„Liebe ist für mich Magie“ – MissMe im Interview

// theo. Katholisches Magazin. Ausgabe 03/2015

 

MissMe. 2Pac MissMe MissMe. Unicornboobs MissMe. (c) Afrobraz MissMe MissMe (c) Michael Tesler

Für viele Menschen ist Streetart bloß ein Ärgernis, vor allem für Hausbesitzer und Ordnungshüter. Die Kunstwelt jedoch liebt diese archaische Kunstform, die angesichts des Geruchs der Illegalität ursprüngliche Kreativität verspricht. Streetart gestattet den Künstlern, sich den durchgeplanten und oft als anonymisiert empfundenen urbanen Lebensraum zurückzuholen und Freiheit inmitten von kulturell versiegelten und zubetonierten Welten zu leben. Akkurat am Computer geplanten Stadtvierteln stehen Bildergeschichten gegenüber, die von Sehnsucht erzählen, dem Unperfekten und dem, was unterhalb der offiziellen Gesellschaftsdiskursebene wabert und auf sein Lebensrecht pocht. So wie die Heiligenbilder der Schweizer Künstlerin MissMe. Die im Ikonenstil gemalten Musikerporträts zieren mittlerweile die Straßen zahlreicher Großstädte überall auf der Welt und künden von der Unverwüstlichkeit des Metaphysischen. theo-Redakteur Sven Schlebes hatte die Gelegenheit, mit der Schöpferin der Michael-Jackson und 2pac-Ikonen über Gott und die Welt zu reden.

Interview: Sven Schlebes
Portraitfoto: Michael Tesler
Kerzenfoto: Afrobraz
Foto: Miss Me

 

Hallo, MissMe. Es war gar nicht so einfach, Sie ausfindig zu machen. Ihre Galeristen meinen, sie halten es nur drei Monate in einer Stadt aus. Dann packen sie ihre Koffer und ziehen weiter. Was suchen Sie denn so intensiv?
[Lachen.] Das, was alle suchen, oder? Meine Bestimmung. Vielleicht auch so etwas wie eine allgemeine Heiterkeit. Auf jeden Fall: Das, was meinem Leben Sinn und Wert verleiht.

 

Verstanden. Und da, wo ihre Reise begonnen hat, da sind sie nicht fündig geworden?
Nicht wirklich. Geboren bin ich in Genf. Also im alten Europa. Da musste ich irgendwann weg. Jahrelang bin ich um die Welt gereist. Lange ausgehalten habe ich es nirgendwo. Zur Zeit lebe und arbeite ich in Montreal. Ich mag Kanada.

 

Bekannt geworden sind Sie durch Ihre Musikerporträts von George Gershwin, Nina Simone, Billie Holiday, die im Ikonenstil übergroß an Häuserwänden strahlen. Eine ganz eigene Mischung aus Ikonografie und Popkultur ist da entstanden. Haben Sie in der Popkultur das Heilige vermisst oder glauben Sie, dass das Heilige im täglichen Leben fehlt?
Ich glaube, das Religiöse ist immer noch Teil unserer Alltagskultur. Ob es sichtbar ist und gelebt wird, hängt jedoch von jedem selbst ab. Ich habe mich nicht wirklich an einer katholischen Ikonografie orientiert. Es ist vielmehr die orthodoxe Art, das Heilige zu zeichnen, das mich inspiriert hat. Für mich es ist ein einfacher visueller Code, das Heilige darzustellen, etwas, das wir alle verstehen. Aber die ursprünglich dargestellten Personen und Dinge sind so weit weit weg von unserer Kultur, dass sie für die meisten von uns keine Bedeutung mehr haben. Dafür aber gibt es in unserer Gesellschaft Menschen und Dinge, die uns genauso inspirieren können. Ich habe Musiker gewählt. Denn für mich ist Musik eines der wunderbarsten Phänome der Welt.

 

Besondere Berühmtheit hat ihr Ghetto Angel im Treppenhaus des Black Rainbow Magazines erlangt.
Ah, ja. Das ist 2pac. Auch so ein Musik- Heiliger. Einer mit seinem eigenen persönlichen und politischen Kampf. Das mag jeder anders sehen. Für mich – und viele andere auch – ist er enorm inspirierend.

 

Für die Agentur eVe without adam haben Sie 7 »Muses of Eden« erschaffen. Ein Poetisierungsakt?
Keine Poetisierung. Alles, was ich mache, hat eher etwas mit Freude zu tun. Und dazu gehört gerade auch dieses Musending: Ein Frauenkollektiv von sieben Untergrundamazonen, die jede in ihrem Bereich – Streetwear, Partys usw. – eine gewisse Art von Berühmtheit erlangt hat, dargestellt auf eine imposant /humorvolle Art. Das war einzigartig, neu, und wirklich anregend. Sieben kraftvolle Frauen. Echte Musen eben.

 

Ihr natürlicher Lebensraum ist die Großstadt. Wie fühlt sich so ein Leben als Asphaltbewohner an?
Ich liebe die Stadt tief und innig, vor allem die Straßen.

 

Und was für einen Eindruck macht das Leben in diesem urbanen Raum auf Sie?
Wow. Das ist ist eine schwierige Frage. Komplex, würde ich sagen. Es ist wunderschön und schrecklich zugleich. Ein
bunter Mix aus Grautönen, Weiß und Schwarz. Aber das Leben in Gänze erfassen kannst du ja eh nicht. Was wir sehen, ist die uns bekannte Welt. Ein Haufen Definitionen. Unsere Definitionen. Wir wissen und wissen letztendlich doch nichts.

 

Ihre Art, in diesem überwältigen Chaos zu leben, ist die einer Künstlerin, oder wie sie es nennen: einer kunstschaffenden Vandalistin. Was bedeutet das konkret für Sie?
Alles. Aber vor allem bedeutet das, ich selbst zu sein: MissMe.

 

Ihre diesjährige Soloausstellung »Saint Souls: Beauty through hardship« in der Fresh Paint Gallery in Montreal war ein großer Erfolg. Besonders beliebt: ihre Merchandise-Kerzen. Wird aus der kunstschaffenden Vandalin MissMe jetzt eine Kunstunternehmerin?
Ach. [Lachen.] Bloß nicht. Das ist einer der Wege, um ein bisschen von dem Geld zurückzubekommen, das ich auf der Straße lasse. Alles, was ich erschaffe, sind Geschenke an die Stadt. Und die schluckt viel. Also versuche ich, nicht allzu viel zu verlieren. Die Kerzen sind ein kleiner Return. Aber ich bin weit davon weg, eine Kunstunternehmerin zu sein.

 

Also doch eine echte Künstlerseele. Was glauben Sie, ist denn eigentlich eine Seele?
Gute Frage. Ich weiß es nicht. Ich würde es definieren als das magische, lebendige Ding in mir drin, das mich tiefer empfinden lässt, als ich es jemals ausdrücken könnte. Es lässt mich Schmerzen empfinden und erhebt mein ganzes Wesen zugleich empor. Höher, als alles um mich herum. Aber eine Seelendefinition habe ich nicht. So wie die meisten Menschen.

 

Sie setzen sich sehr für Frauen ein. Was bedeutet es für Sie s elbst, eine Frau zu sein?
Oh, ich gehöre damit zur Hälfte der Menschheit. Frau-sein, das ist etwas wirklich Schönes, Kraftvolles. Gut. Wir können schrecklich sein und hart. Viele von uns sind nicht besonders erfolgreich darin, gute Menschen zu sein. Aber das gilt auch für unser Komplementärwesen, den Mann. Wobei: Den Mann als Stereotyp gibt es ja gar nicht. Genausowenig wie »die Frau«. Jeder hat so seine Geschlechterkonstruktion im Kopf. Und die lebt er dann auch. So wie ich meine lebe.

 

Zusammen mit anderen Frauen haben Sie »Desert for Breakfast« ins Leben gerufen. Eine Webplattform, auf der Frauen über Körper diskutieren, Beziehungen und Sexualität. Verfolgen Sie damit eine konkrete Botschaft?
Klar haben wir eine Botschaft. Aber eigentlich sind das vielmehr unsere Meinungen als konkrete Botschaften. Meinungen über die Gesellschaft um uns herum, über Frauen als Vorbilder für das Ausleben ihrer eigenen Sexualität, frei von Scham, lustvoll und bewusst genießend. Vor allem aber geht es um den Respekt vor und für uns selbst. Aber wie gesagt: Das sind weniger Botschaften als Meinungen. Was die Plattformbesucher daraus machen, ist ihre Sache.

 

Glauben Sie in Gott?
Jetzt wird’s intim. Das ist für mich eine sehr private Frage, die ich nicht beantworten möchte.

 

Lieben Sie?
Aber natürlich. Absolut. So sehr, dass es schmerzt und weh tut. Nicht auf so eine dunkle und harte Art. Sondern weil es so intensiv ist. Zu lieben, das schüttelt deinen Körper, wirbelt ihn umher, macht ihn schwach und stark zugleich. Liebe ist für mich die ultimative Magie in diesem Leben.
Was für einen Sinn hat das Leben?
Wow. Das weiß ich wirklich nicht. Aber ich habe vor, das Beste zu tun, um Menschlichkeit und Wahrheit leben zu können.

 

Das sind große Pläne. Sonst noch was?
[Grinsen.] Ich hoffe, dass ich mich selbst irgendwann wesentlich mehr in meiner Seele befinden werde als jetzt. Wo auch immer das sein mag.

 

Vielen herzlichen Dank für das Gespräch.
Informationen zu MissMe:
www.miss-me-art.com
www.facebook.com/missmeart

 

Informationen zur Frühjahrsausstellung »Saints of Soul: Beauty through hardship«
in der Fresh Paint Gallery, Montreal, Kanada:
www.freshpaintgallery.ca

 

Informationen zur Agentur eVe withou adam und dem Projekt »Muses of Eden«:
www.evewithoutadam.com

 

Informationen zur Diskussionsplattform »Desert for breakfast«:
www.dessert-for-breakfast.com

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