„Ich lese Holz“. Bildhauerin Kristina Johlige Tolstoy im Portrait.

Kristina Johlige Tolstoy. Foto: BERT HEINZLMEIER

// theo. Katholisches Magazin. Ausgabe 02/2015

 

Angekommen im Allgäu und in der Kunst: Die Bildhauerin Kristina Johlige Tolstoy, Ururenkelin des russischen Dichters, schafft Werke voller Poesie und Geheimnis.

Text: Brigitte Haertel
Fotos: Bert Heinzelmeier

 

Baudelaires berühmtes Gedicht Le Voyage (die Reise) beschwört den Aufbruch zum Unbekannten als Erfahrung eines unerhört Neuen. Kristina Johlige Tolstoy (47) hat viele solcher Aufbrüche hinter sich gelassen wie auch die Illusion, dass man Gepäckstücke, die Kindheit und Familie heißen, einfach an irgendeiner Station zurücklassen kann. Seit ein paar Jahren ist sie wieder im Allgäu angekommen, lebt wenige Kilometer von ihrem Elternhaus entfernt in einer alten, ehemaligen Uhrenfabrik, und wenn sie überhaupt von Ankommen spricht, dann kann sich das nur auf ihre Kunst beziehen.
Kristina Johlige Tolstoy arbeitet mit Holz, schnitzt Skulpturen oder gießt sie aus Gips, in jüngster Zeit gesellen sich zu den stillen Gesichtern auch Reliefbildnisse, in denen sie Materialien aus der Natur verarbeitet – Blätter, Blumen, Gräser oder Weidekätzchen.
So natürlich wie ihre Materialien tritt sie selbst in Erscheinung: Ihre Stimme hat eine milde Temperatur, und in ihren sehr blauen Augen ruht das Wissen, dass das wirkliche Zuhause des Menschen in seinem Innern zu finden ist. Das erzählen auch die von ihr erschaffenen Köpfe mit Gesichtern rätselhafter Fabelwesen, die still von den Wänden des Präsentationsraumes auf das Geschehen blicken. Ebenso still, beinahe scheu führt Kristina Johlige Tolstoy durch ihre neuesten Arbeiten.

So wie nach Michelangelos Ermessen sein David schon als Idee in dem Marmor schlummerte und nur noch aus ihm befreit werden musste, so scheinen die Gesichter im Raum aus dem Holz hervorzutreten wie aus einem sehr langen Dornröschenschlaf. Ganz nah und doch entrückt. Gesichter aus einer anderen Zeit, nicht aus einer anderen Welt. Aus einer Zeit vielleicht, in der die Stille noch unter den Menschen war.
Einige dieser Gesichter hat die Künstlerin mit der uralten Technik der Fassmalerei farbig gestaltet, und so mancher Betrachter fürchtet sich vor den leicht abwesenden Blicken der manchmal zweigeschlechtlichen Wesen, andere wiederum fühlen sich von den scheinbar wundersamen Madonnenantlitzen magisch angezogen – das alles hat die Künstlerin an Reaktionen erfahren.
»Ich mache natürlich etwas, das meinem Gefühl entspricht, und da kommt es auf den Betrachter an und darauf, was meine figürlichen Arbeiten ihm erzählen«, sagt sie. »Wenn Menschen Angst vor ihnen haben, frage ich mich, was geht in diesen Menschen vor?« Von Ängsten versteht sie etwas, wie jeder wirkliche Künstler etwas davon versteht.
»Meine größte Furcht war es, meine Arbeiten zu zeigen, diese Fähigkeit musste sich erst langsam entwickeln, es ist ja ein bisschen so, als würde ich mein Innerstes nach außen kehren.« Sie hat gelernt: Wo die größten Ängste liegen, liegt auch das Potential für jedwede Weiterentwicklung, und wer diese Ängste durchlebt, sie betrachtet, entdeckt in ihnen Quellen der Kraft, vielleicht!
Kristina Johlige Tolstoy, mit diesem Namen wird sie, wen wundert es, stets auf ihren berühmten Vorfahren, den Dichter Leo Tolstoi zurückgeworfen. Als eigenständige Künstlerin habe sie den Namen lange Zeit als Bürde empfunden (der je nach Herkunftsland in verschiedenen Schreibweisen existiert). Und weil sich nur wandeln lässt, was der Mensch annimmt, wurde ihr der Name inzwischen zur Inspiration, gehört zu ihr wie das Gebirge zum Allgäu: Mal versperrt es, tief verhangen, die Sicht auf das große Ganze, ein anderes Mal gestattet es weite Ausblicke aus glitzernden Höhen. Eine solche Höhe durfte sie 2010 erklimmen, gemeinsam mit ihrer Mutter Elisabet, der Enkelin von Tolstois drittem Sohn. Beide fuhren zum Familientreffen auf das Gut Jasnaja Poljana nahe Moskau – Anlass war der 100. Todestag des Meisterdichters. Das schöne Landgut mit dem als Museum erhaltenen Herrenhaus, den Ställen, Wäldern und dem schlichten Grab des Schriftstellers auf einer schattigen Lichtung, das alles ist das unumstößliche Symbol eines Weiterlebens der Geschichte, die stärker ist als Revolutionen und äReformen. […]

Ende der Onlineleseprobe.

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