theo-Impuls: Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?

// theo. Katholisches Magazin. Ausgabe 02/2015

»Die Volksbühne war eine kultische Heimat, die mir Schutz gegeben hat … Die Volkbühne war ein Ort, an den man gern zurückkehrte. Das wird sich verändern. Die Kirche wird geschlossen werden.« Diese erstaunlichen Sätze von Frank Castorf über ein Theater in Berlin konnten wir in der zeit vom 15.3. lesen und zwar unter der ironischen als Überschrift ausgewiesenen Frage, ob nach 25 Jahren schon Schluss sein solle? Der Stern des Kultregisseurs scheint zu sinken. Er selbst sieht das ganz anders. Er freut sich darüber, dass seine Interpretation von Brechts Baal, die am Residenztheater in München am 15.1.15 Premiere hatte, von Brechts Erben verboten wurde. Das habe er das letzte Mal in der ddr erlebt. Das Stück ist ein letztes Mal im Mai beim Theatertreffen in Berlin zu sehen. Vermutlich wird dieserBaal, wie im politisch korrekten Preis-Verleih-Karussell üblich, Stück des Jahres 2015 werden. Worum geht es? Das Residenztheater kündigt es so an: »Ein Mann, nicht mehr ganz jung, noch lange nicht alt, ein Dichter, Trinker, Freund und Verräter, Liebhaber und Mörder, ein biblisches Vieh. Er zieht durch Kneipen und Felder, Betten und Wälder, den Blick im Himmel, die Finger im Fleisch.« Der zwanzigjährige Brecht wollte provozieren am Ende des großen Krieges, zu Beginn der Räterepublik 1918: »Du musst das Tier herauslocken.«
Weder Brecht war ein frommer Kerzenschlucker, noch Castorf. Aber für Brecht ist die Bibel Lieblingslektüre, während für Castorf das Theater eine Kirche ist. Welche Art von Gottesdienst hat er in all den Jahren auf die Bühne gebracht? Tatsächlich hat Castorf in Berlin eine große Gemeinde versammelt. Jung und Alt lieben die Dynamik im Haus, dessen Spielplan aber unübersehbare Löcher hat. Kann ein Theater eine Kirche ersetzen? Nein! Es sei denn, man verwechselt Kunst mit Religion.
Der Lyriker Jan Wagner hat gerade im März den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen. Man kann das Gedicht »hamburg – berlin« online hören: www.lyrikline.org. Hier gibt die Literaturwerkstatt Berlin den Autoren eine Stimme im Netz.

Das Gedicht geht so:

»der zug hielt mitten auf der strecke.
draußen hörte /
man auf an der kurbel
zu drehen: das land lag still /
wie ein bild vorm dritten schlag des auktionators.

// ein dorf mit dem rücken zum tag. in gruppen die bäume /
mit dunklen kapuzen. rechteckige felder, /
die karten eines riesigen solitairespiels.

// in der ferne nahmen zwei windräder /
eine probebohrung im himmel vor: /
gott hielt den atem an.«

Der Autor haut nicht auf die Pauke wie Brecht oder Castorf. Er ist ein bescheidener Schreiber, der im Hintergrund arbeitet. Wenn er zwischen seiner Heimatstadt Hamburg und seiner Wahlheimat Berlin pendelt, dann kann es sein, dass Gott ins Spiel kommt. Wagner braucht dafür keine große Bühne. Auch keinen Skandal. Es geht gut ohne. Er braucht auch keine Literaturpreise, aber er freut sich, wenn er einen bekommt. Es ist ein Fest für eine Gattung, die man Verse schmieden nennt, weil es lange braucht, wenn man dieses Handwerk ehrt. Wer das Feuer der Leidenschaft dafür hat, trägt diese Bürde leicht. Zur Lutherdekade erscheint gerade Pausenpoesie, hundert Tage lang. Jeden Tag ein frischer Impuls unter: www.dasgedichtblog.de //

 

Pater Georg Maria Roers (Bild: Sankt Michaelsbund)

Georg Maria Roers, SJ
Spiritueller Berater und theo-Kuratoriumsmitglied
E-Mail: georgmaria.roers@erzbistumberlin.de

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