Neuland entdecken

Neuland. Foto: (c) Morgan Session. Quelle. https://unsplash.com/morgansessions. Rechte: CC0.0.

// theo. Katholisches Magazin. Ausgabe 02/2015

Wir Menschen sind soziale Wesen. Ohne Berührung sterben wir. Und nur in der Begegnung mit dem Anderen bekommt das eigene Ich Konturen. In der Gemeinschaft sind wir zuhause. Bis sie unsere eigene Entwicklung verhindert. Dann ist es Zeit für einen Aufbruch zu neuen Ufern und zu einem neuen WIR.

Text: Sven Schlebes
Foto: Morgan Session, www.unsplash.com

 

Es ist Frühling. Nicht nur in Osteuropa brechen alte Gesellschaftsbilder zusammen. Etwas zeitverzögert erfassen die häufig als Schockwellen empfundenen Dynamisierungsbewegungen der Jahrtausendwende den gesamten Kontinent und erschüttern unser Selbstverständnis als Menschen und Gemeinschaften: »Wer sind wir eigentlich und was machen wir hier?« Diese eher den Midlife-Crislern vorbehaltenen Sinn- und Ausrichtungsfragen beschäftigen angesichts zahlreicher Herausforderungen – ökonomischer, ökologischer, kultureller, wissenschaftlicher, politischer und spiritueller Art – Menschen in allen Alterschichten. Die Folge: Ein simples »Weiter-So« ist nicht mehr möglich. Zu vielfältig sind die neuen Eindrücke, mit denen wir uns tagtäglich auseinandersetzen müssen. Und zu reichhaltig ist das eigene innere Wesen, als dass es sich mit den alten Lebensmodellen und ihren Erklärungen und Geschichten noch in Einklang bringen ließe.
Mit dir will ich nicht wir sein, rief Deutschlands Internetphilosoph Sascha Lobo den PEGIDA-Anhängern in seiner S.P.O.N.-Kolumne zu und brachte damit semantisch auf den Punkt, was in den letzten zwanzig Jahren Menschen in ganz Europa zur Neugründung zahlreicher Lebens- und Orientierungsgemeinschaften getrieben hat: Die Auflösung alter Gemeinschaftsverbindungen und die bewusste Gründung von neuen »WIRs« zur Entfaltung einer neuen Lebenswirklichkeit. Auf den ersten Blick mag sich das anhören wie spätpubertierendes Gebaren auf der verzweifelten Suche nach der Abgrenzung zum Elternhaus: Irrational und romantisch verklärt und zum Scheitern verurteilt. Schließlich wandern die meisten dieser WIR-Aufbrecher nicht aus, sondern bleiben hier, mitten unter uns. Doch ihre Loslösung aus der alten Gemeinschaft ist ein tiefer, innerer Prozess, der wie bei den meisten von uns schon vor langer Zeit begonnen hat und nun in der Gründung neuer Gemeinschaften gipfelt: seien es neue geistliche Gemeinschaften unter dem Dach der katholischen Kirche, neue Wohn- und Hausgemeinschaften oder komplette Lebensgemeinschaften auf einer ganz eigenen Wertegrundlage. Dieser Aufbruch ist keine »Spinnerphase« und auch kein »Hippie-Revival«. Er ist Teil einer inneren Selbstermächtigung, einer tiefen Selbstfindung und Voraussetzung für eine in den nächsten zwanzig Jahren stattfindende Reaktivierung unserer gesamten Gesellschaft. Und diese Bewegung findet flächendeckend statt – für die meisten von uns noch unsichtbar, weil keine öffentlich arbeitenden Lobbyvereine auf sie aufmerksam machen. Und doch sind sie wirksam. Das mittlerweile periodisch erscheinende Eurotopia-Verzeichnis der alternativen und ökologischen Lebensgemeinschaften stellt in seiner neuesten Ausgabe immerhin über 450 verschiedene Projekte in ganz Europa vor, darunter auch so bekannte wie das Findhorn-Community-Projekt in Schottland, das Ökodorf Sieben Linden in Brandenburg oder den Lebensgarten Steyerberg in Niedersachsen.

Neu ist dieses Phänomen nicht. Bereits während der letzten Jahrhundertwende kam es in Europa zu vielen Neugründungen von Lebensgemeinschaften, die in den meisten Fällen einen reformatorischen Ansatz in den Mittelpunkt stellten (vgl. die Siedlung Eden bei Oranienburg oder die anthroposophischen Camphill-Gemeinschaften). Heute wie damals wird der Mensch als biologisches, spirituelles und kulturelles Wesen wiederentdeckt, dessen Wurzeln von den Modernisierungsherausforderungen im Alltag überwuchert zu werden scheinen.
Ein nachhaltiger Umgang mit den Grundlagen des Lebens, die Wiederentdeckung der Transzendenz und Immanenz, die Neubewertung von Arbeit, Geld, Liebesbeziehungen und eines gesellschaftlich-partizipatorischen Miteinanders in Vielfalt: das sind Fragen, die uns alle mehr oder weniger bewegen und nun wieder vermehrt in Gemeinschaftsexperimenten ausgetestet werden.
Es wäre irrig anzunehmen, dass diese »neuen Gemeinschaften«, in denen sich »eine Gruppe von Menschen entschieden hat, zusammen zu leben oder zu arbeiten, um nach einem gemeinsamen Ideal oder einer Vision zu streben« (Definition sog. »Intentional Communities«, Zeitschrift Communities), dass diese Gemeinschaften frei wären von den Herausforderungen des alltäglichen Lebens. Auch hier halten Neid, Wut, Hass, Misstrauen und Angst Einzug. Doch es herrscht der aufrichtige Wunsch, andere, vor allem authentischere und entschiedenere Antworten zu finden. Engelgemeinschaften, ökologische Wohn- und polyamore Liebesgemeinschaften: Viele der neuen WIRs mögen exzentrisch wirken und lebensfern dazu. Aber es ist der gleiche Gründergeist, mit denen im Laufe der Geschichte zum Beispiel Orden entstanden, um dem Bedürfnis einer wirklichen Lebensnachfolge Jesu Christi Ausdruck zu verleihen. Auch wenn sich nicht alle von ihnen auf den Herrn und Erlöser beziehen.
Sie sind schon jetzt in ihrer ganzen Vielfalt eine Bereicherung für unsere Kultur. Vielleicht haben ja in einigen Jahren der Selbsterfahrung und -erprobung die alten wirs und die neuen wirs Lust auf eine gegenseitige Wiederentdeckung. Das wäre dann wirklich einmal ein großartiges, neues WIR. Echtes Neuland.
Und nach dem Frühling der neuen Gemeinschaften ein neuer, wunderbar warmer Sommer. //

 

Eurotopia Verzeichnis 2015
Informationen:
www.katholischebewegungen.de
www.geistliche-gemeinschaften.de
www.eurotopiaversand.de

Ein Gedanke zu „Neuland entdecken

  1. Vielen Dank für diesen Artikel!
    Er hat einen Bezug zu dem Vortrag von Gerald Hüther > Downloads > Vorträge:
    http://www.gerald-huether.de/populaer/audio/vortraege/
    :::: Heidelberg, 18. – 20. März 2011
    Vortrag | Wer sind wir, und wenn ja, wie viele?
    Zu den spannendsten Auswirkungen der Verbreitung digitaler Medien und Kommunikationsmöglichkeiten zählt die gegenwärtig zu beobachtende und mit enormer Geschwindigkeit sich global ausbreitende Veränderung des „Wir-Gefühls“. Dieses durch keine Institution oder Ideologie erzeugte Gefühl bildet die Grundlage für die Herausbildung eines globalen „Wir-Bewusstseins“, das es in dieser Weise bisher noch nie gegeben hat.

    Weitere Informationslinks:
    http://katholischebewegungen.de/
    http://evangelienharmonie.de/

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