theo-Impuls: Dem durstigen Jesus begegnen

// theo. Katholisches Magazin. Ausgabe 03/2015

Es gibt Tage, an denen es sich auszuschlafen lohnt, weil Ferien sind, Urlaubszeit, und man es sich leisten kann. Oder einfach, weil man die Nacht davor durchgemacht hat, und der Schlaf nachgeholt werden muss. Ein wenig schlechtes Gewissen mag man haben, gilt in unseren Breiten Frühaufstehen doch immer noch als Tugend. Die Evangelien reden uns das nicht ein. Die Mittagszeit ist gerade der rechte Augenblick, um Jesus zu begegnen. Auch für eine Frau in Samarien, keine von denen, die, weil Morgenstund Gold im Mund hat, schon in aller Frühe an den Brunnen gehen, um das Wasser für den Haushalt zu holen. Die Sonne steht im Zenit. Da ist weit und breit keine andere Frau mehr zu sehen. Auch Jesus ist allein, er hat die Jünger weggeschickt. Es zieht ihn nicht in die Einsamkeit, sondern zur Wasserstelle. Jesus hat Durst, wie jeder Mensch an einem heißen Tag. Keine lange Rede hat er im Sinn, nur eine kurze Bitte: Gib mir zu trinken! Mit Männern hat die Frau Erfahrung, es wird genug Gründe geben, sie anzusprechen, auf sie anzuspringen, ihr Äußeres, eine Art Leichtsinn in den kleinen Gesten, die Angst, im Leben etwas zu versäumen, wer weiß. Nun hat sie einen vor sich, der um Wasser bittet. Einfach so. Sein Dialekt verrät ihn als Galiläer. Er muss schon sehr durstig sein, wenn er sich dazu herablässt, eine Samariterin anzusprechen.

Wie kannst du?, entfährt es ihr. Ja, wie kann er? Unversehens steht er in Frage. Da gibt ein Wort das andere. Von Gott hat die Frau gehört, seine eigentliche Gabe kennt sie nicht. Sie kann sie nicht erkennen, obwohl sie in Jesus vor ihr steht und sich ihr zuwendet. Seine Bitte könnte auch die ihre sein, sein Durst ist nicht weit entfernt von dem, den sie empfindet. Nur ist es kein Verlangen, das man mithilfe eines Gefäßes aus dem Brunnen stillt, vielmehr mit einem Wasser, das Jesus das lebendige nennt, das Wasser des ewigen Lebens. Unvermittelt ist er auf die Innenseite gewechselt, wo die gewöhnlichen Dinge eine ganz andere Bedeutung bekommen, Zeichen werden für das, was in der Alltagsarbeit untergeht. Die Frau hat Sinn für diese Poesie, sonderbar aber klingt sie in ihren Ohren. An Selbstbewusstsein scheint es dem Mann nicht zu fehlen. Wofür hält er sich? Er will hier Wasser ausgeben, ohne jedes Gefäß? Hat er doch nicht einmal diesen Brunnen gegraben. Das war Stammvater Jakob, mit dem er sich nicht verwechseln sollte. Dem ist das Wasser hier zu verdanken. Das andere erschließt sich ihr nicht. Wer hierherkommt, muss immer wieder kommen, gibt Jesus ihr zu verstehen. Wer trinkt, was ich zu vergeben habe, hat es ein für alle Mal in sich, und es wird nicht versiegen. Sollte das ein Wunderwasser sein, mit dem man sich die tägliche Schlepperei vom Brunnen nachhause erspart?
Sie sieht nur die Mühen des Alltags. Da spricht Jesus sie auf das an, was bei ihr nicht alltäglich ist. Er fragt sie nach ihrem Mann, und sie gibt die schräge Auskunft, sie hätte keinen. Richtig, sagt Jesus ihr auf den Kopf zu, einen habe sie nicht, der derzeitige sei schon ihr sechster. Die Frau sieht sich durchschaut – und bleibt beim Thema: Wer ist der Mann, der vor ihr steht und ihr nichts vorenthält? Sie hat’s: Er ist ein Prophet. Und, ein paar Gedanken weiter: Ich weiß noch mehr, ich weiß, dass der Messias kommt, er wird uns alles verkünden. Alles? In diesem Augenblick geschieht es. Jesus offenbart sich ihr wie eine sich ergießende Quelle: Ich bin es, der mit dir spricht. Der Sommertag ist nicht zu Ende, nur diese Zweisamkeit. Die Jünger kehren zurück, Jesus hat keinen Hunger mehr, die Frau lässt den Krug stehen und rennt ins Dorf. Die Menschen lassen sich auf das Gerede einer Dame von zweifelhaftem Ruf ein, aus der es wie aus einer Quelle sprudelt, laufen ihr hinterher, sie weiß wohin. Worüber Jesus mit ihnen spricht, die ihn bald neugierig umringen, ob er überhaupt etwas sagt, wird nicht berichtet. Was hätte ich herausgehört, bei mir gedacht? Wenn Gott ein Wasser gibt, das in uns zur Quelle wird, wie Jesus meint, muss er großes Vertrauen in uns haben. Besser wäre es, er würde das Wasser Eimer für Eimer, Glas für Glas verteilen. So wäre er sicher, dass wir immer wieder zurückkommen, sobald das Gefäß leer ist, und ihn gewiss nicht vergäßen. Das wäre klug.
Er, den wir als den Großen Gott besingen, ist klüger. Er hat das Format, sich uns ein für alle Mal zu schenken, damit wir unbefangen auf ihn zugehen können, nicht aus Not, reiner Notwendigkeit. Und uns auch gegenseitig nicht in Abhängigkeit halten, sondern darüber freuen, dass diese Quelle in jedem Menschen aufbrechen kann. Aus Liebe verschenkt sich Gott an uns. Das hat Jesus auf die Erde gebracht und in die Herzen, darin ist er der Christus. Ich würde glücklich  nachhause gehen an jenem Sommertag, an dem es wieder einmal spät geworden sein dürfte. Wäre die Frau aus Samarien noch geblieben, erschiene sie wohl am auch nächsten Tag erst gegen Mittag am Brunnen, für das Brauchwasser wenigstens doch. //
(Johannes 4, 5-30)

 

(c) adeo-Verlag. Klaus Hamburger

Klaus Hamburger ist Seelsorger und arbeitet am Mittelrhein in einer Justizvollzugsanstalt und in einem Krankenhaus.
Er ist Autor des Buches: Danke, Frère Roger! adeo-Verlag.
Foto: (c) adeo-Verlag.

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