Der Stern von Bethlehem

// theo. Katholisches Magazin. Ausgabe 05/2014

 

Kinderhilfe Bethlehem Kinderhilfe Bethlehem

TEXT: VERA SCHNEIDER

»Wir sind da«, steht auf der Glasfassade des Eingangs zur Ambulanz. Es war der Schweizer Pater Ernst Schnydrig, der in der Geburtsstadt Jesu vor über 60 Jahren gemeinsam mit einem Arzt und einer Krankenschwester das Caritas Baby Hospital gründete.
Im Wartesaal herrscht großer Andrang. Ärzte und Schwestern eilen mit Krankenakten durch die Flure, wie auch Chefärztin Hiyam Marzouqa. Sie ist so etwas wie das Gesicht des Hauses, seit 25 Jahren arbeitet die Christin hier, kämpft gegen armutsbedingte Unterernährung der Kinder, gegen Gelbsucht und Lungenentzündung, Asthma und Erbkrankheiten. Den Missbildungen, die Folge der verhängnisvollen Tradition des Untereinander-Heiratens, sind meist nur mit chirurgischen Eingriffen beizukommen.
Für Operationen auf der israelischen Seite müssen die Ärzte und Helfer etliche Hindernisse überwinden. »Durch die Checkpoints haben wir große Schwierigkeiten, kranke Kinder in israelische Krankenhäuser zu überführen«, sagt Hiyam Marzouqa. Die Gewaltausbrüche im Gaza-Streifen forderten in diesem Jahr wieder etliche Todesopfer. Bethlehem, von einer acht Meter hohen Mauer umgeben, war zwar nicht direkt betroffen, aber die Lebenssituation hier bleibt angespannt, nicht nur durch die bedrückende Umgebung.
Hiyam Marzouqa ist ein Kind der Stadt, hier geboren und aufgewachsen. In Deutschland studierte sie Medizin und kehrte als Ärztin nach Palästina zurück. Ihrem Vater musste sie damals versprechen wiederzukommen, dafür ist sie ihm dankbar. »Wir palästinensischen Christen haben das Privileg, dort zu leben und zu beten, wo Jesus als Mensch gewirkt hat. Wie viele Menschen träumen davon, einmal den Stern in der Krippe zu berühren! Für mich ist das jeden Tag möglich. Das ist ein Geschenk.«
Im Babyhospital mit seinen 82 Betten werden jedes Jahr zigtausende Kinder behandelt, vor allem aus armen Familien der Region, die Kleinen sind wenige Tage bis maximal 14 Jahre alt. »Wir weisen niemanden ab. Es gibt bei uns eine Regel, die besagt: Solange jemand in unsere Betten passt, nehmen wir ihn auch stationär auf«, sagt Hiyam Marzouqa, die mit insgesamt 250 Mitarbeitern auch die Mütter der zu behandelnden Kinder betreut und sie dort übernachten lässt.
Sie ist selbst Mutter zweier Söhne, 1990 hat sie als Assistenzärztin begonnen, das Babyhospital ist heute, wie ihre Söhne, erwachsen geworden. Zur Klinik gehören ein Sozialdienst, der Hausbesuche und Nachbehandlungen durchführt, aber auch ein Fortbildunsgzentrum für Mütter. »Diese Hilfe zur Selbsthilfe erweist sich im Vergleich zu finanzieller Unterstützung als nachhaltiger, befähigt sie doch zu mehr Selbstverantwortung«, sagt Hiyam Marzouqa.
Immer wieder betont sie den ihr wichtigsten Aspekt ihrer Arbeit – den der Nächstenliebe: »Meine Arbeit als Ärztin ermöglicht mir, für andere Menschen da zu sein. Ich kann Kindern helfen, die sonst keine Hilfe bekommen würden. Das ist ein sehr befriedigendes Gefühl.« Damit eine Frau in der palästinensischen Gesellschaft Verantwortung übernehmen kann, braucht sie Eltern, die ihr Bildung und Ausbildung ermöglichen. Hiyam Marzouqa hatte dieses Glück, dennoch erlebt sie täglich, dass es Frauen schwerer haben im beruflichen Alltag.
»Auf der anderen Seite kenne ich nun auch viele andere Frauen, die Großartiges für unser Volk leisten. Wir schließen uns zusammen und tauschen uns aus. Auch das gibt mir Kraft«, sagt Marzouqa. Eine Sternstunde ihres Lebens war der Besuch von Papst Benedikt xvi. im Babyhospital 2009. Noch heute erzählt sie mit strahlenden Augen: »Dass der Papst unsere Arbeit gesegnet hat, das war für uns ein großes Glück.«
Dass sich politisch etwas ändert, dass etwa die Mauer fällt, daran glaubt in Bethlehem niemand mehr. Die Situation ermutigt die ausgewanderten Palästinenser keineswegs zur Heimkehr. Hinzu kommen die täglichen Schreckensmeldungen aus den arabischen Ländern. Aber aufgeben kommt für Hiyam Marzouqa nicht infrage, hat doch das Babyhospital große Strahlkraft für die ganze Region: »Ich kann mir Bethlehem und das Westjordanland ohne das Krankenhaus nicht vorstellen«. //

Weitere Infos:
www.kinderhilfe-bethlehem.de
Spendenkonto
Postbank Karlsruhe
Kontonummer 7926755
BLZ 660 100 75

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