Der Weg geht weiter. Klaus Hamburger im Gespräch

Klaus Hamburger. Foto (c) Stephanie Härtel

// theo. Katholisches Magazin. Ausgabe 02/2015

In diesen Tagen wäre Frère Roger, der Gründer und lebenslange Prior der Bruderschaft von Taizé 100 Jahre alt geworden. Vor beinahe zehn Jahren wurde er ermordet. Klaus Hamburger, über dreißig Jahre lang ein Mitbruder von Frère Roger und heutiger Seelsorger im Rheinland, hat jetzt ein Buch über seine Zeit in Taizé vorgelegt: Danke, Frère Roger. theo hat sich mit Klaus Hamburger unterhalten.


Text: Brigitte Schmitz-Kunkel

Fotos: Stephanie Härtel

 

Die Ampel schaltet auf Rot. Der Mittelklassewagen eines Paares in den Vierzigern kommt gerade noch zum Stehen. Es hat in der Mittagszeit einen Termin und ist an der Maas entlang zur Lütticher Innenstadt unterwegs. Plötzlich werden die hinteren Türen aufgerissen, zwei Männer springen herein. ›Bitte, zur Kathedrale‹, gibt der ältere der beiden an. Eine Sekunde Schockstarre, dann wirft der Fahrer einen Blick in den Rückspiegel. Sein Gesicht entspannt sich. Der eine der beiden ungebetenen Fahrgäste, der so genau über sein Ziel Bescheid weiß, ist weiß gekleidet, mit Kapuze. ›Das ist ja Frère Roger!‹, entfährt es dem Belgier.
Natürlich fährt das gekaperte Paar, von dem hier erzählt wird, die beiden ortsunkundigen Geistlichen, die sich in der Stadt verirrt hatten, zur Kirche. Dort beginnt schon das Mittagsgebet, zu dem Frère Roger eingeladen wurde. Menschen warten zu lassen, die sich zum Teil von weit her auf den Weg gemacht hatten, um mit ihm an einem Gottesdienst teilzunehmen – das hätte für den berühmten Gründer der ökumenischen Ordensgemeinschaft von Taizé eine unerträgliche Missachtung des Anderen bedeutet. Lieber griff er da beherzt zum letzten Mittel.
Es sind persönliche Erlebnisse und Begegnungen wie diese, die der Mann aufgeschrieben hat, der Frère Roger damals begleitete: Danke, Frère Roger heißt schlicht Klaus Hamburger soeben im adeo-Verlag erschienener Band, der keine weitere umfassende Monografie des Ordensleiters sein will und auch keine unterhaltsame Anekdotensammlung. Fast 35 Jahre lang, von 1976 bis 2011, lebte und arbeitete der Autor Klaus Hamburger als Frère Wolfgang in der sogenannten »Communauté« von Taizé. Er übersetzte dort unter anderem die Texte von Frère Roger ins Deutsche, betreute die Publikationen der Gemeinschaft, kümmerte sich um die zahlreichen deutschsprachigen Gäste, gestaltete Vieles von dem verantwortlich mit, das noch immer die Strahlkraft von Taizé ausmacht. Heute lebt Klaus Hamburger in Koblenz. Der gebürtige Regensburger arbeitet am Mittelrhein als Seelsorger in einer Justizvollzugsanstalt und in einem Krankenhaus. Daneben hält der 61-jährige Theologe Vorträge, bringt Bücher heraus wie das viel beachtete Buch der Engel mit Aquarellen von Andreas Felger, schreibt für Christ & Welt/Zeit und Christ in der Gegenwart. Ein ungewöhnlicher Weg, der sich im Gespräch als so stimmig erweist wie der der Gemeinschaft, die der Schweizer Roger Schutz mit seinem Leben prägte.
»Was charakterisiert Frère Roger am besten?«, habe er sich gefragt, als der Verlag das Angebot an ihn herantrug, anlässlich des 100. Geburtstags und 10. Todestags von Frère Roger in diesem Jahr ein »lebendiges Erinnerungsbuch« zu verfassen, sagt Klaus Hamburger beim Besuch in seiner gemütlichen kleinen Dachwohnung in der Koblenzer Altstadt. Erst habe er sich gegen die Idee gesperrt; zu nah sei ihm das Thema vorgekommen. Dann aber erkannte er eine Möglichkeit in dieser Spurensuche: »Es waren immer die ganz kleinen Dinge, an denen man sehen konnte, wie er war und dachte«, erklärt Hamburger, der in seinem Buch die Herausforderung meistert, persönliche Erinnerungen festzuhalten, ohne selbst in den Vordergrund zu treten. Wie eng war die Beziehung zwischen ihnen? »Das habe ich bewusst nicht genauer beschrieben – er hatte mit jedem Bruder eine einzigartige Beziehung, das war sein Genie«, sagt Hamburger, der sich seinen bayerischen Zungenschlag bewahrt hat.
Das Prinzip Offenheit, Neugier, Versöhnung durchzieht wie ein roter Faden Leben und Wirken des Protestanten Frère Roger, der nach Theologiestudium und Ordination eine Pfarrstelle in der Schweiz ausschlug. 1940 verließ er die sichere Heimat, um sich in dem im Krieg befindlichen Frankreich um Notleidende, Juden und andere Verfolgte des Nazi-Regimes zu kümmern, aber auch um deutsche Kriegsgefangene. Im burgundischen Dörfchen Taizé kaufte Schutz ein einfaches Gebäude und legte 1949 mit sieben ersten Brüdern das Gelübde der überkonfessionellen »Communauté«, der Gemeinschaft von Taizé ab. »Fromm sein hieß für ihn, über die Grenzen seiner Konfession hinauszugehen«, schreibt der Katholik Klaus Hamburger, der bei seinen ersten Besuchen als junger Mann in Taizé genau die Freiheit des Glaubens genoss, die seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht nur Abertausende von Jugendlichen zum gemeinschaftlichen Gebet in das burgundische Dorf führte, sondern auch an die hundert Ordensbrüder aus 25 Nationen, die heute dort leben.
»Die Versöhnung, der weite Raum, das war der christliche Urgedanke. Das bedeutete nicht Gleichmacherei oder Beliebigkeit«, erklärt Klaus Hamburger. »Frère Roger sah immer nur den Menschen. Und die Frage: Bin ich auf der Höhe der Leute?« Das alles bestimmende Motiv seines Lebens war seit Kindheit an die tiefe Gewissheit: »Gott ist die Liebe«, und die gab er grenzenlos weiter. Stehenbleiben kam dabei nicht in Frage, »er hielt es mit der Vorläufigkeit«, sagt Hamburger, »das Erdreich sollte aufgelockert bleiben, damit immer wieder eine neue Generation kommen kann.« Das Programm der weltweiten Jugendtreffen passte ebenso auf ein din-A4-Blatt wie der Ablauf der Gottesdienste. Die wurden bald von liturgischen Ritualen entschlackt, dafür wurde Platz geschaffen für Zeiten absoluter Stille und einfacher Gesänge, die durch ihre Wiederholungen tief meditativ wirken. Aus der »Regel« der Gemeinschaft wurde nach einiger Zeit die schlichtere »Quelle«, eigene Texte schrieb Frère Roger ohne jede Eitelkeit ein ums andere Mal um. Die allumfassende Gastfreundschaft hörte bei ihm nur auf, wenn Stammgäste Territorialansprüche markierten.
Immer wieder neue Funken sollten den Glauben entzünden; Sinnbild dafür wurde die »Nacht der Lichter«, die vor allem in Deutschland bis heute tausende Jugendliche in die Kirchen zieht. Dass diese dann mit den markanten orangefarbenen Segeln geschmückt sind, ist wohl auch Klaus Hamburger zu verdanken. Einmal habe der Frère Wolfgang in Taizé vorgeschlagen, den Altarraum der »Kirche der Versöhnung« mit etwas zu gestalten, das himmelwärts hinauflodert. Auf Gegenliebe stieß das nicht beim Prior, »er wollte nichts Gotisches, weil das den Menschen klein macht«, so Hamburger.
Was ihn jedoch nicht davon abgehalten habe, ein paar Wochen später orangerote Fahnen aufhängen zu lassen. »Darüber, wie es zu seinem Umdenken gekommen war, fiel nie ein Wort«, schreibt Hamburger lakonisch.
Kenntnisreich, klug und mit warmem Humor verwebt Klaus Hamburger auf über 200 Seiten unzählige Details aus dem geistlichen Innenleben der Gemeinschaft und erschafft ein vielschichtiges, oft berührend nahes Porträt des Ordensgründers, der 2005 im Alter von 90 Jahren in Taizé von einer geistig verwirrten Frau erstochen wurde. Nebenbei entrollt sich ein Stück Zeitgeschichte durch den politischen und sozialen Wandel, auf den man in Taizé durch alle Jahrzehnte ohne Vorbehalte reagierte.
Frère Wolfgang blieb nach seinem Ja zum sogenannten »Lebensengagement« über drei Jahrzehnte in Taizé, dann fühlte er zunehmend, dass ihn »das Leben weiter zieht, dass da etwas ist, das sich nicht aufhalten lässt.« Näher begründen will oder kann Klaus Hamburger die Entscheidung, Taizé zu verlassen, nicht; in seinen tastenden Sätzen lässt sich die Schwere des umfassenden Umbruchs so erahnen wie der Wunsch, niemanden (und sei es durch eine unabsichtlich missverständliche Formulierung) zu verletzen.
Inzwischen ist Klaus Hamburger angekommen. Auch wenn er das Wort nicht in den Mund nimmt: Aus der Energie, mit der er von seinem jetzigen Leben spricht, wird deutlich, dass er es als Fügung empfindet. Franziskanerinnen stellten ihn als Krankenhausseelsorger ein, in der Koblenzer Justizvollzugsanstalt fühlt er sich »zur richtigen Zeit am richtigen Ort«. Mit einem geradezu prophetisch anmutenden Essay zur anstehenden Papstwahl machte er im März 2013 als Autor auf sich aufmerksam. »Ich sauge aus allen Begegnungen Honig, auch für mein Schreiben«, sagt Hamburger. Mit Gefängnisinsassen sprach er über Uli Hoeneß und riet dem gefallenen Bayern-München-Boss anschließend in einem Beitrag für Christ & Welt, den Aufenthalt an seinem »Ort der Wahrheit« als Chance zu begreifen.
Kaum jemand in seinem neuen Umfeld weiß von Hamburgers Vergangenheit, und doch prägt die Botschaft von Frère Roger sein Leben: »Was ich in Taizé empfangen habe, ist mein Alltag, das korrespondiert ungeheuer mit dem, was ich jetzt mache. Im Gefängnis ist der Mensch in der Mitte.« Die Liedzeile »Verschon’ uns Gott, mit Strafen« geht in der überkonfessionellen Andacht auch Muslimen unter die Haut. Und die Zuhörer bei seinen Vorträgen verstehen: »Wenn Jesus sagt, ich war krank, und ihr habt mich besucht. Ich war gefangen, und ihr habt mich besucht – das ist ja der Kern des Evangeliums! Deshalb ist es so wichtig, dass man da als Kirche präsent ist.« »Ich bin unheilbar als Volkskirche unterwegs, man könnte ganz einfache Formen finden«, sagt Klaus Hamburger, der frappierende Übereinstimmungen zwischen Frère Roger und Papst Franziskus sieht. Taizé ist nicht aus seiner Welt verschwunden: »Der Weg geht weiter.« //
Klaus Hamburger: Danke, Frère Roger. Persönliche Erinnerungen
an den Gründer von Taizé. adeo-Verlag, 224 Seiten, 17,99 Euro

3 Gedanken zu „Der Weg geht weiter. Klaus Hamburger im Gespräch

  1. Vielen Dank für diesen Artikel! Wir haben ihn mit dem Materialpool von rpi-virtuell, der überkonfessionellen Plattform für Religionspädagogik und Religionsunterricht verlinkt. Mit freundlichen Grüßen, Andrea Lehr-Rütsche, Redaktion rpi-virtuell, Comenius-Institut Münster

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