Editorial 04/2015

// theo. Katholisches Magazin. Ausgabe 04/2015

 

Liebe Leserinnen und Leser,

und auf einmal ist alles anders. Wirklich und ganz real. Wir Menschen haben die Angewohnheit, jahrelang über Dinge und Sachverhalte zu reden, Projekte zu planen. Mit jedem Wort haben wir das Gefühl, teilzuhaben an der Veränderung und bestens gerüstet zu sein für das, was kommt. Doch in Wahrheit wird die Angst vor dem Unausweichlichen größer. Wir verharren in Wort- und Gestenhülsen, ohne Kontakt zur Ursprungsquelle. Unser Reisegepäck ist voller Fast Food, was fehlt ist die Kraftnahrung. Gestrandet im Niemandsland sind wir hilflos, wenn das Andere, vor dem wir tief im Inneren Angst haben, Wirklichkeit wird.
Das gilt für den scheinbar nicht enden wollenden Flüchtlingsstrom genauso wie für den Tod enger Weggefährten wie Pater Antonin.
Schmerzhaft wird vor allem uns Schreibern deutlich, die wir ja im Reich der Worte zuhause sind, wie dicht, um mit dem Ausnahmekünstler Bert Gerresheim zu sprechen, der in diesen Tagen seinen 80. Geburtstag feiert, wie dicht das wirkliche Leben ist, wie reichhaltig – an Freud und Leid. Schreiben können wir viel. Doch das Leben – und mit ihm Gott – ist größer, geheimnisvoller und ganz anders, als wir gerne hätten. Gerade und vor allem angesichts der großen Un-Themen unserer Gesellschaft: Leid, Schmerz und Tod. Ein Themenkomplex, dem die Religionspädagogin Cornelia Gorenflo mit ihrem Trauercafé Raum geben will. Unkompliziert, ohne Religionsgrenzen. Denn wenn das Große kommt im Leben, ist alles anders. Dieser Herbst hat uns theo-Macher nochmal richtig in das Leben geworfen. Und wir geben gerne zu, dass uns die Wucht der persönlichen und weltweiten Ereignisse sprachlos und ohnmächtig macht. Vieles wurde relativ und der Boden, auf dem wir stehen, schwankte. Doch während der Arbeit an dieser Ausgabe kamen wir in Kontakt mit Menschen, die uns an unsere eigenen Ausgangspunkte und an die Quelle erinnerten: Gott, das Mysterium einer sich ständig verwirklichenden Liebe – und an die Freiheit, kreativ mitzuwirken. Manchmal unkonventionell wie das Künstlerduo Various & Gould, die neue Heilige kreieren. Oft mutig, wie Anton Aschenbrenner, der seiner Berufung als katholischer Priester entsagte und in einer neu gegründeten Familie der Liebe Gottes Ausdruck verleiht.
Die Menschen, die wir trafen, waren anders als wir selbst. Und auf ihre Weise doch so nah. WIR, das so große und gern beschworene Wort, wurde greifbar. Grund genug, die Herbstausgabe nach dem Frühlingsschwerpunkt »Wir« erneut dem großen Gemeinschaftsprojekt zu widmen. Wir suchen mit dem Kulturjournalisten Alexander Kissler nach unseren eigenen Grundlagen und fragen mit Pater Georg Maria Roers nach den Wünschen der Gläubigen in einer scheinbar immer »unwirklicher« werdenden Welt.
Doch so groß die Herausforderungen scheinen mögen: Im Ende den Anfang zu finden war schon immer die große Stärke von uns Christen.
In diesem Sinne wünschen wir uns allen ein reichhaltiges Erntedankfest.

 

Ihr
Sven Schlebes und das theo-Team

Sven Schlebes. Fotograf: Yves Sucksdorff

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