu schreiben, gründet das offene Kloster Abbaye de Fontaine- André und ahnt doch, dass er sich entscheiden muss, irgendwann! Er tritt dem Schweizer Verein »Schwuler Priester « bei, die 80 Mitglieder wollen anonym bleiben, und er wird der Einzige sein, der sich outet.
Heute versteht er all die schwulen Männer, die mit Frauen verheiratet sind, ihr Schwulsein nicht wahrhaben wollen, und er versteht all die Priester, die sich nicht outen, weil sie ihre Arbeit verlieren und sich deswegen etwas vormachen: »Man denkt ja: Wenn ich mir nur tüchtig Mühe gebe, kann ich es unterdrücken.«
Natürlich versteht er auch all jene Priester, die eine heimliche Beziehung zu einer Frau haben. »Dass ein priesterlicher Mensch wählen muss zwischen seiner seelsorgerischen Arbeit und einer Beziehung, das ist ein echtes Dilemma, diese Wahl dürfte es nicht geben.«
2002 hält er den Leidensdruck nicht mehr aus, doch noch hält ihn die Furcht umklammert: Furcht vor dem Verlust seiner Arbeit, seines Verlags, seines kirchlichen Umfelds. Freunde raten ihm ab von dem geplanten Bekenntnis, er solle sich doch eine Nische schaffen. Stutz sprengt die Ketten der Angst. »Ich sagte mir, dann arbeite ich eben als Tellerwäscher.«

[…]

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Weitere Informationen
www.pierrestutz.ch

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