theo-Impuls: Muss überall Licht ins Dunkel?

// theo. Katholisches Magazin. Ausgabe 05/2014

In der Adventszeit bereiten wir uns auf das Fest der Liebe vor. Dem Dunkeln stellen wir das Licht der Kerzen entgegen, leider auch die lästige Weihnachtsmusik in den Kaufhäusern. Wir hoffen auf ein bisschen mehr Liebe unter den Menschen. Im Englischen wird das Wort Liebe nicht einmal mehr ausgeschrieben: Lyou! So geht die Liebeserklärung per sms. Was aber verbirgt sich dahinter? Die Sehnsucht nach Zweisamkeit und Zurückgezogenheit?
Die Werbung nutzt die Sehnsucht nach romantischen Gefühlen aus: Kerzen im Bad, umnebelt von entsprechendem Sound – mit diesem Motiv kann für fast alles geworben werden, nicht bloß für eine Hochzeitsreise auf eine einsame Insel. Jetzt in der Nachsaison sind die Nord- und Ostseeinseln beliebte Reiseziele der Deutschen. Nicht nur deswegen, weil sie mal so richtig tief durchatmen können, auch die überreizten Sinneswahrnehmungen der Großstädte treiben sie fort.
Das Meeresrauschen kitzelt anders die Sinne, trotz der Dunkelheit ist hier mehr zu sehen. Das Flimmern der städtischen Lichtquellen und Leuchtreklamen hat uns blind gemacht für die Schönheit der Natur. Statt an die See lässt es sich auch an andere Orte fliehen. Dorthin, wo man noch träumen und die Sterne zählen kann. Achtzig Kilometer westlich von Berlin gibt es einen Sternenpark, von der International Dark Sky Association (ida) im Februar 2014 zum Naturpark Westhavelland erklärt. Auf nach Lochow! Sie können in klaren Nächten den Sternenhimmel, die Milchstraße und andere schwache Himmelskörper beobachten. Mit Fernrohr oder mit bloßem Auge! Weltweit lässt es sich in zweiundzwanzig Sternparks staunen, und neben Umweltschützern machen immer mehr Sternenhimmelschützer auf sich aufmerksam, die nachhaltiges Licht fordern!
Die Weisen aus dem Morgenland hätten heutzutage dem Stern nie folgen können, der sie nach Bethlehem geführt hat, zur Geburtsstätte Jesu.
Warum nicht? Die Lichtsünden nicht nur in unserem Land nehmen stetig zu, und zwar um ca. 6 % pro Jahr! Unsere Städte sind heute zehnmal heller als vor hundertfünfzig Jahren. Doch Lichtsmog kann man verhindern, Augsburg ist Vorreiter mit gelben Natriumdampflampen. Das Licht der Straßenlaternen wird jeden Abend stufenweise gedimmt. Im Laufe der Nacht geht der Stromverbrauch num 40 % herunter. Die neuen led-Lampen haben eine Lebensdauer von zehn Jahren und spenden warmes, weißes Licht.
Wir Menschen denken die Dinge oft nicht zu Ende. Freilich ist es ein Fortschritt, wenn wir die Nacht zum Tag machen. Aber sollten wir das nicht auf unsere eigenen vier Wände beschränken? Die Stadt und das Dorf sind öffentlicher Raum, viele Menschen möchten das Dunkel der Nacht noch erleben, damit sie sich regenerieren können. Wir denken nicht darüber nach, dass Insekten Straßenlaternen mit dem Mond verwechseln und zu Billionen sterben, u.a. Nachtfalter, die wir untertags bewundern. Vögel, Fledermäuse und Fische brauchen Nahrung. Straßenlampen ziehen Insekten an wie ein Staubsauger den Dreck. Es wird weder eine Welt ohne Insekten für uns Menschen geben, noch eine Welt ohne Sterne. Die Kinder singen am Sankt Martinstag: »Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne.« Im Kindergarten ist das ja bereits verboten. Wir sollten achtsamer sein. Nicht nur die Artenvielfalt am Himmel und auf Erden ist für den Menschen überlebenswichtig, sondern auch die Vielfalt der religiösen Ausrichtung. Freuen wir uns auf die Geburt des Herrn. //

 

Pater Georg Maria Roers (Bild: Sankt Michaelsbund)

Georg Maria Roers, SJ
Spiritueller Berater und theo-Kuratoriumsmitglied
E-Mail: georgmaria.roers@erzbistumberlin.de

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