theo-Impuls: Von Lügen und Halbwahrheiten

// theo. Katholisches Magazin. Ausgabe 01/2015

Der Film Exodus: Götter und Könige von Ridley Scott kam Mitte Dezember 2014 in die Kinos, Hollywoods Großmeister der Regie hat das Zweite Buch der Bibel eindrucksvoll ins Bild gesetzt, opulente Szenen waren wichtiger als theologische Spitzfindigkeiten. Herausgekommen ist ein Actionfilm mit viel Blut, das unter anderem während des Exodus der Hebräer an Türen haftet (Passahfest) und während der sieben Plagen den Nil rot färbt. Der Pharao will seine Sklaven nicht ziehen lassen. Warum soll er an Gott glauben? Er glaubt an sich selbst, denn er versteht sich ja als ein Gott, lässt sich als solcher verehren. Moses dagegen ist ein Findelkind, wird aber wie ein Prinz im Palast des Königs erzogen. Als der Pharao ahnt, dass Moses vom Stamm der Hebräer ist, fragt er ihn aus. Moses verschweigt eine Weile die ganze Wahrheit. Erst als seine Schwester Miriam mit dem Schwert bedroht wird, bekennt er sich als Jude.
Dürfen wir Menschen also nur in besonderen Situationen unseren Gesprächspartnern die ganze Wahrheit vorenthalten? Das gilt in höchster Not, und wir müssen dabei kein schlechtes Gewissen haben. Im Gericht muss der Angeklagte sich nicht selbst belasten. In jedem Krimi hören wir bei einem Zugriff der Polizei: »Sie haben das Recht zu schweigen. Alles was Sie sagen, kann und wird vor Gericht gegen Sie verwendet werden.« In der christlichen Tradition gibt es dazu den Begriff der reservatio mentalis oder innerer Vorbehalt, der die Wahrhaftigkeit nicht antastet.
Auch der Islam kennt diese Ausnahme, wenn es um die Wahrheit geht. Ist sein Leben unmittelbar bedroht, muss ein Muslim seinem Gegenüber den Glauben nicht offenlegen. Er kann auf ein lautes Bekenntnis verzichten. Dem Peiniger auch noch einen Vorwand dafür zu geben, den Gläubigen zu verurteilen, ist sittlich nicht gefordert. Dieses Konzept des Überlebens in lebensgefährlichen Situationen wird im Islam mit dem Begriff der Takiya diskutiert. Oft haben sich Schiiten auf die Takiya berufen, da ihnen von den Sunniten oftmals verboten wurde, ihren eigenen Traditionen nachzugehen.
In allen drei monotheistischen Religionen gibt es also legale Auswege in besonderen Konfliktsituationen, um das Gewissen rein zu halten. Manchmal ist der Betreffende auch gar nicht dazu in der Lage, die ganze Wahrheit zu sagen. Wenn ein 16-jähriger Junge das Auto seines Vaters »geklaut« hat und am nächsten Tag zur Rede gestellt wird, steht er unter Schock, sodass er vermutlich schweigen wird. Auch wenn es sich dabei nicht um eine Notsituation handelt, wird der Vater letztlich Erbarmen haben müssen mit seinem Zögling.
Journalisten sollen sich dagegen bemühen, möglichst die ganze Wahrheit zu schreiben. Wie aber kommt dann das Wort des Jahres 2014 zustande? Lügenpresse! Aber vielleicht ist da nichts Wahres dran?! //

 

Pater Georg Maria Roers (Bild: Sankt Michaelsbund)

Georg Maria Roers, SJ
Spiritueller Berater und theo-Kuratoriumsmitglied
E-Mail: georgmaria.roers@erzbistumberlin.de

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